Zeitung Heute : Ball rund, Sprache eckig Vor der WM: Deutsch für Londoner Fußballfans

Julia Grosse[London]

Schweinsteiger ist anstrengend, auch der Fallrückzieher, die Abseitsstellung, ganz zu schweigen vom Elfmeterschießen – welcher Brite versteht schon diese Worte und bringt sie auch noch halbwegs verständlich über die Lippen? Es gab ja auch keinen Grund dafür, aber jetzt ist sie da, die Fußballweltmeisterschaft, die in Deutschland spielt, und da natürlich auch viele Fans in Großbritannien im Sommer in den Billigflieger Richtung Anpfiff steigen und spätestens in einer Gelsenkirchener Imbissbude mit Englisch nicht mehr weiterkommen werden, gibt es im Londoner Goethe-Institut seit zwei Wochen einen Deutschkurs für Fußballfans.

Karl Pfeiffer und seine Kollegen vom Goethe-Institut hatten keine Ahnung, wer sich anmelden würde, wir unterrichten „German for Hooligans“ witzelten sie, aber das blieb ein Witz. Einmal wöchentlich treffen sich im Goethe-Institut nun Studenten, die die Idee amüsierte, und ernsthafte Fans – sie sind jung und alt, lassen sich nicht auf einen Nenner bringen: Ein Bauarbeiter ist dabei, ein Werber, ein Gefängniswärter.

„Wir wissen nicht einmal, wer von ihnen jetzt de facto Karten hat“, sagt Karl Pfeiffer. Aber durch das Fifa-Chaos ist wohl ohnehin fast niemand von ihnen im Besitz eines Tickets, so dass sich viele britische Fußballfreunde die Spiele nur auf einer der öffentlichen Großleinwände anschauen werden, beim Bier, gemeinsam mit den deutschen Ticketlosen. „Das kann durchaus verbinden. Und genau in diesen Situationen ist es für den britischen Fan wichtig zu wissen, was genau gemeint ist, wenn der Kommentator vom Abseits, also ,offside‘ spricht, oder der Nachbar neben ihm grölt ,Schiri, wir wissen wo dein Auto steht‘, was auf Englisch so viel heißt wie: Ref, we know where your car is “, sagt Pfeiffer. Doch auch rein praktisches Vokabular soll im Kurs vermittelt werden, um abends ins Hotel zurückzufinden oder nicht in einer Frankfurter Kneipe ein Kölsch zu bestellen.

Seit bekannt wurde, dass das Goethe-Institut den Briten deutsche Fußballsprüche beibringt, gibt Katja Wostradowski, Leiterin der Sprachabteilung, der Boulevardpresse Interviews am laufenden Band. Der „Evening Standard“ titelte als Erster: „Ref, you need a Blindenhund (and other useful phrases for World Cup 2006)“, der „Daily Star“ und die „Sun“ folgten: „Gib ihm die Rote Karte (how to say ,Give him a Red Card‘ at the World Cup)“. Begeistert wurden deutsche Stadionsprüche zum Auswendiglernen zitiert: Der Linienrichter braucht ’ne Brille – The linesman needs some glasses, Ihm war kotzübel – He was sick as a parrot, Schieß aufs Tor! – Shoot for the goal! Karl Pfeiffer ist zufrieden: „Das ist hervorragende Werbung für uns.“

Dabei ist die Schamgrenze in den britischen Boulevardmedien sonst sehr niedrig, wenn es um deutschen Fußball geht. Im Dezember warnte die „Sun“ angesichts der strengen Sicherheitsvorkehrungen in deutschen WM-Stadien vor einem „Britskrieg“ in Anspielung auf den „Blitzkrieg“.

In London zuckt die junge Generation bei diesen altbackenen Dauerbrennern inzwischen jedoch gelangweilt mit den Schultern. Längst überzeugt sie Berlin als Ort mit einer starken Subkultur, gutem Essen und billigen Alkoholika, ausgeschenkt bis in die frühen Morgenstunden.

Pfeiffer hofft, dass der Fußballkurs das Interesse der Briten über die WM hinaus wecken wird. Doch bisher geht es erst einmal nur um Fußball. Und haben die Kursteilnehmer nach zwölf Wochen verstanden, warum man den Bayern die Lederhosen ausziehen will und dass der englische Manager im Deutschen der Trainer ist, dann hat das Institut schon eine ganze Menge Vermittlungsarbeit geleistet.

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