Zeitung Heute : Banker im Bunker

Mit 25 Wirtschaftsführern hat er gesprochen, 1000 Seiten Wortprotokolle sind entstanden. Daraus hat Andres Veiel ein Theaterstück gemacht, das jetzt in Stuttgart und Berlin aufgeführt wird. Die Finanzkrise kommt auf die Bühne.

Herrenreich. Die Welt der Banker ist männlich, Susanne Marie Wrage folgerichtig die einzige Frau im Ensemble um Ulrich Matthes (Vierter von links) und Joachim Bißmeier (rechts). Foto: Arno Declair/Deutsches Theater
Herrenreich. Die Welt der Banker ist männlich, Susanne Marie Wrage folgerichtig die einzige Frau im Ensemble um Ulrich Matthes...

Eine enge Treppe führt drei Stockwerke unter die Erde. Im tiefsten Keller öffnet sich dann hinter einer grauen Metalltür: eine riesenhohe Halle. Es ist die Probenbühne des Deutschen Theaters. Unter einem modernen Apartmentblock in Berlin-Mitte ist dieser Raum eine Überraschung. Denn der Regisseur hatte immer von einem „Bunker“ gesprochen, in dem er gerade sein neues Stück inszeniere.

Als wir leise eintreten, springt just ein kleiner grauhaariger Herr nach vorne und ruft vor den Stühlen des Regieteams aus: „Bunker sind hochinteressante architektonische Gebilde. Von einer klaren Schönheit und zwar deshalb, weil es nicht mehr ums Wohnen geht.“ Der Beton draußen siege über den Raum drinnen. Der Grauhaarige ist der Schauspieler Jürgen Huth, der gerade in der Doppelrolle als Chauffeur und Etagendiener in besseren, böseren Kreisen auftritt.

Die Szene, die Stelle war mit dem Besucher nicht verabredet, aber sie passt. Weil es beim hier geprobten Schlussteil von Andres Veiels Stück „Das Himbeerreich“ um den Untergrund oder gar Untergang einiger eben noch mächtiger Wirtschaftsführer geht. Um Banker im Bunker des Finanzkapitals. Und was wie eine leicht apokalyptische Fantasie wirkt, beruht auf erstaunlichen Tatsachen.

Der Berliner Filmregisseur und Theatermacher Andres Veiel, 1959 in Stuttgart geboren, hat seit Anfang 2012 mit Topbankern in London, Zürich, Frankfurt und in Berlin gesprochen. Aus deren Aussagen hat Veiel nun ein Dokudrama montiert, das Mitte Januar in einer Koproduktion kurz hintereinander in Stuttgart uraufgeführt und gleich danach im Deutschen Theater Berlin gezeigt wird. Mit sechs Schauspielern, unter ihnen auch so filmbekannte wie Ulrich Matthes, Susanne Marie Wrage und Joachim Bißmeier. Ein ähnliches Projekt hat es seit der Finanzkrise 2008 noch auf keiner Bühne gegeben.

Da steht also ein Emporgeschossener: „Ich hab’ angefangen mit 80 000, 100 000, das ist für 60 Stunden nicht viel, die du da rumrockst, der Rest sind incentives, variable Gehaltszulagen, du musst wissen, wo Musik drin ist und wie lange sie spielt.“ Irgendwann kommen die Insidertipps („am nächsten Tag bei Bloomberg, da bin ich schon draußen“), es geraten immer mehr Nullen dran an die Geschäfte und Gehälter, was aber bleibt „am Ende eines Tages, eines Jahres? Was sind 60 Milliarden?“

Ein älterer Kollege antwortet ihm: „Wenn Sie jede Sekunde zehn Euro zum Fenster rauswerfen“, wann hätte man damit anfangen müssen, um heute auf 60 Milliarden zu kommen? „Das wissen Sie nicht? Bei Christi Geburt. Ihr Gehirn ist programmiert auf Eins, Zehn, Hundert, vielleicht noch Tausend, aber nicht auf Milliarden.“

Manche Leier der Art „Als Investmentbanker sind Sie an den Gewinnen in höherem Maße beteiligt als die Aktionäre, ohne dass Sie Kapital gegeben haben“, die glaubt man längst zu kennen: von Filmen wie „Wallstreet“ 1 und 2, vom Lehman-Thriller „Margin Call“ („Der große Crash“) bis zu den zahlreichen Aussteigerenthüllungsbüchern wie zuletzt den „Unersättlichen“ von Greg Smith, einem ehemaligen Derivatehändler von Goldman Sachs. Doch Andres Veiel spricht in den Texten seines Anderthalbstundendramas allein mit O-Tönen aus überwiegend deutschen Chefetagen.

