Zeitung Heute : Bahr wird 80 und Ehrenbürger

Der Tagesspiegel

Im Rathaus Schöneberg formten Willy Brandt und Egon Bahr die ersten Bausteine der Entspannungspolitik. Das ist 40 Jahre her. Im Roten Rathaus erhält Egon Bahr an seinem 80. Geburtstag am 18. März feierlich die Ehrenbürgerschaft Berlins. Nur die CDU findet die höchste Auszeichnung der Stadt für den SPD-Politiker „nicht angemessen“. Zwar habe „sich Herr Bahr Verdienste um unsere Stadt erworben“ und die CDU habe „Respekt vor seiner politischen Lebensleistung“, aber sie betrachte Bahrs „Rolle zur Einheit Deutschlands und Berlins sehr kritisch“, schrieb CDU-Fraktionsgeschäftsführer Frank Henkel an Parlamentspräsident Walter Momper. SPD, PDS, FDP und Grüne erklärten ihr Einverständnis. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begründete die Ehrung mit Bahrs Verdiensten um die Ostpolitik und mit dessen „Weitsicht, Ausdauer und politischem Geschick“.

Egon Bahr wechselte vom Journalismus in die Politik. Er war unter anderem von 1948 bis 1950 Korrespondent des Tagesspiegel, später Kommentator beim RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor). Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt holte ihn 1960 als Senatssprecher ins Rathaus Schöneberg. Seither war er der engste Vertraute Brandts. Unter dem Schock des Mauerbaus leiteten beide den Kurswechsel in der Ostpolitik ein. Als Willy Brandt 1966 Bundesaußenminister unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger (CDU) wurde, machte er „tricky Egon“, wie man Bahr wegen seiner Fähigkeit zur Geheimdiplomatie nannte, zum Sonderbotschafter und Chef des Planungsstabes im Auswärtigen Amt. Unter Brandt als Kanzler handelte Bahr in Moskau 1970 als Kanzleramtsstaatssekretär den deutsch-sowjetischen Vertrag aus. Nach diesem Muster folgten der Vertrag mit Polen und der Grundlagenvertrag mit der DDR von 1972.

Unter Helmut Schmidt war Bahr Bundesentwicklungshilfeminister. Nach dem Ende der sozial-liberalen Ära widmete er sich wieder der Ost-West-Politik und machte mit unkonventionellen Abrüstungsideen von sich reden. Auf scharfe Kritik stieß Bahr 1988 mit seinem Vorschlag, Friedensverträge mit beiden deutschen Staaten im Rahmen einer europäischen Sicherheitsordnung zu schließen. Doch die Mauer fiel, und im Einigungsprozess 1990 spielte er eine Rolle als Berater des letzten DDR-Verteidigungsministers Rainer Eppelmann (CDU).

Brandts Architekt der Ostpolitik wird der 110. Ehrenbürger Berlins seit 1813. Auf gemeinsamen Wunsch von Senat, Magistrat, Abgeordnetenhaus und Stadtverordnetenversammlung erhielt am 29. Juni 1990 Richard von Weizsäcker die Ehrenbürgerwürde. Für ihre Verdienste um die Einheit wurden 1992 Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Ronald Reagan ausgezeichnet, später auch Hans-Dietrich Genscher.

Alle Bundespräsidenten von Theodor Heuss bis Roman Herzog, alle Bundeskanzler von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl wurden bisher Ehrenbürger Berlins – und auch der Vater der Luftbrücke, der amerikanische General Lucius D. Clay. In der Ehrenbürger-Galerie im Preußischen Landtag wird bald auch Bahrs Bild in einer Reihe mit dem Brandts hängen.

Brigitte Grunert

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