Zeitung Heute : Bande der Gewalt

Frank Jansen

Die Bundesregierung rechnet auch nach der Tötung des Al-Qaida- Führers al Sarkawi mit weiteren Anschlägen im Irak. Wie wichtig sind einzelne Führungsfiguren für den organisierten islamistischen Terrorismus?


Mit dem Tod von Abu Mussab al Sarkawi ist dem islamistischen Terrorismus eine der drei „großen“ Symbolfiguren abhanden gekommen. Die beiden anderen, Osama bin Laden und dessen ägyptischer Stellvertreter Aiman al Sawahiri, halten sich weiterhin im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet versteckt. Die Bedeutung der drei lässt sich schon am Kopfgeld festmachen, das die USA für die Ergreifung ausgesetzt hatten: Jeweils 25 Millionen Dollar. Für keinen anderen Terroristen wird mehr geboten. Doch solche Summen täuschen genauso wie die enorme Aufmerksamkeit der Medien für Sarkawi, bin Laden und Sawahiri über die eigentlich vom islamistischen Terror ausgehenden Gefahren hinweg. Selbst wenn die US-Armee jetzt nicht nur Sarkawi, sondern auch die beiden Al-Qaida-Chefs ausgeschaltet hätte, gäbe es noch lange keinen Grund zum Aufatmen.

Geschwächt ist im Moment nur Sarkawis Truppe im Irak, die sich „Mudschadehin-Schura-Rat“ nennt und mit Al Qaida locker verbündet ist. Die Terrorbande hat einen kämpfenden Anführer verloren, das ist für sie wichtiger als der Verlust der Symbolfigur Sarkawi. Ob der Mudschahedin-Schura-Rat nun weiter agiert oder ein Teil zu einer anderen Terrorgruppe überläuft, ist offen. Der Stellvertreter Sarkawis im Irak, Abu Abdul Rahman al Iraqi, deklamierte am Donnerstag im Internet, der Mudschahedin-Schura-Rat werde der „erste Kern der muslimischen Nation“ sein, die im Irak auferstehe. Und der Vize präsentierte eine bizarre Logik: Der Tod eines Anführers des Dschihad (heiliger Krieg) sei „Teil ihres Lebens“. Diese Parole zeigt, dass der physische Ausfall einer Symbolfigur erwartet wird und den Kampfeswillen der Dschihadisten nicht lähmt. Die Terrorszene widmet eine Symbolfigur nach dem Tod zum Märtyrer um. Er ist dann ein heiliges „Vorbild“, vor allem für den militanten Nachwuchs.

Im Unterschied zu Sarkawi sind bin Laden und Sawahiri nur noch Gurus und keine Truppenführer mehr. Für die Planung von Anschlägen und Kämpfen haben die Al-Qaida-Anführer, eingezwängt in ein schmales Refugium an der afghanisch-pakistanischen Grenze und kaum handlungsfähig, allenfalls die Funktion von Stichwortgebern. Ihr Tod würde zwar stärkere Rachegefühle in der weltweiten Dschihadisten-Szene auslösen als im Fall Sarkawi, doch hätte er für das militante „Alltagsgeschäft“ noch weniger Bedeutung.

Außerdem deuten weitere Phänomene auf eine kaum zu bremsende Dynamik des globalen islamistischen Terrors hin. Unzählige regionale Gruppen agieren auf eigene Faust. Einige Beispiele: Die Jemaah Islamijah hat in Indonesien schwere Anschläge verübt, darunter zwei auf Bali. Von Pakistan aus agieren islamistische Kaschmir-Rebellen, in ägyptischen Badeorten zünden Fundamentalisten Sprengsätze. In der muslimischen Welt, von Marokko bis zum Westen Chinas, tummeln sich Terrorbanden, oft unterstützt durch Veteranen aus den einstigen Al-Qaida-Camps in Afghanistan. Doch es gibt auch eine Tendenz jenseits militanter Organisationen, die den Sicherheitsbehörden große Sorgen bereitet. Die Anschläge in London im Juli 2005 waren das Werk von „homegrown terrorists“. Junge, als integriert geltende Muslime hatten sich fernab von Al Qaida radikalisiert. Der Tod einer radikalen Symbolfigur irgendwo auf der Welt hätte die Attentäter nicht aufgehalten – sondern vermutlich noch angespornt, nun erst recht zu bomben.

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