Zuletzt hatte Andres Veiel vor zwei Jahren bei der Berlinale Erfolg gehabt mit seinem Spielfilm „Wer wenn nicht wir“. Darin erzählt er die Geschichte von Gudrun Ensslin und ihrem Mann Bernward Vesper, Sohn eines berühmten Nazischriftstellers, Autor der grandios-fürchterlichen Romanautobiografie „Die Reise“ und später durch Selbstmord geendet. Im Licht, im Schatten des Aufbruchs vor und um 1968, zwischen Rock ’n’ Roll, Revolte und beginnendem Terror das beste Bild jener Zeit im deutschen Kino.

Wir treffen uns im Dezember zuerst in Veiels Lieblingscafé im Kreuzberger Bergmannkiez, ein wenig abseits der Touristenmeile. Um die Ecke wohnt Veiel auch, aber vor seiner Premiere lebt er, abwechselnd in Stuttgart und Berlin, mehr im Theater als irgendwo sonst. Der Kontrast scheint hier riesengroß zur Welt der glasverspiegelten Bankentürme und ihren Untergründen. „Aber der Zugang war gar nicht so schwer“, sagt Veiel mit seinem ironiefreien, immer ein wenig ernsthaften Lächeln. Sein Durchbruch war ja die 2001 mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnete Dokumentation „Black Box BRD“ über den ermordeten Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und die Rote Armee Fraktion. „Seit damals habe ich über Herrhausens Familie und seine früheren Vorstandskollegen zahlreiche Kontakte im Bankenmilieu“, erzählt Veiel.

Schon vor „Wer wenn nicht wir“ hatte den zeitgeschichtlich sensiblen Regisseur und Rechercheur die große Finanzkrise umgetrieben. Aber neben der Arbeit an seinem Spielfilm war zunächst keine Zeit für das Bankerprojekt. Ende 2011 begann er dann, Briefe zu schreiben, Mails zu senden, sich durch Vorzimmer zu telefonieren. „Natürlich gab es viele Absagen von Leuten, denen es zu heiß war, über ihren Job in der Krise zu sprechen.“ Doch einige der persönlichen Kontakte ergaben weitere Empfehlungen, öffneten immer neue Türen, ein Schneeballeffekt. In der Eiszone, hoch oben im sonst verschlossenen System.

„Seit Januar hatte ich 25 ausführliche Interviews.“ Immer mit Aufnahmegerät, alle abgeschrieben und – gegen die Zusage völliger Anonymisierung – autorisiert. Veiel spricht von über 1000 Seiten Wortprotokollen, abgelegt in drei Aktenordnern. 20 seiner Gesprächspartner sind oder waren Vorstandsmitglieder der größten deutschen Banken, teilweise sind sie noch Mitglieder im Aufsichtsrat. Fünf weitere sind Broker, Investmentverkäufer, Abteilungsleiter. Keine Amerikaner. „Ich habe mich aus praktischen Gründen auf Schweizer, Engländer und Deutsche konzentriert.“ In London habe er so immerhin drei Stunden lang mit einem früheren Chef der Bank of England reden können.

Gab es unter den Topdogs auch Frauen? Veiel lacht: „Nur zwei, unterhalb der Vorstandsebene. Bei allen deutschen Großbanken sitzen im Moment wohl nur Männer in den Vorständen.“

Die Gespräche fanden normalerweise außerhalb der Büros statt. Veiels hochrangige Informanten sagen, dass in den Frankfurter Banktürmen, auch in höheren Etagen, „Abhöranlagen“ existieren. In Berlin, wohin es die Banker meist nur wegen politischer Termine zieht, plauderte man so beispielsweise am hintersten Tisch der kleinen italienischen „Bar Centrale“ in Kreuzberg. Oder im Chambre Séparée eines offenbar ziemlich begehrten Lokals, das nicht „Borchardt“ heißt und das Veiel aus Vertraulichkeitsgründen nicht nennen möchte.

