Zeitung Heute : Balkan-Krise: Die Brücke über den Vardar

Stephan Israel

Die steinerne Brücke ist schmal und hat in der Mitte einen Buckel, so dass man von der einen Seite nicht sehen kann, was sich auf der anderen abspielt. Unten zieht der Vardar in seinem betonierten Bett einen weiten Bogen, oben bieten Roma auf Pappkartons ein Sortiment von Sonnenbrillen, Büstenhaltern und Batterien an. Am Nordufer beginnt nach wenigen Metern der alte türkische Bazar, gleich dahinter liegen der Freiluftmarkt und der Stadtteil Zair. Wer sich auf dem Buckel umdreht und Richtung Süden wendet, kann die hohen Wohntürme und die Regierungsgebäude im Baustil der kommunistischen Ära sehen. Der Vardar schneidet Skopje entzwei: im Norden die vom schweren Erdbeben 1963 verschonten Überreste des türkischen Viertels mit der alten Burg, im Süden die moderne, neuzeitliche Stadt. Zugleich bildet der Vardar die Grenze zwischen dem mehrheitlich albanischen Teil im Norden und dem Wohngebiet im Süden, wo die slawischen Mazedonier gerne unter sich bleiben.

Skopje, eine geteilte Stadt? Vielleicht ist es nicht ganz so, doch die ethnische Trennung wird Jahr für Jahr deutlicher. Wer sich auf der falschen Seite sieht, kann über eine einschlägige Immobilienagentur den schnellen Wechsel organisieren. Manchmal hilft die Umgebung mit sanftem Druck oder unterschwelligen Drohungen auch etwas nach. Slawische Mazedonier ziehen vom Nord- ans Südufer des Vardar in die moderneren Wohnblöcke und Hochhäuser. Dort wird die Wahrscheinlichkeit immer geringer, albanische Nachbarn zu haben. Im Einkaufs- und Vergnügungszentrum im südlichen Teil der Stadt wird streng darauf geachtet, dass sich daran nichts ändert. Manche albanischen Geschäftsleute sollen schon mazedonische Strohmänner vorgeschickt haben, um sich doch noch ins Prestigeobjekt einzumieten.

Die schleichende Entfremdung von Albanern und slawischen Mazedoniern hat schon vor Jahren begonnen, als der kleine Balkanstaat noch nicht am Rande des Bürgerkriegs stand. Heute ist an manchen Tagen der Geschützdonner vom Kampfgebiet an der Grenze zum Kosovo bis in die Hauptstadt zu hören. Am Nordufer des Vardar, im alten türkischen Bazar, spricht der albanische Besitzer einer Wechselstube mit gerunzelter Stirn von "Belfast" und von "Beirut". Die sonst so belebten Gassen des Bazars sind leer. Einige der Juweliere finden es nicht einmal mehr der Mühe wert, ihre Ware in den Schaufenstern auszulegen. Seit im Westen und Norden des Landes geschossen wird, bleiben die Kunden aus. "Niemand will jetzt Geld ausgeben, alle bereiten sich auf das Schlimmste vor", weiß ein jüngerer Mann, Besitzer eines Schuhgeschäfts in der Altstadt. Wer an Flucht denkt, kauft keine Schuhe und auch keine Juwelen. Der Schuhverkäufer hat zwei Kinder, und die fragen ihn jetzt, ob es Krieg geben wird. Jeden Abend sehen sie die martialischen Bilder im Fernsehen, und einige Nachbarn haben das Land aus Furcht schon verlassen.

Und wie steht man am albanischen Ufer des Vardar zu den Forderungen der bewaffneten Rebellen, der "Nationalen Befreiungsarmee" (UCK)? Die albanischen Geschäftsleute im türkischen Bazar sind sich einig, dass die Rebellen keine "Terroristen" sind. Weiter oben, auf dem Freiluftmarkt, wo mit Billigwaren aller Art gehandelt wird, ist die Stimmung noch radikaler. Es ist der Markt der armen Leute. Wenn es sein müsse, werde jeder Albaner bei der UCK mitmachen, glaubt Ahmet, ein 30-jähriger Albaner, der unter einem Wellblechdach Plastiksandalen verkauft. In seinem Leben, sagt Ahmet, habe er noch nie einen richtigen Job gehabt. Die Mazedonier am anderen Ufer, glaubt er, hätten es viel besser. "Von denen kriegt doch jeder Wohnung und Arbeit vom Staat."

Auf dem Weg zurück Richtung Süden, direkt an der steinernen Brücke über den Vardar, steht die Kirche Sveti Dimitrija. Ein orthodoxer Priester im schwarzen Gewand streckt seinen Bauch vor und erzählt, was er von den albanischen Mitbürgern hält. "Wir Slawen sind ja sehr tolerant", sagt er und präsentiert - "wir kennen sie, die Albaner" - breitwillig die ganze Bandbreite der Vorurteile und rassistischen Klischees. Die Albaner seien nicht so kultiviert wie die Slawen, eigentlich geradezu barbarisch. 95 Prozent der Kriminalität in der Stadt gingen auf das Konto der Albaner. Und während eine mazedonische Familie sich mit höchstens zwei Kindern begnüge, brächten die Albaner es auf fünf, acht oder noch mehr Nachkommen: "Es ist ihre Politik, das Terrain zu besetzen." Er spricht vom Ring aus albanischen Dörfern, der rund um Skopje immer dichter werde und der Hauptstadt langsam, aber sicher die Luft abschneide. Auch die Hauptstadt selbst sei heute bereits zu einem guten Drittel albanisch.

Viele Mazedonier am Südufer des Vardar tragen die über Generationen überlieferten Vorurteile nicht so unverblümt vor wie der orthodoxe Priester. Aber es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass sie doch so denken wie er: Ein albanischer Theaterdirektor weigert sich, eine nicht rein albanische Aufführung in sein Programm aufzunehmen. Ein mazedonischer Theaterdirektor tut sich schwer, albanische Schauspieler auf seiner Bühne zu akzeptieren. Mazedonische Eltern wollen keine albanischen Kinder im Hort; die nationale Identität der Zöglinge könnte sonst gefährdet sein. Die Albaner, mit rund einem Drittel der Bevölkerung die Minderheit im Land, müssen selbstverständlich die Sprache der Mehrheit lernen. Die slawischen Mazedonier weigern sich hartnäckig, sich auch nur Grundkenntnisse der Sprache ihrer Mitbürger anzueignen. Laut einer Umfrage kann sich so gut wie niemand vorstellen, einen Angehörigen der anderen Volksgruppe zu heiraten.

Mazedonien ist klein und doch in zwei Welten geteilt. In Skopje verbindet sie nicht viel mehr als eine steinerne Brücke.

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