Zeitung Heute : Bald wipfelst auch du …

Von Martin Kilian

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Der Stress umklammerte sein Herz wie eine kalte Hand. Täglich überschlugen sich die Neuigkeiten. Irak. Angelinas Baby in Gefahr. Lauschaffäre. Schwule Cowboys. Bleiern legte der Korrespondent den Griffel aus der wundgeschriebenen Hand. Langsam glitt sein Blick auf die Uhr. Oho! Bereits 18 Uhr Ortszeit Washington, Mitternacht also in Europa. Redaktionsschluss! Gewiss las der Chef bereits Marquis de Sade. Schweren Schrittes schleppte sich der ausgeblutete Lohnschreiber vor den Fernseher. Vorsichtig sah er sich um. Keine Menschenseele. Es war sicher.

Und dann, jawohl, und dann schaltete ich sofort und ohne Umschweife auf jenen Kanal, der mir das tägliche Om bringt, ein süßes Karma der Erquickung, der Abschaltung und des tiefsten Wohlbefindens. Wellness, Baby! Der Wetter-Kanal! Yes, Ma’am! Das Wetter im Kabelnetz. Rund um die Uhr sorgt dieses Naturheilmittel für intellektuelle Entschlackung. Denn in beruhigenden Tonlagen teilen die diensthabenden Meteorologen Sachverhalte mit, auf die weder ich noch sonst jemand Einfluss hat.

Alle zehn Minuten wird zudem das Washingtoner Wetter ausgesendet, unterlegt von musikalischem Balsam wie Pat Metheny oder Kenny G. Abends lockt „Storm Stories“, eine spannende Serie über wüste Stürme, dazwischen flimmern elegische Werbespots für Putzmittel, Frühstückskost und sonstigen Krempel. Oft drehe ich den Ton ab, um passende Musik aufzulegen. „Stormy Monday“ mit T. Bone Walker. „Es regnet Männer“ von den Weather Girls. Oder R.E.M’s „Pop Song 89“. „Sollen wir über das Wetter reden?“, wird darin gefragt.

Amerikanisches Wetter, weil Wetter einer Supermacht, ist ungleich wichtiger als das Wetter im niedlichen Europa, und geruhsam nimmt die Nation vor der Wetterkarte Platz, um sich wie ich mit einer Dose Budweiser und einem Snack („Cheese Doodles“) von den Mühen der Globalisierung zu erholen. Umgehend setzt Frieden ein. Über allen Wipfeln ist Ruh’. Bald wipfelst auch du. Nie ändern sich die Grundmuster dieses sagenhaften Entertainments: Westliche Winde blasen über die Prärien und die Appalachen auf Washington zu. Eine Kaltfront röhrt aus Kanada heran. Feuchtigkeit aus dem Golf von Mexiko zieht herauf. Im März und April sind Tornados angesagt, vom Juni bis zum Oktober toben Wirbelstürme. Welch eine Massage der Seele! Welch eine Betäubung der Sinne! Om!

Nun gab und gibt es leider diverse Versuche, selbst das Wetter zu politisieren. „Du brauchst keinen Wettervorhersager, um zu wissen, woher der Wind weht“, nuschelte subversiv Bob Dylan – geradeso Ausdruck einer typisch linken Arroganzhaltung wie die kriminelle Energie der terroristischen „Weathermen“, die Bomben quer durch Amerika warfen, bis das FBI zugriff und sich die Wetterlage normalisierte.

Jetzt kippt sie wieder. Erderwärmung und Klimawandel bedrohen mein persönliches Rückzugsgebiet. Ausgerechnet der Wetterkanal hat Sondersendungen darüber, die einem das Budweiser entgleiten lassen. Man omt vor sich hin, und – zack! – versiegt der Golfstrom und balzen die Rotkehlchen Mitte Januar. Wer könnte es G. W. Bush also verdenken, dass er den Kopf in den Sand steckt und das neue Wetter ignoriert? Er und ich wollen kein neues Wetter, wir brauchen das alte, uns vertraute.

Vollstes Verständnis hege ich, wenn der Präsident den streitbaren Romancier Michael Crichton konsultiert, der den Klimawandel ins Reich der Märchen verweist. Eine volle Stunde parlierten die beiden und stimmten dem Vernehmen nach voll überein. Gute Nachrichten verlangt der Feierabend, nicht Horror. Ganz in meinem Sinne strich die Nasa kürzlich aus einer Pressemitteilung die Nachricht, die Sonne werde dereinst sterben. Die Behörde, so Sprecherin Erica Hupp, wolle „die Öffentlichkeit nicht mit Untergangsszenarien erschrecken“.

Klar doch! Ginge die Welt unter, gäbe es kein Wetter mehr. Und wie, bitteschön, soll ich mich dann entspannen?

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