Baltikum : Drei Gesichter von Riga

In Lettland wollen manche die Sowjetunion zurück, andere setzen auf Autarkie, die Nächsten auf Europa. Begegnungen in einer Stadt, die so zerrissen wie reizvoll ist.

Das Freiheitsdenkmal im Stadtzentrum von Riga wurde in den frühen 30er Jahren errichtet, in der kurzen ersten Phase der lettischen Unabhängigkeit.
Das Freiheitsdenkmal im Stadtzentrum von Riga wurde in den frühen 30er Jahren errichtet, in der kurzen ersten Phase der lettischen...Foto: William Veder

Das Schloss des Lichts liegt dunkel am Flussufer. So nennen sie die Neue Nationalbibliothek in Riga, einen Glasbau, der so lange geplant wurde, dass er schon vor der Fertigstellung angejahrt aussieht. Der Entwurf stammt aus den 80er Jahren, Baubeginn war 2008, fertig ist die Riesenpyramide immer noch nicht. Ein richtiges Großprojekt eben, das größte in ganz Lettland seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991. Fast 200 Millionen Euro soll es kosten, eine große Summe für einen Staat mit zwei Millionen Einwohnern, von denen die Hälfte im Ballungsraum Riga lebt. Ganz oben auf der Bibliothek thront eine dreizackige Spitze, sie gleicht einer Krone, die Riga sich selbst verleiht für den großen Moment, wenn Europa auf seine Kulturhauptstadt 2014 blickt – und mit ihr auf ganz Lettland, das zeitgleich den Euro einführt.

Hansestadt, Hafenstadt, einzige Metropole des Baltikums: Riga ist architektonisch angenehm homogen, zerfällt im Gegensatz zu vielen Städten des Baltikums nicht in eine schicke Mitte und einen kargen Rest, sondern hat sich seinen bürgerlichen Charme bewahrt. Trotzdem leben die Einwohner in verschiedenen Welten. Manche in der Europäischen Union. Manche in einem Ur-Lettland, das es so nie gegeben hat. Und andere noch in der Sowjetunion.

Vor allem der Konflikt zwischen russischen Letten und lettischen Letten bewegt die Stadt, gerade die ältere Generation. Ein Konflikt, der durch ein Unwort charakterisiert ist: „Nichtbürger“. 1991, nach der Unabhängigkeit, wurde entschieden, den in der Sowjetära zugezogenen Russen und ihren Kindern nicht automatisch die lettische Staatsangehörigkeit zu verleihen. Sie seien schließlich, so die unausgesprochene Begründung, von den Einheimischen nie eingeladen worden, sondern im Zuge einer Politik der Russifizierung angesiedelt worden. Um die 290 000 solcher Nichtbürger gibt es in Lettland. Sie genießen die meisten Bürgerrechte, dürfen jedoch nicht wählen, nicht Polizisten werden, nicht frei innerhalb der EU reisen. Die meisten von ihnen sind ethnische Russen, Zuzügler der zweiten Generation, die in Lettland geboren wurden. Überwiegend leben sie in Riga, wo mehr als die Hälfte der Einwohner russische Muttersprachler sind.

Ein solcher Nichtbürger ist Pjotrs Orehovs, der mit seinen Freunden im langen Winter gern im Hafenrandgebiet auf dem Eis angelt, in Lettland ein Volkssport. Orehovs ist 61, er hat die Ausstrahlung eines gütigen Großvaters. Ruhig lässt er den Blick über die gefrorene Daugava schweifen, über die Neue Nationalbibliothek, die Brücken, die wartenden Fähren. Hinter ihm, an der Promenade, verfallen die Überreste einer ehemaligen Künstlerkolonie, ein Atelierhaus bröselt vor sich hin, das „Lettische Museum für Naive Kunst“ hat eine Persönlichkeitsveränderung durchgemacht und ist jetzt eine Modeboutique.

„Ich bekomme genauso viel Rente, wie ich Miete zahle. Was soll das?“, fragt einer von Pjotrs Freunden. Er zieht einen Fisch aus dem Wasser, mit Fingern, die voller Knasttätowierungen sind. Dann wirft er den Fisch aufs Eis, wo er verzweifelt hin- und herzappelt. „Genauso machen sie es mit uns“, kommentiert ein dritter Fischer. Orehovs nickt. „Früher hatten wir ein gutes Leben. Dann kamen die 90er Jahre. Das war, als ob jemand deinen Kopf unter Wasser drückt und sagt: Atme!“

Demnächst wird der Radiotechniker noch mehr Zeit zum Angeln haben. Gerade wurde ihm gekündigt, ein Jahr vor der Rente. Sein Betrieb war früher staatlich, dann kam die Privatisierung und damit das Aus. Was Orehovs und seine Freunde noch mehr erregt als wirtschaftliche Nöte ist ihre gesellschaftliche Lage. „Wir Nichtbürger sind Menschen zweiter Klasse“, sagt Orehovs.