Außerhalb jeder Öffentlichkeit gab es „teilweise auch Konferenzschaltungen mit Anwälten, die die Abschrift eines Gesprächs ihres Mandanten noch mal durchgegangen sind.“ Es habe bei manchen Topbankern hinterher auch „regelrechte Panikausbrüche“ gegeben. Weil sie selbst nach ihrem Ausscheiden aus dem Vorstand noch um ihre Millionenpensionen, um Fahrer, Büros und persönliche Diener bangen. Falls sie als Veiels Informanten bekannt würden.

Immerhin haben sie mit ihm geredet. Über eigene Versäumnisse, Schwächen und das Mitmachen bei Risikogeschäften wider besseres Wissen. Schon 2001, als politisch immer mehr dereguliert worden war und die Investmentbranche mit immer komplexeren, undurchschaubareren Finanzprodukten immer stärker expandierte, habe nach der Arbeit an „Black Box BRD“ ein Frankfurter Banker zu Veiel gesagt: „Wir haben eine Geldmenge, die sich aus sich heraus exponentiell vermehrt, jenseits der realen Güterproduktion und der eigentlichen Produktivität. Das produziert riesige Blasen.“ Doch man hat in der eigenen Bank und erst recht in der Öffentlichkeit den Mund gehalten. „Auf meine Frage ,Was tun?’, sagte mir ein führender deutscher Banker: Wir melken die Kuh, solange sie Milch gibt.“

Alfred Herrhausen war da wohl ganz anders – und deshalb vor seiner Ermordung schon dem Gesellschaftsbild seiner Deutschen Bank entfremdet. Deshalb hatte Herrhausen, in dem noch ein Bankier von gestern (oder morgen?) steckte, den Filmemacher so interessiert. Andres Veiel ist selber kein politischer Eiferer. Gleich, ob er mit Kapitalisten, Terroristen oder auch wegen Folter und Mord verurteilten jungen Neonazis im Gefängnis spricht („Der Kick“). Er ist erst einmal einer, der in seiner Arbeit der Wahrheit in all ihren Widersprüchen nachgeht. Und das Vertrauen anderer findet. Dieser wuschelköpfige Typ mit einem Hauch Schwäbischem auf der Zunge, mit freundlich wachen Augen hinter der Brille. Veiel ist ein durchaus intellektueller Künstler, sehr eloquent und zugleich ein durch seine Offenheit gewinnender Mensch. Eine Offenheit, die berufsmäßig notwendige Diskretion nicht ausschließt.

In seinem Stück vom „Himbeerreich“ geht es: um unter wahnsinnigem, selbst produziertem Zeitdruck vollzogene Transaktionen, Bankenfusionen, Risikoverlagerungen, Luftbuchungen, Derivatmanipulationen, um Bad Banks und Bad Politics, weil auf Rechnung der Steuerzahler. Von den Griechen und von Zypern ist ziemlich aktuell die Rede (Goldman Sachs habe geholfen, einen Teil der griechischen Staatsschulden zu verstecken und „selbst dafür 500 Millionen kassiert“). Es ist von Tarn- und Spitznamen die Rede, mal lauten sie „Transatlantic Hero“, mal wird der Chauffeur nachts auf dem Weg nach Hause gefragt, ob ihm eine schöne innerdeutsche Verbrämung einfalle, und die Antwort ist: „Loreley“.

