Bankenkrise : Ackermanns Aussichten

Er sei zuversichtlich für das Jahr 2009, sagt er. Aber er sagt es so leise, dass man es kaum hört. Denn die Welt des Josef Ackermann steht Kopf. Jetzt muss der erfolgsverwöhnte Chef der Deutschen Bank auf einmal Niederlagen verkünden.

Stefan Kaiser[Frankfurt am Main]
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Verluste türmen sich. Josef Ackermann am Donnerstag bei der Bilanz-Pressekonferenz für das Jahr 2008 Foto: Arne Dedert/dpa

Das Lächeln sitzt und strahlt, es strahlt in Gesichter und Fernsehkameras, denn während draußen ein Sturm anschwillt und die ersten Banken ins Taumeln bringt, ist Josef Ackermann hier, um einen Gewinn von 6,5 Milliarden Euro zu verkünden. So viel hat die Deutsche Bank noch nie in einem Jahr verdient. „Ein Spitzenjahr“, sagt Ackermann – und er erklärt, warum sein Haus diesen Sturm, die sich längst abzeichnende Finanzkrise, besser gemeistert hat als andere. „Als die Märkte schwierig wurden, haben wir gesagt, wir gehen runter und raus.“ Es ist Ackermanns 60. Geburtstag – und es ist gerade einmal ein Jahr her.

Seitdem hat sich die Welt des Josef Ackermann auf den Kopf gestellt. Am Donnerstag, zwei Tage vor seinem 61. Geburtstag, muss er wieder eine Bilanz vorlegen, für das Jahr 2008. 8,4 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern hatten es werden sollen – so war die Planung. Nun wurden es, „nach Steuern“, 3,9 Milliarden Euro – Verlust.

Das Siegerlächeln ist verschwunden, als Ackermann am Donnerstag vor die Presse tritt. Er trägt einen nachtblauen Anzug, wie immer. Für die Kameras zieht er die Mundwinkel eine Minute lang nach oben, es wirkt gequält. „Völlig unbefriedigend“ sei das vergangene Jahr verlaufen, sagt Ackermann. Er sagt es im nüchternen Banker-Duktus, ohne erkennbare Regung. Wort für Wort liest er das, was er zu sagen hat, vom Manuskript ab. Nur selten kommt ein improvisierter Satz hinzu. Der Manuskript-Inhalt soll Optimismus verbreiten, doch so, wie Ackermann vorliest, klingt es, als glaube er selbst nicht an das, was er da sagt. Der Januar sei gut gelaufen, auch für das Gesamtjahr 2009 sei er zuversichtlich. Man könne „dynamisch nach vorne schauen“. Das Ende des Satzes ist kaum mehr zu hören, so leise wird seine Stimme.

Josef Ackermann ist vorsichtig geworden. Oft genug hat er den Anfang vom Ende der Krise ausgerufen, der sich später als Ouvertüre zur eigentlichen Katastrophe entpuppte. Die Börse legt ihm die neue Vorsicht als Schwäche aus. Die Deutsche-Bank-Aktie fällt am Morgen um fast zehn Prozent, die Anleger hatten sich mehr aufmunternde Worte erhofft. Vielleicht den Ausblick auf einen Gewinn 2009. Doch das liefert Ackermann diesmal nicht. Niemand könne momentan sagen, wie es weitergehe. „Es können weitere Erschütterungen kommen“, sagt Ackermann. Er stützt sich mit beiden Armen auf dem Tisch, als müsse der seine ganze Last tragen.

Ackermann steht unter Druck. 2009 ist sein letztes volles Jahr bei der Deutschen Bank. Im Mai 2010 läuft sein Vertrag aus, dann soll Schluss sein. Er wolle sich kein Denkmal setzen, hat er einmal gesagt, doch als Chef einer womöglich vom Staat geretteten Bank, als Marionette des Finanzministeriums, will er auch nicht abtreten. Seine Bank soll die Krise ohne Geld vom Staat überstehen. Das hat er sich in den Kopf gesetzt und das hat er immer wieder öffentlich kundgetan. „Wenn man Geld nicht notwendig hat, nimmt man kein Geld vom Staat“, sagt Ackermann auch am Donnerstag. „Das ist meine tiefe ordnungspolitische Überzeugung.“ Egal ob staatliche Garantien, eine „Bad Bank“ oder staatliches Kapital: „Die Deutsche Bank, so wie sie heute dasteht, braucht das alles nicht.“ Von diesem Punkt gibt es so leicht kein Zurück mehr.

