Zeitung Heute : Ballonfahrten: Feuer, das nach oben trägt

Michael Habel

Paul, "der Luftschiffer von Handorf-Dorbaum", legt den roten Hebel um, Flammen fressen das ausströmende Gas und speien die Energie in die seidene Hülle. Die bläht sich noch stärker auf, der Korb ruckelt, kommt frei, wir steigen. Das Publikum applaudiert, wird immer kleiner, die Trassen der Magnetschwebebahn größer. Routiniert gibt Paul Haggeney, wie der Luftschiffer mit bürgerlichem Namen heißt, noch einmal Gas, die Trasse verschwindet in der Ferne.

Wir schweben den Elbauenpark in Magdeburg

hinauf in Richtung Südwest. Behäbig geht es voran - mit ein paar Metern pro Sekunde. "Bei mehr als acht Knoten Windgeschwindigkeit starte ich nicht", sagt Paul, der Luftschiffer. Das sind etwas mehr als vier Meter pro Sekunde oder fast 15 Kilometer pro Stunde. Solch seichte Lüftchen, die Windsurfer zum Gähnen bringen, Ballonfahrer aber zum Frohlocken, gibt es meist früh morgens oder, wie jetzt, gegen Abend. Diese Ruhe auf einmal, ganz ungewöhnlich über einer großen Stadt und in uns selbst - gestört nur durch das Klicken der Kamera unseres Fotografen Andreas Salomon-Prym.

Bald kreuzen wir die Alte Elbe, sehen das saftige Grün des Stadtparks mit der Marieninsel darin, queren schließlich die Elbe. Über und unter uns weitere Ballone - Festivals wie die "BallonMagie" in Magdeburg haben Hochkonjunktur. Ein Industriegebiet rückt näher. Schornsteine werden zu Klippen, die es zu umschiffen gilt. Dann ein Schwimmbad. Wir hören das fröhliche Geschrei der Kinder, Hundegebell, Menschen, die sich beim Grillen unterhalten, und wünschen ihnen guten Appetit. "Danke", schallt es nach oben - jedes Geräusch ist zu hören, es wird nicht weggeblasen, weil wir genauso schnell sind wie der Wind.

Höhenangst kein Thema

Und noch etwas ist anders als auf festem Grund und Boden. Menschen mit Höhenangst, denen auf Bergen oder Wolkenkratzern die Knie weich werden, haben im Luftschiff nichts zu befürchten. Höhenangst gibt es nur auf festem Terrain. Das aber haben wir jetzt Hunderte von Metern unter uns gelassen.

Paul, der Luftschiffer, hält per Funk Kontakt zum Verfolgerauto mit Anhänger, der Korb und Ballon später aufnehmen soll. Paul ist einer der erfahrensten Ballöner - so nennen sich die Ballonfahrer selbst - in Deutschland. 72 Jahre alt, nur wenige in seinem Alter sind so aktiv wie er. Bis zu 70 Fahrten pro Jahr kommen noch zusammen, rund 1500 Mal ist er schon in die Lüfte gestiegen. "1964 fing alles an", sagt er mit einer Ruhe, die bestimmt mit der leise schwebenden Leidenschaft zu tun hat. "Ich wurde zu einer Fahrt in einem Gasballon eingeladen und fragte mich zunächst: Soll ich? Oder soll ich besser nicht?" Dann gab er sich einen Ruck und fuhr mit. Noch in der Luft wurde er zum Ballöner getauft und erhielt den Luftschiffer-Adelstitel "von Handorf-Dorbaum", die Bezeichnung der Gegend, in der er zum ersten Mal gefahren war. Die Jungfernfahrt endete punktgenau auf einer klitzekleinen Lichtung inmitten eines hohen Kiefernwaldes. Von da an ließ ihn das Ballonfahren nicht mehr los. 1967 der Pilotenschein, zwei Jahre später die Lehrberechtigung. Dazu ein Mal im Jahr eine Prüfung, ob er noch flugtauglich ist - "inzwischen von Leuten, die ich selbst ausgebildet habe", sagt der Mann mit dem weißen Haarkranz verschmitzt.

