Balkankrieg : Stadt unter Beschuss

Am 6. April 1992 beginnt die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts: Sarajevo wird von bosnischen Serben eingekesselt.

Vorsicht Heckenschütze! Einsehbare Kreuzungen und Plätze waren gefährliche Orte – die Menschen überquerten sie rennend.
Vorsicht Heckenschütze! Einsehbare Kreuzungen und Plätze waren gefährliche Orte – die Menschen überquerten sie rennend.Foto: akg-images / AP

Die Schüsse kommen von oben. Sie schlagen ohne Vorwarnung mitten in der Menge ein. „Scharfschützen!“, schreit jemand. Die Menschen rennen auseinander. Zwischen 40 000 und 50 000 sind an diesem 6. April 1992 vor das Parlamentsgebäude in Sarajevo gezogen und dann weiter zum rund 150 Meter entfernten Hotel Holiday Inn, wo seit einiger Zeit Radovan Karadžic und die Führungsebene seiner Serbisch Demokratischen Partei (SDS) die oberen Etagen bewohnen. Ihnen wollen die Friedensdemonstranten zeigen: Wir halten zusammen! Euer Nationalismus kann uns nicht auseinanderreißen!

Es ist das letzte große Aufbäumen der bosnischen Hauptstadt, der letzte Versuch ihrer Bewohner, sie als multinationale, multireligiöse Metropole zu bewahren. Die Schüsse aus dem Hotel zeigen jedoch, dass es dafür längst zu spät ist. Rund ein Dutzend Menschen sterben an diesem Tag, der als Beginn der mehr als dreijährigen Belagerung der Stadt gilt. Über 10 000 Menschen werden in dieser Zeit getötet, davon 1600 Kinder, etwa 60 000 werden verwundet.

Die Belagerung überrascht die Menschen in Sarajevo. Obwohl nebenan in Kroatien die UN gerade erst einen Waffenstillstand zwischen Serben und Kroaten erzwungen haben, glauben viele nicht, dass es auch in Bosnien Krieg geben könnte. Die Bevölkerung ist hier von allen jugoslawischen Republiken die gemischteste, Titos Devise „Bratstvo i jedinstvo“ (Brüderlichkeit und Einheit) scheint aufzugehen, besonders in Sarajevo, wo etwa ein Drittel der Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen geschlossen wird. Die 500 000-Einwohner-Stadt trägt wegen ihrer muslimischen, katholischen, orthodoxen und jüdischen Gotteshäuser auch den Titel „zweites Jerusalem“, wobei der Glaube – wie in ganz Jugoslawien – während des Kommunismus nur eine marginale Rolle spielt. Oft wissen selbst Nachbarn und Schulfreunde nicht genau, zu welcher Gruppe der oder die andere gehört.

Deshalb ist für viele hier auch der Gedanke unfassbar, dass die JNA, die jugoslawische Volksarmee, auf sie schießen könnte. Schließlich gilt sie seit jeher als eine der Hauptrepräsentantinnen des integrativen, volksgruppenübergreifenden Prinzips. Doch im Frühjahr 1992 haben die in und um Sarajevo stationierten Truppen diesen Charakter bereits verloren. Serbiens Präsident Slobodan Miloševic hat seit Ende 1991 dafür gesorgt, dass fast nur noch bosnische Serben im Einsatz sind, die er in den Dienst der serbischen Sache gestellt hat.

Leben in Ruinen. Menschen überqueren zum Wasserholen eine Behelfsbrücke.
Leben in Ruinen. Menschen überqueren zum Wasserholen eine Behelfsbrücke.Foto: Caro / Kaiser

Das Ziel der Karadžic-Partei ist, auf bosnischem Territorium einen rein serbischen Staat zu errichten. Sie will nicht von Restjugoslawien (Serbien und Montenegro) getrennt werden und in einem unabhängigen, muslimisch dominierten Bosnien in eine Minderheitenposition geraten. Dass es darauf hinausläuft, ist seit dem Referendum vom 29. Februar und 1. März klar, bei dem sich eine große Mehrheit für ein souveränes Bosnien ausspricht. Doch nur 64 Prozent der Wahlberechtigten stimmen ab, weil die SDS zum Boykott aufgerufen hat. Als die Europäische Union Bosnien und Herzegowina am 6. April  offiziell anerkennt, beginnt die militärische Aggression, die im Hintergrund lange vorbereitet worden war.

Serbische Freischärlergruppen legen zusammen mit den serbischen JNA-Teilen eine Belagerungsschlinge um Sarajevo. Da die Stadt von Hügeln umgeben ist, geht das schnell. Alle Zufahrtswege werden blockiert, ebenso der Flughafen. „Sie sind gefangen wie Mäuse im Kürbis“, freut sich Radovan Karadžic über die Einkesselung. Der Psychiater und Hobbydichter, der einst am Koševo-Krankenhaus von Sarajevo gearbeitet hat, ist mittlerweile mit seinen Parteikadern aus dem Holiday Inn in den Nachbarort Pale umgezogen, der in der kürzlich von der SDS ausgerufenen Republika Srpska liegt.