Der Druck hat Spuren hinterlassen – auch äußerlich. Die Falten um die Augen sind tiefer geworden. „Er ist in den letzten Monaten um Jahre gealtert“, sagt einer, der ihn gut kennt. „Die Frische ist weg.“ Mitte Januar ist Ackermann beim Neujahrsempfang der Deutschen Bank in Berlin zusammengebrochen. Es sei das Essen gewesen, heißt es bei der Bank, Würstchen mit Sauerkraut. Dass Ackermann wenige Stunden zuvor einen gigantischen Verlust für das vierte Quartal 2008 ankündigen und damit seine vielleicht größte Niederlage eingestehen musste, habe keine Rolle gespielt.

Ackermann ist ehrgeizig. Und glaubt man seinen Biografen, war er es schon immer. Ob als Student an der Eliteuniversität St. Gallen, als Sportler (Speerwurf), oder Freizeitmusiker (klassisches Klavier) – der Arztsohn aus dem Schweizer Örtchen Mels strebte stets nach Perfektion. Auch seine Bankkarriere verlief so zielstrebig wie auf dem Reißbrett geplant. Sie beginnt 1977 bei der Schweizerischen Kreditanstalt, wo Ackermann 1993 als 45-Jähriger den Präsidentenposten übernimmt. 1996 kommt er zur Deutschen Bank, 2002 wird er deren Chef. Als erster Ausländer besetzt er den wichtigsten Posten in der deutschen Wirtschaft.

In der Branche hat sich Ackermann mit seinem starren Kurs in Sachen Staatshilfe zunehmend isoliert. Vor allem bei denen, die das Staatsgeld nehmen, wächst das Unverständnis über ihn. „Er hat sich weit aus dem Fenster gelehnt“, sagen selbst die, die ihm wohlgesonnen sind. Die anderen werden da noch deutlicher: „Der hat sich total vergaloppiert“, sagt ein ranghoher Banker. „Es wäre besser, er ginge jetzt.“ Öffentlich will so etwas niemand sagen, noch nicht. Doch sollte die Deutsche Bank doch noch Kapital vom Staat brauchen, werden die Kritiker auftauchen: „Dann kann er einpacken“, sagt einer von ihnen.

Auf Rückhalt braucht Ackermann dann nicht mehr zu hoffen, auch im eigenen Haus nicht. Seine potenziellen Nachfolger laufen sich jetzt schon warm und versuchen, sich auf Ackermanns Kosten zu profilieren.

Auch die Gunst der Politik hat Ackermann verspielt. Besonders übel nehmen ihm Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück, dass er den 480 Milliarden Euro schweren Bankenrettungsplan torpedierte, bevor er überhaupt in Kraft getreten war. Mitte Oktober trat Ackermann auf einer Videokonferenz vor Spitzenmanagern der Deutschen Bank auf. Gerade hatte die Bundesregierung den Rettungsplan im Rekordtempo durchgesetzt – auch auf Druck von Ackermann. Wochenlang hatten er und sein Kollege Martin Blessing von der Commerzbank im Kanzleramt auf einen solchen Plan gedrungen. Und was sagt der wichtigste Banker des Landes nun vor seinen Managern? „Ich würde mich schämen, wenn wir das Geld der Steuerzahler nehmen würden.“ Ein Satz, eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht und dann doch in allen Zeitungen stehend, und bis heute ist umstritten, ob er tatsächlich in diesem Wortlaut gefallen ist. Die Empörung jedenfalls war groß, im Land, in der Regierung, vor allem bei Merkel. Ackermanns Äußerungen seien „absolut bedenklich, unverständlich, inakzeptapel“, ließ die Kanzlerin den Regierungssprecher ausrichten. Seitdem gilt das Verhältnis als stark gestört.

Das Staatsgeld war nun mit einem Makel versehen, Chefs anderer, möglicherweise vor dem Bankrott stehender Banken sei von Ackermann nun eine rhetorische Hürde gebaut worden, es anzunehmen. So stand es zu lesen.

Der Mann, der von Freunden als bodenständig und unprätentiös beschrieben wird, ist zurück, wo er schon einmal war: in der Rolle des Buhmanns, das Gesicht des skrupellosen Kapitalismus. Dieses Image hatte er sich in den ersten Jahren seiner Amtszeit erworben. Zum Beispiel 2004, als er im Mannesmann-Prozess auf der Anklagebank saß. Es ging um Millionen-Boni für die Manager Klaus Esser und Joachim Funk, die Ackermann und die anderen Mannesmann-Aufsichtsräte gewährt hatten. Gleich am ersten Prozesstag grinste Ackermann in Anwesenheit von Kameras und spreizte die Finger zum Victory-Zeichen. Eine ungeheure Geste, fand die Öffentlichkeit. Noch heute haftet sie ihm wie ein Makel an. Oder 2005, als er stolz einen Rekordgewinn von 2,5 Milliarden Euro präsentierte und gleichzeitig ankündigte, 6500 Mitarbeiter vor die Tür zu setzen. Kalt, sagten die einen, ehrlich, sagten die anderen. Doch sie waren klar in der Minderheit.

