Zeitung Heute : Bald größer als die Luft- und Raumfahrt

Der Ausbau der Solarenergie entlastet die deutsche Volkswirtschaft und schafft Spielräume für neue Investitionen

Alexander Morhart

Der Gesetzgeber fördert die Stromgewinnung aus Sonnenlicht. Die wichtigste Maßnahme ist die, im Erneuerbare-Energien-Gesetz einen ausreichend attraktiven Preis festzulegen, den die Betreiber des Strom-Verbundnetzes an die Einspeiser von Solarstrom zu zahlen haben. Dieser Preis ist unterschiedlich, je nach Art und Größe der Photovoltaikanlage. Aber er orientiert sich durchweg an den Gewinnungskosten, die derzeit noch über dem Tarifpreis an der Steckdose liegen.

Mit dem massiven Ausbau der Photovoltaik in den vergangenen Jahren haben die Zahlungsströme zwischen Stromverbrauchern und Solaranlagenbetreibern im Dienste weiter steigender Solarstromanteile, das so genannte „EEG-Vergütungsvolumen“, die Schwelle von einer Milliarde Euro jährlich bereits 2006 überschritten – trotz regelmäßig sinkender Einspeisetarife je Stromeinheit. Um den Sinn dieser Zahlungsströme beurteilen zu können, muss man einen Blick auf die volkswirtschaftlichen Wirkungen der Solarstromnutzung in den kommenden Jahren und der weiteren Zukunft werfen.

In spätestens 20 Jahren, so schätzen Experten der Solarbranche, werden Photovoltaikanlagen einen Anteil von zehn Prozent am deutschen Strommix überschreiten und damit ungefähr die gleiche Strommenge produzieren wie derzeit die heimische Steinkohle. Über drei Millionen Solaranlagen würden demnach 2030 der deutschen Volkswirtschaft Importe von Steinkohle und Erdgas im Wert von mehr als drei Milliarden Euro ersetzen. Auf diese Weise kämen bis 2030 volkswirtschaftliche Einsparungen von mehr als 28 Milliarden Euro zusammen, wenn sich Gas und Kohle jährlich um fünf Prozent verteuern.

Spätestens zur Mitte des 21. Jahrhunderts wird Solarstrom nach Einschätzung des Bundesverbands für Erneuerbare Energien dann 25 bis 30 Prozent des Stroms liefern. Geeignete Gebäudeflächen stellen nach der Beurteilung des Verbands keinen Engpass für eine solche Entwicklung dar. Im Gegenteil: Der Zubau an Photovoltaik werde sich erheblich beschleunigen, wenn Mitte des kommenden Jahrzehnts die Erzeugungskosten von dezentral produziertem Solarstrom unter das Niveau der konventionellen Stromtarife fielen.

Die Solarwirtschaft argumentiert, der Wirtschaftsstandort Deutschland profitiere von der Markteinführung der Photovoltaik. Neben der Wertschöpfung im Inland werden positive volkswirtschaftliche Effekte durch steigende Exportraten angeführt. Spätestens 2009 sieht sich die Solarindustrie als Nettoexporteur. Mit anderen Worten: Deutsche Solarfabriken werden ab da mehr Solarzellen und Solarmodule produzieren, als hierzulande installiert werden.

Die Produktionskapazitäten dafür bestehen bereits. So wird die Exportrate von derzeit rund 40 Prozent in den nächsten Jahren auf etwa 75 Prozent steigen. Der Auslandsumsatz von Zulieferern, Industrie und Großhandel der deutschen Solarwirtschaft werde von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf etwa 24 Milliarden Euro im Jahr 2020 anwachsen, bis 2030 sogar auf geschätzt 40 Milliarden Euro. Analog zum deutschen Maschinen- und Anlagenbau gilt für die Solarindustrie ein durchschnittlicher Weltmarktanteil bei den wichtigen Schlüsselkomponenten von langfristig rund 20 Prozent für realistisch.

Angesichts einer derartigen Entwicklung würden sich die Umsätze der deutschen Solarindustrie von rund 5,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf gut zehn Milliarden Euro zum Ende des Jahrzehnts erhöhen. 22,5 Milliarden Euro wären es 2020 und 37 Milliarden Euro im Jahr 2030. Schon innerhalb der nächsten zehn Jahre wäre damit die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie überflügelt.

Analysten beim Europressedienst in Bonn rechnen damit, dass sich bis zum Jahr 2030 allein die von der Solarwirtschaft gezahlte Gewerbe-, Körperschafts- und Einkommenssteuer auf 40 Milliarden Euro anhäuft. Die Beschäftigtenzahlen in der Solarstrombranche sollen von derzeit 42 000 Beschäftigten auf rund 55 000 im Jahr 2010, 113 000 im Jahr 2020 und 165 000 bis zum Jahr 2030 steigen. Bei einer volkswirtschaftlichen Betrachtung dürfen auch solche Kosten- und Nutzenbeträge nicht unter den Tisch fallen, die zwar real entstehen, wegen unvollständiger nationaler und internationaler Besteuerung jedoch nicht angemessen in den finanziellen Bilanzen der Wirtschaftsteilnehmer abgebildet werden.

Noch ein Wort zu den Klimakosten: In Deutschland produzierter Solarstrom kann bis 2030 voraussichtlich rund 30 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen. Dadurch und durch die Verringerung anderer Luftschadstoffe sind Einsparungen von externen Kosten im Gesundheitssektor und im Umweltschutz von insgesamt rund 16 Milliarden Euro bis 2030 verbunden. Andernfalls müssten die Bürger diese Summe über Kassenbeiträge und Steuern aufbringen. Die bestätigen zwei Studien des Deutschen Zentrums für Raumfahrt und der Fraunhofer-Gesellschaft. Alexander Morhart

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