Zeitung Heute : Banker der armen Frauen

Am ersten Tag verlieh er 27 Dollar an 42 Flechterinnen. Nun hat Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis

Dagmar Dehmer

Muhammad Yunus fällt in der Landesvertretung Baden-Württemberg richtig auf, zwischen all den Anzugträgern. Der kleine, grauhaarige Mann aus Bangladesch trägt keinen Anzug. Er hat sich für die Tracht entschieden, die er immer trägt, egal, wen er trifft: helle weite Hose, schlabbriges Hemd und eine knielange Jacke ohne Ärmel. Es ist ein Herbsttag vor knapp zwei Jahren, und der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel hat nach Berlin geladen, um sich das Prinzip der Mikrokredite von ihrem Erfinder, dem Gründer der „Grameen Bank“, persönlich erklären zu lassen.

Yunus erklärt leise und überlegt. Mikrokredite sind kleine Darlehen an Kunden, in seinem Fall Kundinnen, die keine Sicherheiten anbieten können, mit diesem Geld aber in der Lage sind, sich eine Existenz aufzubauen. Yunus ist überzeugt, dass sich die Armen selbst helfen können, wenn sie Zugang zu Bankdienstleistungen haben. „Millionen Menschen in aller Welt haben keine Chance auf einen Kredit“, sagt er. Und dann, energischer: „Man könnte laut aufschreien, ob dieser Ungerechtigkeit.“ An diesem Tag ahnt noch keiner, dass er zwei Jahre später für sein Projekt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden würde, weil er, wie das Nobel-Komitee schreibt, „zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung von unten“ beigetragen hat.

Yunus, 65, ist es gewohnt, bei den Mächtigen der Welt für sein Konzept der Armutsbekämpfung zu werben. Und auch Preise hat er schon viele gewonnen, etwa den Nationalpreis von Bangladesch. Doch der Friedensnobelpreis, das sei „der Himmel“, jubelt er am Freitag im Fernsehen. „Das sind fantastische Nachrichten für uns alle und alle armen Menschen in der Welt.“ Denn der Preis geht zur Hälfte auch an die „Grameen Bank“, jenes Institut, mit dem er seine Mikrokredite zu verteilen begann. Zu 94 Prozent gehört sie ihren Kreditnehmerinnen und zu sechs Prozent dem Staat; Yunus sitzt „nur“ im Vorstand.

Muhammad Yunus wird nie müde, die Geschichte zu erzählen, die aus ihm, dem Sohn einer wohlhabenden Familie und Wirtschaftsprofessor der Chittagong Universität in Bangladesch, den Gründer einer Bank für die Frauen gemacht hat. Er erzählt sie auch dem Tagesspiegel an diesem grauen Tag in der Landesvertretung Baden-Württemberg vor zwei Jahren. Als sein Land 1974 wieder einmal von einer katastrophalen Hungersnot heimgesucht wurde, fuhr Yunus mit seinen Studenten in ein armes Dorf. Feldforschung. Ihre Theorien hatten ihnen nicht erklärt, warum in Bangladesch immer wieder Hunger herrscht. Sie interviewten eine Frau, die Bambusstühle flocht. Um an das Rohmaterial zu kommen, musste sie von einem Geldverleiher nahezu die Summe leihen, für die sie den fertigen Stuhl am Abend verkaufen konnte. Ihr Profit bewegte sich im Centbereich. Yunus begann, sich für seine Arbeit zu schämen. „Ich wollte keine eleganten ökonomischen Theorien mehr lehren“, sagt er leise. Stattdessen entschied er sich, etwas zu tun. Geld zur Verfügung zu stellen. Sein erster Kredit: 27 Dollar für 42 Stuhlflechterinnen. Auch er nahm Zinsen. Aber geringere als die Geldverleiher. Die Frauen zahlten jeden Cent zurück. Diese Erfahrung macht er bis heute: Die Rückzahlungsquote liegt bei mehr als 98 Prozent. Eine Idee war geboren.