Seine Wohnung liegt im Jugendstilviertel. Reich verzierte Stadthäuser aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg reihen sich dort aneinander, die meisten gebaut von einem jüdischen Deutschbalten orthodoxen Glaubens, Michail Eisenstein, dem Vater des berühmten sowjetischen Regisseurs Sergej Eisenstein. Orehovs züchtet in seinem mit Wandteppichen behängten Wohnzimmer eine Zitronenpflanze. In der Zimmerecke steht auf einem Holztisch ein gerahmtes Foto seiner Tochter. Sie ist nach Wales ausgewandert, zu Beginn der Euro-Krise, wie mehr als 300 000 andere Letten, die in den Krisenjahren seit 2008 ihrem Land den Rücken gekehrt haben – der prozentual gleiche Anteil in Deutschland würde die Auswanderung von mehr als zehn Millionen Menschen bedeuten. Besuchen kann der Nichtbürger Orehovs seine Tochter nicht, da er mit seinem Staatenlosen-Pass zwar visumfrei in seine „Heimat“ Russland, nicht aber in EU-Länder außerhalb Lettlands reisen darf. „Meine Eltern wurden dazu gedrängt, aus Russland hierher zu ziehen“, klagt er. „Ich bin in Riga geboren und werde jetzt behandelt wie ein Mitglied einer Besatzungsarmee.“

Die Einbürgerungsprozedur will Orehovs nicht über sich ergehen lassen. Wie viele andere Russen empfindet er sie als erniedrigend, besonders die Fragen zur lettischen Geschichte, bei denen russische Gräueltaten des letzten Jahrhunderts im Fokus stehen. Auch der obligatorische Sprachtest passt ihm nicht. „Die Letten haben doch ein Leben lang Russisch mit mir gesprochen“, sagt Orehovs. Obwohl die Wanduhr hinter ihm laut tickt, steht die Zeit still.

Was da in den vergangenen 22 Jahren schiefgelaufen ist zwischen lettischen und russischen Letten, die beim Kampf um die Unabhängigkeit noch gemeinsam gegen sowjetische Militärs kämpften, ist schwer zu ergründen. Geschichte ist in Riga überall spürbar, doch aufgearbeitet ist sie nicht. Der Blick vom Fluss auf den zentralen Rathausplatz wird verstellt vom Okkupationsmuseum, das von deutschen und sowjetischen Gräueltaten erzählt, es ist ein kantiges Gebäude, das auch architektonisch den Blick auf die Leiden des vergangenen Jahrhunderts lenkt. Wie eine potemkinsche Fassade wirkt dagegen gleich nebenan das wiederaufgebaute Schwarzhäupterhaus, ein gotisches Handelskontor mit deutschen Inschriften aus den Zeiten der Hanse, dem sein Wiedereröffnungsdatum 1999 stärker anzusehen ist als das Baujahr 1334.

Nur wenige Meter weiter beginnt die Partymeile. Entlang der Kalku-Straße wird mehr Englisch gesprochen als Lettisch oder Russisch. Skandinavier und Engländer ziehen schwankend durch die Straßen, in denen sich Irish Pubs an Fast-Food-Restaurants reihen. Junggesellenabschiede enden hier meist im Strip-Club, manchmal aber auch im Gefängnis, wenn wieder mal ein Sauftourist an die Säule des lettischen Freiheitsdenkmals gepinkelt hat. Schon einige Botschafter mussten sich wegen solcher Respektlosigkeiten für ihre Landsleute entschuldigen. Lettland war in seiner Geschichte nur zwei Mal ein unabhängiger Staat, zunächst knapp 20 Jahre lang zwischen den beiden Weltkriegen, danach erst wieder seit 1991. Die lettische Schriftsprache ist jünger als die europäische Industriegeschichte, die Toleranzschwelle für das Besudeln nationaler Symbole liegt sehr niedrig.

Vom Freiheitsdenkmal aus führt die Brivibas-Straße kilometerweit quer durch die Vororte, es ist Rigas zentrale Verkehrsader. Ihr heutiger Name bedeutet „Freiheitsstraße“. Davor war sie nach Lenin benannt, noch früher nach Hitler. Ein Umstand, der Leonards Inkins ausgezeichnet gefällt. Inkins’ Büro liegt unweit der Freiheitsstraße, er ist der Chef einer Organisation, die sich „Latvietis“ nennt. „Nationalismus ist für mich Liebe“, sagt er.

Inkins ist 52, ein freundlicher Mann mit lichtem Haar, der nationalistische Bücher, Videos und Lieder herausgibt und verkauft. Im Regal seines schlichten Büros steht auch eine lettische Ausgabe von „Mein Kampf“. Man könnte ihn abtun als einen jener Apologeten des Schreckens, wie es sie in vielen Ländern gibt, doch die Dinge liegen ein bisschen komplizierter. Inkins meldete nach der Unabhängigkeit eine Demonstration zum „Gedenktag der Legionäre“ an, eine Veranstaltung zu Ehren lettischer SS-Kollaborateure. Die Demonstration, die Inkins immer noch an jedem 16. März besucht, wurde in den 90er Jahren auch von einigen lettischen Staatsministern beehrt. Inzwischen meidet die Politik den Gedenktag, sie hat sich Europa zugewandt. Doch im Geschichtsverständnis vieler Letten kommen die Nazis im Vergleich zum Nachkriegsterror der Sowjets mit ihren Massendeportationen immer noch relativ gut weg.