In Sarajevo besetzen serbische Kämpfer die Viertel Grbavica und Ilidža. Die etwa 380 000 verbliebenen Einwohner werden unter Dauerbeschuss genommen. „Bombardiert sie, bis sie wahnsinnig werden“, befiehlt Serben-General Ratko Mladic. Und so geschieht es: Panzerabwehrraketen feuern ins Tal, Haubitzen schlagen ein. Besonders häufig verwenden die Serben 120-Millimeter-Mörsergranaten, deren Projektile beim Aufprall in Tausende von Metallsplittern zerbersten. Im Durchschnitt werden täglich über 300 Granateinschläge gezählt, an einem Julitag 1993 sogar über 3000. Zudem schießen Scharfschützen auf die Bewohner, die einsehbare Kreuzungen und Plätze nur noch sprintend überqueren.

Das Leben wird in die Keller verlegt. Es gibt kein Wasser und nur selten Strom. In den Wintern verheizen die Menschen Möbel und Bücher, Bäume und Sträucher, schließlich jeden Müll, der brennt. Die Wirtschaft bricht zusammen, ein Schwarzmarkt mit absurden Preisen in D-Mark entsteht. Zigaretten werden zur zweiten Parallelwährung. Doch es gibt ohnehin kaum etwas zu kaufen.

Mühsam am Leben gehalten wird die isolierte Stadt ab Juni 1992 durch die Hilfsflüge der UN und ab 1994 auch durch einen rund 800 Meter langen, heimlich gegrabenen Tunnel unter der Flughafenlandebahn. Die Serben haben den Airport nach zähen Verhandlungen wieder freigegeben. Doch die rund 100 Tonnen Nahrung, die täglich über die Luftbrücke ankommen, decken nur etwa die Hälfte des Bedarfs ab. „Das dürftige Sortiment bestand aus Mehl, Öl, getrockneten Bohnen und Milchpulver“, beschreibt die US-Journalistin Barbara Demick den Belagerungsspeisezettel in ihrem Buch „Die Rosen von Sarajevo“. Und weiter: „Manchmal gab es auch Zucker und gelegentlich eine Dose Fleisch oder Sardinen. Eine ganz besondere Beigabe kam aus den Vereinigten Staaten – Plätzchen mit hohem Eiweißgehalt, die aus der Zeit des Vietnamkriegs übrig geblieben waren. Die Bewohner Sarajevos betrachteten das Haltbarkeitsdatum auf den Dosen mit skeptischem Blick – 1967 und 1968 waren die häufigsten Jahrgänge –, aßen die Plätzchen aber dennoch.“

Die zerstörte Innenstadt von Sarajevo.
Die zerstörte Innenstadt von Sarajevo.Foto: Caro / Kaiser

Wie gefährlich es ist, Wasser und Lebensmittel zu besorgen, zeigt der Morgen des 27. Mai 1992: In der Vase-Miskina-Straße schlägt eine Granate in einer nach Brot anstehenden Menschenschlange ein. Es gibt 22 Tote und rund 60 Verletzte. Ein Kameramann filmt kurz nach dem Anschlag die blutend auf dem Pflaster liegenden Menschen und die herbeigeeilten Helfer. Die grausigen Szenen gehen um die Welt. Kurz darauf verhängen die UN Sanktionen gegen Serbien.

Der 36-jährige Vedran Smailovic, Cellist der Oper von Sarajevo, reagiert auf seine Weise auf das später als „Breadline Massacre“ bekannte Ereignis: An 22 aufeinanderfolgenden Tagen setzt er sich jeweils um vier Uhr nachmittags vor die Bäckerei, wo der Anschlag passiert ist, und spielt Tomaso Albionis Adagio in g-Moll – für jeden Toten einmal. Er ist nicht der einzige Künstler, der sich mit den Mitteln seiner Profession gegen die Barbarei und das Gefühl der Machtlosigkeit wehrt.

So ruft der Autor und Professor Dževad Karahasan seine Theaterstudenten an der Akademie zusammen. In seinem bewegenden „Tagebuch einer Aussiedlung“ protokolliert er seine Ansprache: „Ich bitte Sie, so viel und so gut wie möglich zu arbeiten. Ihre Aufgabe ist das einzige, was Sie für einen Augenblick von der Angst befreien kann, was Ihnen hilft, die Menschenwürde zu bewahren, was Ihnen die Empfindsamkeit und den Verstand erhalten kann.“ Die Examenskandidaten studieren vier Vorstellungen ein, die sie in der ganzen Stadt aufführen – ohne Beleuchtung und Dekoration, dafür untermalt von Geschützfeuer.

Unter denselben Bedingungen entsteht etwa ein Jahr später auch die wohl bekannteste Theaterproduktion während der Belagerung: Susan Sontags Inszenierung von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ . Es ist der zweite Aufenthalt der US-Autorin in der isolierten Stadt. Sie entscheidet sich, nur den ersten Akt des Stücks auf die Bühne zu bringen, dies aber mit drei Wladimir-Estragon-Paaren, damit mehr Schauspieler an der Aufführung mitwirken können.