Nachdem Yunus mit dem Versuch gescheitert war, konventionelle Banken für das Projekt zu begeistern, gründete er 1983 die „Grameen Bank“, übersetzt bedeutet das Dorf-Bank. Und genau das ist sie auch. Inzwischen hat sie in Bangladesch 1084 Filialen, 12 500 Menschen arbeiten für die Bank und bedienen 2,1 Millionen Kreditnehmer in 37 000 Dörfern. An jedem Arbeitstag macht die Bank einen durchschnittlichen Umsatz von 1,5 Millionen Dollar. Die Bank trägt sich selbst. „Seit 1995 nehmen wir kein Geld von Gebern mehr an“, sagt Yunus stolz. Immer und immer wieder wiederholt Muhammad Yunus den Satz, der alle seine Überzeugungen enthält: „Die Armen können sich selbst aus der Armut befreien, wenn wir ihnen dieselben Chancen geben, die wir allen anderen auch geben.“

Der Beginn der Erfolgsgeschichte waren die Kredite für eine selbstständige Existenz. Doch inzwischen ist aus der „Grameen Bank“ eine ganze „Familie“ von Unternehmen geworden. Und Yunus hat noch viele Ideen, um sein „Imperium der Armen“ auszubauen. Inzwischen vergibt die Bank Stipendien an besonders begabte Schüler. Wer sich Geld leiht, verpflichtet sich ohnehin, seine Kinder zur Schule zu schicken. Sie sagen auch zu, ihre Familien klein zu halten, auf Hygiene zu achten und mit der ruinösen Tradition des Brautpreises zu brechen.

Yunus sieht zwar nicht aus wie ein großer Tabubrecher; in seiner bescheidenen Kleidung würde er in kaum einem Dorf seines Landes großartig auffallen. Und doch hat er genau das getan. 97 Prozent der Grameen-Kredite werden an Frauen ausgegeben, und das in einer muslimischen Gesellschaft. Dabei ist Yunus gar nicht aus Überzeugung „Feminist“ geworden, wie er grinsend erzählt. Aber er hat einfach festgestellt, dass Frauen ihre Kredite zuverlässiger zurückzahlen. Muss tatsächlich mal ein Darlehen abgeschrieben werden, „hat es meistens damit zu tun, dass der Ehemann mit dem Geld abgehauen ist“, sagt er. Außerdem seien Frauen eher gewillt, den erwirtschafteten Gewinn zugunsten der Familie zu investieren.

Yunus ist überzeugt, dass neben der Bildung auch neue Technologien helfen können, das Leben der Armen zu verbessern. Mehr als 21 000 Frauen in Bangladesch hat die „Grameen Bank“ Mobiltelefone finanziert, die oftmals mit Solarenergie betrieben werden, weil es in den Dörfern keinen Strom gibt. Die Telefonfrauen ermöglichen den Dorfbewohnern, mit ihren Angehörigen außerhalb Kontakt zu halten, oder auch neue Geschäftskontakte anzubahnen. Aus den Telefonstationen sollen Internet-Cafés werden. Muhammad Yunus setzt außerdem große Hoffnungen in die Stromerzeugung durch Solarenergie, mit der die Elektrizität zum ersten Mal auch für die Armen bezahlbar wird. „Wenn die Kinder abends ihre Hausaufgaben machen können, kann das schon das Leben einer ganzen Familie verändern.“

Yunus will seinen Anteil am Preisgeld in Höhe von 1,1 Millionen Euro für soziale Zwecke einsetzen, gab er gestern bekannt. Mit einem Teil werde er ein Unternehmen gründen, das preiswerte und hochwertige Nahrung für Arme herstelle, sagte er. Die Firma mit dem Namen „Social Business Enterprise“ werde Lebensmittel zum nominellen Preis verkaufen und solle weder Verluste machen noch Dividenden zahlen. Und den Rest des Geldes will er für die Gründung einer Augenklinik für arme Menschen in Bangladesch verwenden.

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