Vielen in Lettland ist die Europäische Union seit der Krise nicht mehr ganz geheuer. Zwei Drittel sind gegen den Euro. Über die EU sagt Inkins: „Wir sind heute nicht unabhängiger als vor 1991, nur sind die Ketten nicht mehr so sichtbar. So viele Menschen, wie wegen der EU-Krise in den letzten Jahren weggezogen sind, haben nicht einmal die Sowjets nach Sibirien deportiert.“

Anfang der 90er Jahre, als die Sowjetunion bewaffnete Milizen nach Riga schickte, um die Unabhängigkeit zu verhindern, stand Inkins noch selbst auf den Barrikaden, als Verteidiger Lettlands. Heute sieht er seine Ideale verraten und verkauft. „Diese Befreiungskämpfe waren im Grunde nur Partys“, sagt er. „Alle rannten weg, sobald jemand schrie: Die Russen kommen!“ Eine Befreiung Lettlands habe nie stattgefunden, erklärt er, noch immer sei das Land fremdbestimmt. So unterschiedlicher Meinung Inkins mit den russischen Eisfischern vom Hafenrand sein mag, so sehr gleichen sie sich in ihrer Ablehnung der politischen Eliten.

Von Inkins’ Büro aus fährt eine klapprige Tram in Richtung Hauptbahnhof und Zentralmarkt. Hier liegt das geschäftige, junge Riga, wo es bis vor ein paar Jahren als schick galt, jeden Kaffee mit der Kreditkarte zu bezahlen. Jetzt leben, später zahlen, das war der Werbespruch, der Lettland in die Krise trieb. Inzwischen beruhigen sich die Verhältnisse, das Leben auf Pump ist aus der Mode, eine Phase der Reflexion folgt dem großen Knall und den jahrelangen wirtschaftlichen Nöten.

Vor allem junge Künstler setzen sich hier mit der Vergangenheit auseinander, der fernen und der nahen, sie ringen um die Gegenwart. Valters Silis ist 28. Als Theaterregisseur hat er trotz seines jungen Alters schon an 23 Produktionen mitgearbeitet. Er sitzt im „Dirty Deal Teatro“ in Riga, das gerade umgebaut wird, wie der ganze alte Lagerhauskomplex aus rotem Backstein hinter dem wuseligen Zentralmarkt. Restaurants, Theater und Geschäfte sind hier eingezogen. Der Komplex ist ein Vorzeigemodell, es ist selten in Riga, dass verfallende Fabriken alternativ genutzt werden.

Silis hat das Theaterstück „Die Legionäre“ verfasst, es geht um jene lettischen SS-Kämpfer, denen Nationalisten wie Leonards Inkins huldigen. 168 von ihnen flohen beim Vormarsch der Roten Armee 1944 nach Schweden. Die dortige Regierung zögerte lange, bevor sie die Männer schließlich an die Sowjetunion auslieferte. Unter ihnen waren überzeugte Nazis, aber auch solche, die zum Einsatz an der Waffe gezwungen worden waren.

„Es ist kein Stück über die Schweden, sondern über uns“, sagt Silis. Bei der abendlichen Vorführung wird klar, was er meint. Zwei Schauspieler, die in vier Sprachen ein halbes Dutzend verschiedene Rollen spielen, räumen zwischen viel Kunstblut und Wut mit dem lettischen Opfermythos auf. Es ist ein Plädoyer gegen das Leidensmonopol, das viele Letten angesichts ihrer von fremden Invasionen bestimmten Geschichte immer noch beanspruchen. Das Publikum, vorwiegend Jugendliche, verfolgt das Stück gespannt. Am Ende sollen die Zuschauer über die Frage abstimmen, ob Schweden die lettischen SS-Kämpfer ausliefern soll. Fast alle votieren dagegen.

Was Silis wirklich am Herzen liegt, wie vielen jungen Menschen in Riga, ist eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit dem Ziel, sie hinter sich zu lassen. „Die mangelnde Aufarbeitung ist ein Problem, nicht nur bei uns“, sagt Silis. „Wir erschaffen in Europa künstliche Grenzen, vor allem gedankliche. Das darf nicht sein.“

Außer Baulärm unterbrechen hin und wieder junge Theatermenschen das Gespräch, schließen sich der Diskussion an, sie denken ähnlich, europäisch, global. Obwohl gerade sie von der Krise hart getroffen wurden, wirken die meisten gefasster als die Alten. Fragt man sie nach ihren Plänen, sagen die wenigsten, dass sie Richtung Westen auswandern wollen. Lieber arbeiten sie daran, den Westen nach Lettland zu holen.

Pjotrs Orehovs, 61, wuchs als Kind russischer Einwanderer in Riga auf – und fühlt sich von Lettland betrogen.

Valters Silis, 28, ist Theaterregisseur und beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der lettischen Geschichte.

Leonards Inkins, 52, leitet die nationalistische Organisation „Latvietis“ und hält nichts von der Europäischen Union.

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