• „Bahnfahren ist mehr als eine Fernreise“ Der Vorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn fürchtet um das Interesse am Kunden

Zeitung Heute : „Bahnfahren ist mehr als eine Fernreise“ Der Vorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn fürchtet um das Interesse am Kunden

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KARLPETER

NAUMANN

ist Vorstandsvorsitzender des Verbraucherverbands Pro Bahn und beschäftigt sich besonders mit der

Tarifpolitik der Bahn.

Foto: R/D

Herr Naumann, das neue Tarifsystem bei der Deutschen Bahn läuft seit fast drei Monaten, jetzt flächendeckende Warnstreiks – verspielt die Bahn ihr Image?

Ein bisschen schon. Die Bahn hat eine Reihe von Marketingflops gelandet und ist dafür harsch kritisiert worden. Ein Großteil der Bevölkerung glaubt, Bahnfahren sei nicht mehr flexibel. Das führt zu rückläufigen Fahrgastzahlen.

Die Bahn auf dem Holzweg?

Sie ist zumindest nicht auf dem Weg, mehr Kunden zu gewinnen. Das sollte aber der Weg sein, den Kunden und Bahn gemeinsam nehmen.

Was ist der grundsätzliche Fehler?

Die Bahn denkt zu wenig an die Kunden. Die Bahn hat sich selbst in ihrem System entfremdet. Es ist sicherlich gut, neue Manager von der Lufthansa zu holen, aber wenn alle von der Lufthansa kommen und selten Bahn fahren, ist das sicherlich nicht der richtige Weg, um die Sache nach vorne zu bringen. Bahnfahren besteht nicht nur aus der ICE-Sprinterstrecke Berlin-Frankfurt, sondern auch aus der Urlaubsfahrt von Berlin nach Garmisch-Partenkirchen oder an die Nord- oder Ostsee. Die Fahrt nach Frankfurt/Oder, um Freunde zu treffen, gehört ebenso dazu wie ein Tagesausflug nach Templin oder Warnemünde. All das kann und ist Bahnfahren. In dieser Gesamtheit muss das verstanden werden. Es ist eben mehr als die im Voraus gebuchte Fernreise mit feststehenden Terminen.

Sie wollen also mehr Züge, mehr Strecken und das alte Tarifsystem?

Es gibt zu wenig interessante Angebote. Die Bahn muss sich auch um flexible Kunden bemühen, die ein Auto vor der Tür stehen haben und eben nicht sieben Tage im Voraus etwas buchen möchten. Die setzen sich lieber spontan ins Auto und fahren los.

Und wer soll das bezahlen?

Natürlich muss die Bahn sich überlegen, was sinnvoll ist. Aber die Konkurrenz macht es doch vor. Beispiel: der InterConnex, der von Berlin nach Gera, Zittau, Stralsund und anderswohin fährt. Hier kann der komfortbewusste Reisende reservierungspflichtige Sitzplätze bekommen und der Spontanreisende muss im Zweifelsfall stehen. Aber Preise wurden auf ein niedriges Niveau gesenkt, und man braucht weder eine Bahncard noch sonst etwas. Vielfahrer bekommen 30 Prozent Rabatt auf eine Zehnerkarte, aber das war es dann auch. Bei der Deutschen Bahn habe ich keine übergroße Mühe, um für die Hin- und Rückfahrt zwischen zwei deutschen Großstädten 100 verschiedene Preise zu bekommen.

Sie wollen das alte Tarifsystem zurück?

Man muss sicherlich was Neues machen, und das sollte man stufenweise einführen, um auch aus Fehlern lernen und korrigieren zu können. Das haben wir auch schon bei diesem Preissystem gefordert. Aber wenn man ein neues Preissystem macht, benötigt man auch ein neues EDV-System. Man kann nicht ein Tarifsystem für das 21. Jahrhundert auf einer EDV-Anlage aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts machen.

Bahnchef Hartmut Mehdorn glaubt, dass die Bahn bald schwarze Zahlen einfährt. Sind Sie auch so optimistisch?

Das mag sein. Auch eine kleine Bahn kann schwarze Zahlen schreiben. Das ist nicht der Punkt. Wenn die Bahn universelles Verkehrsmittel sein soll, muss es ein flächendeckendes Angebot geben.

Gelingt das durch mehr Konkurrenz und mehr Wettbewerb?

Im Nah- und Regionalverkehr, also überall dort, wo es auch private Anbieter gibt, strengt sich die Deutsche Bahn an und macht ebenfalls interessante Angebote und stellt sich dem Markt.

Deutsche Bahn – die Volksbahn?

Wenn die Politik es will, wird das so werden. Dafür muss das Schienennetz aber brutal geöffnet werden, um das Monopol ähnlich wie auf dem Telekommunikationsmarkt aufzubrechen. Solange es nur einen Monopolisten gibt, der macht, was er will, haben wir diese Chance nicht.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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