Zeitung Heute : Ballsaal 13 Zimmer, Küche,

Diese Wohnung ist ein Traum auf 500 Quadratmetern. Hier arbeiten und leben ein paar kreative Menschen – in stets neu gestalteten Räumen.

Wie eine Kulisse: In dem großen Saal saß schon der Chefdesigner von Calvin Klein, und mal tanzten 1000 Partygäste. Fotos: Thilo Rückeis
Wie eine Kulisse: In dem großen Saal saß schon der Chefdesigner von Calvin Klein, und mal tanzten 1000 Partygäste. Fotos: Thilo...

Zuerst haben sie einen Stern gemalt, auf den Fußboden gleich hinter der Eingangstür. In Weiß, in Silber und Grau. Das war während der Weihnachtszeit, das Motiv lag sozusagen in der Luft. Aber darum ging es ihnen gar nicht. Auch ihr Stern soll zwar die Richtung weisen, aber bitte möglichst nicht nur eine, sondern sämtliche. Er ist Ausgangspunkt, Kompass – und gleich neben ihm werden die Mäntel aufgehängt.

Durch acht offene Türen fällt Licht auf den Stern, er zeigt auf sie und durch sie hindurch, hinein in eine Wohnung, die auf 500 Quadratmetern eine Projektionsfläche ist für die Ideen derer, die darin arbeiten, drei Architekten und ein Fotograf. Räume wie ein gigantisches Zeichenbrett: groß, elegant und wandelbar.

In dieser Wohnung treffen sich Berliner Lebenskonzepte: In ihr wird gewohnt und gearbeitet, in ihr leben Deutsche und Skandinavier, allesamt Kreative, angezogen von dem Versprechen der Stadt, Teil eines künstlerischen Aufbruchs zu sein – und getragen von einem Gefühl der Freiheit, persönliche und berufliche Erfüllung abzustimmen. Stück für Stück, genauso wie sie die Altbauwohnung erobern, langsam renovieren, als ein work in progress.

Die ständige Veränderung ist Teil des Konzepts, weswegen die Sanierungsarbeiten, die mit dem Einzug im Januar 2010 in allerkleinsten Schritten begannen, niemals abgeschlossen sein werden, es auch niemals sein sollen. „Das Apartment ist ein Ort der Möglichkeiten“, sagt Magnus Reed, der Fotograf und Hauptmieter, in Schweden geboren, vergangenes Jahr von London nach Berlin gezogen.

Das Apartment liegt im zweiten Stock eines Gründerzeithauses in der Schöneberger Bülowstraße, errichtet im Jahr 1896 von der Aktiengesellschaft für Bauausführung. Die Treppen, die hinaufführen, sind aus Marmor, die Stiefel der Damen im Kiez um die Ecke aus Lackleder. Auf dem Bürgersteig vor der Haustür liegt ein benutztes Kondom.

Es ist eine ziemlich bewegte Straße, laut, wegen der vorbeifahrenden Autos, zwei Spuren in beide Richtungen, und wegen der U-Bahn, die hier hoch über der Straße vorüberrumpelt. Auf dem Bürgersteig in diesem Straßenabschnitt bleibt niemand stehen, wenn er nicht unbedingt möchte oder auf den Bus warten muss. Leichter, sich hier mitziehen zu lassen vom Verkehr, als anzuhalten.

Von 365 Tagen eines Jahres ist Magnus Reed manchmal 250 unterwegs, hat Aufträge hier und dort. „Meine Arbeit ändert sich ständig“, sagt er. Und vielleicht kann so jemand nur arbeiten und leben an einem Ort wie diesem und in Räumen, die bespielbare Kulissen bleiben. Magnus Reed sagt: „I like it when it’s empty.“

Und tatsächlich sind die mehr als ein Dutzend Räume ziemlich leer. So leer, dass bei einer Party schon 1000 Gäste Platz in der Wohnung fanden. So leer auch, dass sich die Menschen, die darin arbeiten und manchmal in ihr schlafen, am Tag nicht unbedingt sehen müssen, wenn sie nicht wollen. Neben Magnus Reed sind das noch die drei Architekten Elena Schütz, Julian Schubert und Leonard Streich, zusammen das Büro „Something Fantastic“, seine Untermieter, alle um die 30. Und während all die das Apartment stetig umgestalten und verändern, beeinflusst es im Gegenzug auch ihre Arbeit. Denn am Ende des Tages ist und bleibt es eine Wohnung, kein Büro und kein Fotostudio.