Das goldene Haar, der Kampf ums goldene Vlies der Jetztzeit. Man ahnt mitunter, was in Deutschland dahinterstehen mag: der Crash und die Verstaatlichung der Hypo Real Estate oder auch die Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank. Andres Veiel gibt keine Informanten preis und sagt zu seinem Verfahren: „Meine Personen sind alle erfunden. Nicht aber ihre Sätze. Ich habe die 1000 Seiten Aussagen nur auf knapp 60 Seiten konzentriert und das Gesagte neu montiert.“ So ist die schneidige blonde Vorstandsdame Dr. Brigitte Manzinger, die sich Idealismus zunächst nur leisten will, wenn er profitabel ist (dargestellt von Susanne Marie Wrage), schon mangels realer deutscher Topbankerinnen auch aus männlichen Versatzsätzen komponiert.

Es gibt bei Veiel keine eigentliche Handlung. Nur Statements und Stationen, gegliedert durch einen Chor im Off, aus den Stimmen der sechs Schauspieler, die als Prototypen in einem monumentalen monochromen, teilweise mit glitzernder Spiegelfolie überzogenen Metallgehäuse agieren – mitunter auch in gläsernen Liftkabinen einschweben.

Das Besondere ist: Veiel führt keinen der aus dem Portefeuille ihrer realen Erfahrungen plaudernden Banker nur als geldgeilen Banker vor. Auch werden aus zynischen Investmentgeiern nicht schnell gewandelte Büßertauben, nicht Wendehaie wie der Goldman-Exbroker und „Enthüllungsautor“ Chris Smith. In der antikapitalistischen 68er-Zeit gab es mal den beliebten Ausdruck Spätbürger. Diese vom Jahr der Lehman-Pleite Gezeichneten 2008er könnte man hier als Spätbanker bezeichnen. Sie sind Untergeher, aber mit Chauffeur.

Mancher von ihnen wirkt in bodenlosen Momenten wie aus Peter Handkes jetzt 40 Jahre altem und noch immer verblüffendem Unternehmerdrama „Die Unvernünftigen sterben aus“ entsprungen. Dort sagte ein melancholischer Kapitalist: „Auf einmal fällt mir ein, dass ich etwas spiele, das es gar nicht gibt.“ Zitieren aber solche Leute auch im heutigen Geschäftsleben noch die Bibel, Brecht oder Shaw (dass im Himmel das Klima besser sei, in der Hölle aber die Gesellschaft interessanter)? „Aber ja“, ruft Veiel, „gerade wenn sie unsicher sind, wollen sie doch imponieren, notfalls auch mit Kultur.“

Das Erschreckende, was auch an die Erfahrungen mit Eliten in Diktaturen erinnere, sei allerdings die Anpassungsbereitschaft, die völlige Unfähigkeit zum Widerspruch oder gar Widerstand innerhalb der eigenen Klasse und Kaste. „Ich bin kein tunesischer Gemüsehändler, der sich anzündet und eine Revolution auslöst, ich bin eben kein Märtyrer“, zitiert Veiel einen seiner Gesprächspartner. Und der Banker Kastein, dargestellt von Ulrich Matthes, sagt: „Die wirklich gefährlichen Leute sind schwach.“

Veiels Stücktitel spielt auf eine Äußerung von Gudrun Ensslin einst im Gefängnis an. Die inhaftierte Terroristin hatte sich, angefangen vom teuren Parfüm, die „Früchte des Himbeerreichs“ gewünscht: aus der Welt, die sie bekämpfte. – Schaden und Haben. Wie in der mitbeteiligten Politik. Veiel nennt die mit staatlicher Hilfe 2010 gegründete FMS-Wertmanagement, die Bad Bank der Hypo Real Estate. „Da gibt es gerade Wertberichtigungen, die einen zukünftigen Bundeshaushalt in Milliardenhöhe belasten werden.“ Und das geht so immer weiter?

Bei Veiel geht es am Ende in den Bunker. Der Untergang? Vielleicht auch nur eine Katastrophenübung. Es ist von schlipsloser Freizeitkleidung zur Tarnung die Rede und von der Auslagerung bestimmter Geschäftseinheiten in Unterstände am Rande der Stadt. Freie Fantasie? Als die Occupy-Bewegung jüngst im Frankfurter Bankenviertel campierte, hat man laut Veiels Informanten im Jahr 2011/12 solche Krisenpläne aus den Zeiten des Kalten Krieges reaktiviert. Wäre es nicht wahr, dann wäre es gut erfunden.

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