Dies alles sei ein Missverständnis gewesen, heißt es in Ackermanns Umfeld. Der nüchterne Schweizer habe die deutsche Mentalität verkannt und die nationale Bedeutung des Chefpostens bei der Deutschen Bank unterschätzt. Seine Vorgänger, Männer wie Hermann Josef Abs, Alfred Herrhausen oder Hilmar Kopper, haben ihn in der korporatistischen Tradition der alten Deutschland AG ausgefüllt – väterlich, staatsmännisch, fürsorglich. Geliebt haben die Deutschen auch sie nicht, aber sie haben sie geschätzt.

Bei Ackermann reicht es dazu meist nicht. Deutschland sei das einzige Land, in dem jene, die Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen, sagte Ackermann zu Beginn des Mannesmann-Prozesses. Ein Satz, der zeigt, wie tief der Graben ist, der ihn und die Deutschen, der oben und unten damals trennte und wohl auch heute noch trennt. Für Ackermann zählen Zahlen und Erfolg. Moraldiskussionen liegen ihm nicht.

Für eine kurze Zeit hatte es einmal so ausgesehen, als könne Ackermann sein Buhmann-Image loswerden. 2007 holte er sich neue Berater, die ihm helfen sollten, sein Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Mit Erfolg. Ackermann zeigte sich locker und charmant auf Medienfesten in Berlin und betonte bei jeder Gelegenheit, wie verbunden er Deutschland sei. Andere nahmen in dieser Zeit Ackermanns Stammplatz als meistgehasster Manager Deutschlands ein.

Die Kanzlerin ließ ihn ihre Anerkennung spüren. Anlässlich seines 60. Geburtstags durfte Ackermann 25 Gäste seiner Wahl zu einem Abendessen ins Kanzleramt einladen. Das hatte noch keiner vor ihm geschafft.

Selbst als die Finanzkrise heraufzog, konnte der Deutsche-Bank-Chef noch punkten. In der Fernseh-Talkshow „Maybrit Illner“ erklärte er den Leuten die Bankenwelt. Bei der Rettung der Skandalbank Hypo Real Estate präsentierte er sich als zupackender Krisenmanager, handelte mitten in der Nach mit Merkel die entscheidende Vereinbarung aus.

Diese Zeiten dürften wohl erst einmal vorbei sein. Selbst wenn Ackermann mit seinen Beratern nun erneut am Image feilt, es gelingt einfach nicht. Im Oktober gab er bekannt, auf alle Bonuszahlungen für 2008 zu verzichten und sich mit seinem Festgehalt von rund 1,3 Millionen Euro zu begnügen. Eine generöse Geste, so sollte es jedenfalls aussehen, doch die Kritik kam prompt: „Ein peinlicher Vorgang“, echauffierte sich SPD-Fraktionschef Peter Struck. Die Grüne Renate Künast sprach von „ungeheurer Chuzpe“ – und selbst Commerzbank-Chef Blessing konnte sich einen Seitenhieb auf den Konkurrenten nicht verkneifen.

An diesem Donnerstag dauert es eine Stunde, bis Ackermann zum ersten Mal lächelt. Es ist das Lächeln eines Schweizer Spitzbuben, das ihm so viel besser steht als die Victory-Grimasse. Ein Journalist hat ihn gefragt, ob er absichtlich alle Belastungen für die Bank in die Bilanz des Jahres 2008 gepackt hat, um mit einem besseren Jahr 2009 abzutreten. Das könne er gar nicht, sagt Ackermann und lächelt breit. „Wir bewerten immer richtig.“

Doch die Frage nach dem Erbe bleibt. „Die Hauptversammlung 2010 ist mit Sicherheit mein letzter Tag“, sagt Ackermann. „Daran wird nichts geändert.“ Bis dahin kann er zum großen Verlierer werden – oder zum großen Helden, wenn er seine Bank aus der Krise führt. „Wenn wir es schaffen“, sagt Ackermann, „wird man sicher in zehn, zwanzig Jahren mit Stolz sagen, dass die Deutsche Bank die größte Finanzkrise seit der Großen Depression alleine gemeistert hat.“ Und ihr Chef damals Josef Ackermann hieß.

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