Eine Wohnung, die in ihren Ausmaßen ungewöhnlich und mit ziemlich viel Charakter daherkommt. Selbst hässlicher grüner Teppich und über dem alten Parkett verlegter Laminatboden verstecken das nicht. „Landhausarchitektur für die Stadt“, so erklärt Julian Schubert den Grundriss. Während im Landhaus die repräsentativen Räume im Erdgeschoss, die privaten im oberen Stock lagen, habe man dies alles für die Stadtwohnung kurzerhand auf einer Ebene vereint. Wer das Apartment betritt, läuft vom Eingang aus nach rechts und zunächst durch Zimmer, die früher Zigarrenzimmer waren oder Musikzimmer, verbunden durch große Flügeltüren, durchflutet mit Licht. Die Decken sind rund vier Meter hoch, im Musikzimmer steht ein Flipper.

Der Weg vom Eingang geradeaus führt in den Ballsaal, mit Holz vertäfelt bis auf Schulterhöhe und deshalb auch ein wenig düster. Die Wände sind nackter Stein, die Tapeten abgezogen. Ein Saal, der wartet, was nun mit ihm geschehen soll, nach alldem, was er schon erleben durfte in mehr als hundert Jahren: Gesellschaften, festliche Essen, nun Fotoshootings.

Normalerweise, sagt Magnus Reed, wollten Kunden lieber industrielle Hintergründe für Fotoaufnahmen. Aber gegen dieses Apartment hätte niemand etwas einzuwenden. Zweimal war die „Vogue“ schon da. Einmal ließ die Modezeitschrift den Chefdesigner von Calvin Klein fotografieren, Francisco Costa, im Ballsaal, zurückgelehnt in einem Klappstuhl, unter seinen Füßen Parkett, hinter ihm eine ausgerollte schwarze Leinwand. Oder den Künstler Carsten Nicolai, schwarzer Anzug in weißer Küche, die nun schon wieder anders aussieht, weil sie renoviert wird.

Sie grenzt an einen langen Flur, der vom Ballsaal in den hinteren Teil der Wohnung führt. „Mein Lieblingszimmer“, sagt Reed über die Küche. „Weil sie eben kein normales Zimmer ist.“ Die Wände zum Flur sind durchbrochen, so dass es nicht nur einen Eingang gibt, sondern mehrere, die Küche sozusagen offen ist. Der Boden ist gefliest mit alten Kacheln, die sorgfältig gesäubert wurden.

Die Räume im Apartment, so stellen sich die Architekten das vor, sollen nicht eigenschaftslos sein. „Trotzdem“, sagt Elena Schütz, „müssen sie alle ihre Flexibilität behalten“. So wie ihre Bewohner. Ihr Büro hatten die drei Architekten erst im hintersten Zimmer, dann wurde dort gefilmt, sie mussten weichen. Die Schreibtische sind schnell zusammengesteckt, die Laptops ohnehin portabel. Heute arbeiten sie ganz vorn, im Herrenzimmer, neben der Eingangstür.

Wer sich wann wo aufhält und arbeitet, findet sich im Apartment von allein. Es hängt ab vom Licht, das einfällt und gebraucht wird, von Vorlieben, Verlegenheiten oder Gewohnheit. Die zwei Ledersofas im Ballsaal standen plötzlich da, blieben stehen, weil alle merkten: Hier sitzt man gern. Die Musikanlage hat Rollen, ist somit leicht beweglich. Im allerhintersten Zimmer steht ein Bett für jene, die zu lange arbeiten, um noch nach Hause aufzubrechen; für solche, die im Apartment etwas produzieren, Fotos, einen Film, und währenddessen irgendwo leben müssen. Eine schlichte blaue Decke liegt über dem Bett, auf dem Fußboden davor steht ein Aschenbecher, eine kleine Diskokugel hängt an der Wand.

Gemeinsam haben die drei Architekten ein Buch zusammengestellt, in dem sie Ideen sammelten, wie das Apartment – gesetzt den Fall, sie verfügten über viel Geld – gestaltet werden könnte. „Blueprint for a superoffice“ haben sie es genannt, es gibt nur ein Exemplar, für sie selbst. Darin zum Beispiel ein Foto aus der Klosterbibliothek St. Gallen, in deren Parkett ein Sternenmuster zu sehen ist. Eine Inspiration für den Stern im Eingangsbereich des Apartments. Oder das Foto eines Wintergartens. So könnte das Balkonzimmer, ganz in Weiß, mal aussehen. Pflanzen, eine Bank, viel Licht.

Arbeiten auf 500 Quadratmeter Charakterräumen, das macht, recht bedacht, augenzwinkernd ein wenig überheblich. „Man merkt, dass man den Platz wirklich braucht“, sagt Elena Schütz und überlegt, ob das komisch klingt. Sei aber so, wegen der Shootings. Sie hat sich schnell daran gewöhnt, auch daran, den langen Flur entlangzurennen, statt zu gehen. Oder an die Stille, die herrscht, wenn man im hinteren Teil arbeitet und nicht mal die Türklingel zu hören ist, weil man so weit weg ist vom Eingang. Nur eines, das fehlte ihnen, meinen sie im Spaß. „Eigentlich“, sagt Schubert, „bräuchte man für diese Wohnung einen Hausmeister.“

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