Die Proben sind ein Hindernislauf: Es gibt kaum Requisiten, die Schauspieler sind unterernährt und erschöpft vom gefährlichen Weg ins halb zerstörte Theater. Sie haben Mühe, sich den Text zu merken. Doch bei der Premiere im Kerzenschein klappt alles. Viele Kriegsberichterstatter schreiben darüber. John F. Burns schließt seinen Text in der „New York Times“ mit einem scharfen Zitat der Regisseurin, nach der heute der Platz vor dem Nationaltheater benannt ist: „Es ist nicht Godot, auf den ich warte. Wie die meisten Menschen in Sarajevo warte ich auf Clinton.“ Doch der zögert, genau wie die EU und die Nato, noch weitere zwei Jahre. Da kann Alija Izetbegovic, seit 1990 Präsident von Bosnien und Herzegowina, noch so eindringlich um Hilfe flehen („Wird die Welt das Ghetto von Warschau noch einmal sterben lassen?“) und die Presse noch so herzzerreißende Berichte über verwundete Kinder senden.

Cellist Vedran Smailovic setzte sich an 22 aufeinanderfolgenden Tagen jeweils um vier Uhr nachmittags vor eine Bäckerei, wo ein Anschlag 22 Menschen getötet hatte, und spielte Tomaso Albionis Adagio in g-Moll - für jedes Opfer einmal.
Cellist Vedran Smailovic setzte sich an 22 aufeinanderfolgenden Tagen jeweils um vier Uhr nachmittags vor eine Bäckerei, wo ein...Foto: AFP

Die Verteidigung Sarajevos ist wie alles in der Stadt pure Improvisation. Erst sind es vor allem Kriminelle, die zurückschießen, denn sie verfügen über Waffen. Später werden die Banden in die hastig gebildete bosnische Armee integriert, die meist aus Pendlersoldaten besteht. Nicht in Kasernen leben sie, sondern zu Hause, weil der Staat sie nicht verpflegen kann. Ihre Mütter und Frauen kochen für sie, dann gehen sie wieder an die Front – zu Fuß. Uniformen müssen sie selbst mitbringen, ihre Waffen stammen teilweise noch aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Einer der bekanntesten Verteidiger der Stadt ist ein Serbe: Jovan Divjak, JNA-General und Chef der Territorialverteidigung von Sarajevo, einer Art Nationalgarde. Er weigert sich, der JNA die Waffen seiner Einheit zu übergeben, und meldet sich als Freiwilliger bei der bosnischen Armee, die ihn zum stellvertretenden Oberbefehlshaber ernennt. Sein Verhalten erklärt er so: „Ich hatte gehört, was Slobodan Miloševic forderte – dass alle Serben im selben Land zusammenleben sollten –, und das war für mich einfach nicht akzeptabel. In meiner Familie hat kein Mensch jemals so dahergeredet. Ich empfand es als Beleidigung, dass er andeutete, wir wollten nicht mit anderen Volksgruppen zusammenleben.“ Diesem Mann, der seit 1966 in Sarajevo lebt, schlägt dennoch von muslimischer Seite immer wieder Misstrauen entgegen. Er kämpft weiter für sie und wohnt bis heute mit seiner Frau im Stadtteil Logavina.

Zahllose Wohnhäuser und Moscheen werden zerschossen, auch das Parlamentsgebäude bekommt schwere Treffer ab. In der Nacht vom 25. auf den 26. August 1992 geht die Nationalbibliothek in Flammen auf. Das imposante, 1896 eröffnete Gebäude brennt stundenlang, zwei Millionen Bücher werden vernichtet. Es ist einer der symbolträchtigsten Angriffe der Belagerung, denn aus ihm spricht der gegen eine ganze Kultur gerichtete Fanatismus der Belagerer. Er demonstriert zudem, dass es den bosnischen Serben in erster Linie darum geht, die Stadt zu terrorisieren, sie zu erniedrigen und sie als Faustpfand einzusetzen. Diese Sichtweise vertritt auch Robert J. Dona in seinem Buch „Sarajevo“, in dem er darauf hinweist, dass der Beschuss stets stärker wurde, wenn die Serben an der Front oder am Verhandlungstisch zurückstecken mussten. Sarajevo ist eine Geisel. Befreit wird sie schließlich durch einen zehntägigen Nato-Lufteinsatz im Sommer 1995.

Heute ist Sarajevo eine lebendige und faszinierende Stadt, der man die grausame Vergangenheit kaum noch ansieht. Doch ihr einmaliger multikultureller Charakter ist für immer verschwunden. Etwa 80 Prozent der Einwohner sind nun muslimisch. Vor der Belagerung war es etwa die Hälfte. Ein Teil der Stadt liegt in der weiter existierenden Republika Srpska, wo die Mehrheit der bosnischen Serben lebt. So ist der Trennungsplan des inzwischen in Den Haag vor Gericht stehenden Radovan Karadžic am Ende aufgegangen – obwohl er den Krieg verloren hat.

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