Zeitung Heute : Bandscheibenschaden: Die Therapie wird Teil des Alltags

Längeres Fernbleiben vom Arbeitsplatz wird für immer mehr Berufstätige zum Tabu. Die ambulante Reha am Wohnort ersetzt die Kur in der Ferne

Renate Giesler

Der Kopf kriecht fast in den Bildschirm hinein. Als die Grafikerin die Maustaste anklicken will, spürt sie ein unangenehmes Kribbeln. Fast so, als ob ein Ameisenschwarm den Arm hoch kriechen würde. Am Sonntag ist ihr die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, jetzt streikt ihr Zeigefinger – er fühlt sich an wie taub. „Sie müssen etwas für Ihre Gesundheit tun! Am besten einmal ganz raus aus dem Betrieb“, rät der Arzt. Das Ergebnis der Kernspintomographie: Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich.

Die berufstätige Mutter ist kein Einzelfall. Bandscheibenschäden zählen nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums zur zweithäufigsten Berufskrankheit in Deutschland: 13 022 Erkrankte im Jahr 2001. Ein Drittel aller Krankheiten der Kategorie „Rückenschmerz“ wird chronisch, wenn nichts unternommen wird. Die Grafikerin will es so weit nicht kommen lassen. Doch eine Kompaktkur in einem Badeort kommt für sie nicht in Frage. Sie kann ihr Kind nicht allein lassen.

Ein Argument, das zählt. Eine Kur ist auch für viele Selbstständige tabu. Berufstätige, die an wichtigen Schnittstellen in der Firma arbeiten oder an ihrer Karriere interessiert sind, wagen kaum, sich zusätzlich zum Urlaub drei Wochen völlig vom Job auszuklinken. Doch Modellversuche in Berlin und Hamburg zeigen, dass es eine Alternative gibt: Die ambulante Rehabilitation. Ob bei extremen Rückenschmerzen, nach einem Unfall, einer Knie- oder Herzoperation kann man medizinische Trainingstherapie vor der Haustür finden. Die Patienten wohnen zu Hause und gehen drei bis sechs Stunden pro Tag – fünf Mal in der Woche – zur Therapie.

Selbstdisziplin gefordert

„Ohne das regelmäßige Training würde ich noch nicht so gut gehen können“, sagt eine 21-jährige Berlinerin. Sie hatte einen Unfall, ihr Sprunggelenk musste operiert werden. Um nicht länger dem Arbeitsplatz fern zu bleiben, wählte sie nach Verlassen des Krankenhauses diese Form der Reha. Seit Monaten kommt die Angestellte zwei Mal in der Woche nach ihrer Arbeit zur Physiotherapie und zum Funktionstraining in das Median-Zentrum Westend.

Die ambulante Rehabilitation ist seit dem Jahr 2000 der stationären gleichgestellt. Sie eignet sich zur begleitenden Behandlung bei Wiedereingliederung ins Erwerbsleben oder wenn wiederholter Rehabilitationsbedarf besteht. Es gibt Therapieangebote für orthopädisch-traumatologische Erkrankungen sowie für die Bereiche Neurologie, Kardiologie und Psychosomatik. Der Arbeitgeber muss den Arbeitnehmer – wie bei stationären Maßnahmen – für die Zeit der Behandlung frei stellen. Wie die Interessen der Firma und die der Gesundheit unter einen Hut zu bringen sind, muss jeder für sich selbst regeln. Ein Lektor etwa hat sich nach der Therapie noch täglich ein, zwei Stunden an den Schreibtisch gesetzt. Nur in der ersten Woche, als Schmerzen und Muskelkater ihm sehr zu schaffen machten, war für ihn die Arbeit tabu. „Man braucht ein hohes Maß an Eigenverantwortung, um sich nicht zu viel zuzumuten“, sagt die Berliner Reha-Fachberaterin Sabine Lindert. Denn das Besondere an dieser Art der Reha, nämlich noch Zeit für Familie oder Beruf zu haben, kann auch zum Stressfaktor werden

Drei Wochen ambulant kosten rund 1000 Euro weniger als eine stationäre Therapie. Unfall- und Rentenversicherungsträger (BfA, LfA) übernehmen auf Antrag des Versicherten und nach Prüfung des Befundberichtes des behandelnden Facharztes die Kosten. Das Rezept für ambulante Rehabilitation kann auch bei Krankenkassen eingereicht werden. Pro Behandlungstag zahlt dann der Patient neun Euro aus eigener Tasche.

„Was wollen Sie selbst ändern?“ Mit dieser Frage werden die Patienten gleich nach der Eingangsuntersuchung von dem Facharzt konfrontiert. Auch Physiotherapeuten und Bewegungstherapeuten werfen ein kritisches Auge auf Gan und Haltung. Sie fragen nach Schreibtischhöhe und Bildschirmabstand. Ziel ist, dass der Patient selbst aktiv wird. Statt sich nur auf der Massagebank verwöhnen zu lassen, ist Mitarbeit gefragt.

Ergonomie am Arbeitsplatz

Körperhaltung und Lebenseinstellung stehen auch für die Grafikerin auf dem Prüfstand. „Letztlich geht es darum, die Ursache zu beheben“, sagt Orthopäde Frank Rumler. Sonst kommen die Patienten nach kurzer Zeit wieder und eines Tages sind sie – wegen Fehlbelastung, Verschleiß oder gar Lähmung – nicht mehr in der Lage, der Arbeit nachzugehen. „Folterkammer“ nennen die Patienten den Raum, in dem die Geräte stehen, die einige aus dem Fitness-Center kennen. „Bei uns geht es um mehr als den reinen Muskelaufbau“, erklärt der Orthopäde. Unter fachkundiger Anleitung an teilweise computergesteuerten Trainingsgeräten werden bei Patienten mit Wirbelsäulenerkrankungen oder Bänderriss gezielt Muskelkraft und Muskelausdauer trainiert. In der Rückenschule lernt die Grafikerin, worauf es beim Sitzen, Heben und Aufstehen ankommt. Krankengymnastik, Ergotherapie, Bewegungsbad, Entspannungstraining sowie Vorträge zur Stressbewältigung stehen mit auf dem Programm. Die Nachmittage und Abende gehören der Familie, dem Privatleben – oder können für berufliche Belange genutzt werden.

Ein Vorteil der ambulanten Reha ist, dass die Umgestaltung des Arbeitsplatzes, Stichwort Ergonomie, nicht auf die lange Bank geschoben wird. Und wer es schafft, die erlernten Übungen auch zu Hause zu trainieren, der hat die erste Hürde genommen: Das Programm wird Teil des Alltags.

Median Reha-Zentren, 30 67 80

Zentrum für ambulante Reha, 28 58 40

Reha Zentrum Teltow, 03328/30 31 57

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