Ohne die Unterstützung von "Marietta Prinzessin von der Querenburg" wäre er nie so weit und so hoch gekommen. Marietta Haggeney ist staatlich geprüfte Schiedsrichterin in Sachen Ballonsport, hat rund 180 Fahrten hinter sich und mit Paul sowie ihren Söhnen Markus, Benedikt und Dominik die Welt vom Heißluftballon aus gesehen.

"Hier oben bekommt man ein eigenes Denken", sagt er, "wenn man erkennt, dass man selbst genauso klein ist wie die Pünktchen auf der Erde. Man lernt Grenzen kennen, nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig" - ein guter Ausgleich zu seiner Arbeit als Architekt. Auch Sohn Dominik ist Pilot geworden und internationaler Wettbewerbsleiter. Sohn Markus ist Chef von Stratos Ballooning, dem weltweit führenden Anbieter von Ballon-Sonderformen. Er organisiert neben der Magdeburger BallonMagie auch das Gordon Bennett, das älteste Luftfahrtrennen der Welt.

Noch einmal feuert Paul sein Luftschiff an, noch einmal wird es heiß über unseren Köpfen, dann sinken wir wieder der Erde entgegen. "Viel schwieriger als der Start ist die Landung", sagt Paul. Dafür müsse man erst einmal ein Gefühl entwickeln. Das hat er inzwischen natürlich im Blut. Aus Sicherheitsgründen gehen wir im Korb in die Hocke, setzen aber weich auf. Bald schon sind die Verfolger zur Stelle, wir schieben den Korb mit dem noch gefüllten Ballon über den Acker zum Auto, das Ventil wird geöffnet, die Luft entweicht und wir packen ein.

Dann muss ich auf die Knie. Paul, der Luftschiffer, zupft mir ein Haar vom Kopf und verbrennt es, "weil Feuer uns nach oben trägt", streut mir Magdeburger Erde auf den Kopf, "um unbeschadet zum Boden zurückzukehren", und tränkt sie mit Sekt "gegen die durstige Kehle". Marietta, die im Verfolgerauto gesessen hatte, übergibt mir die Urkunde. Nun bin ich "Erzherzog Michael von der Magdeburger Börde".

Und von jetzt an gelten andere Regeln: Sollte ich meinen Titel vergessen, ist das Ausgeben einer Runde Kaltgetränke unausweichlich. Dasselbe gilt für den Fall, dass ich mich versprechen sollte und das Wort "fliegen" im Zusammenhang mit dem Ballon benutze. Denn Ballöner fliegen nicht, werde ich aufgeklärt: Sie fahren, weil sie keinen eigenen Antrieb haben.

Kaum zurück im Elbauenpark Magdeburg, heißt es schon wieder auspacken. Die Vorbereitungen für den Höhepunkt des Festivals BallonMagie laufen auf Hochtouren. Auf dem ehemaligen Gelände der Bundesgartenschau soll heute Abend ein so genanntes Nightglow stattfinden, ein nächtliches Glühen aller Ballone. 40 000 Menschen kommen und versammeln sich auf den Hängen und Wegen rund um das abgesperrte Gelände, auf dem 50 Teams an der Arbeit sind. Aus den Anhängern fliegen riesige Säcke, aus denen die Seidenstoffe geschält werden. Zunächst werden die Ballone ausgelegt. Dann gehört die Nacht dem Geräusch der Ventilatoren. Sie fauchen den Ballonen mit Gasbrennern erwärmte Luft in den Leib. Seile werden an den Körben befestigt, die mit dem Einstieg in Richtung Ballonöffnung liegen. Die ersten Ungetüme richten sich auf, die Fahrer springen in die Körbe, die von den Teams mit Muskelkraft am Boden gehalten werden. Nach wenigen Minuten sind alle Ballone aufgerichtet. Wie riesige Glühbirnen leuchten die Hüllen, wenn das Feuer hineinfährt.

Aus den Lautsprechern ertönt "Conquest of Paradise" von Vangelis - eine Hymne auf die Entdeckung Amerikas. Im Takt wird das Gas mal in dieser, mal in jener Gruppe von Ballonen gezündet, zum Schluss leuchten alle auf einmal und Paul legt den roten Hebel ein letztes Mal um. Dann heißt es wieder einpacken. Und was haben Paul und Marietta Haggeney morgen vor? "Früh aufstehen, so gegen vier." Es könnte ja das richtige Lüftchen wehen.

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