Zeitung Heute : Bankgesellschaft Berlin: Wolfgang Rupf ist nicht zu sprechen

Antje Sirleschtov

Dass es eng wird für ihn, war Wolfgang Rupf schon lange klar. "Wann treten Sie zurück?", wurde der Chef der Bankgesellschaft schon vor Wochen in einer vertraulichen Runde von Anteilseignern des Konzerns offen gefragt. Verbittert antwortete Rupf: "Irgendwann werdet ihr mich sowieso wie einen Hund vom Hof jagen."

Irgendwann ist jetzt. Die meisten in seiner Lage hätten schon viel früher aufgegeben. Macht euern Kram doch alleine, hätten sie gesagt. In beiderseitigem Einvernehmen, wie es so elegant heißt, wenn ein Vorstandschef eines Konzerns gute Gründe hat, aus seinem Amt zu gehen, wären sie verabschiedet worden. Mit freundlichen Worten und einer siebenstelligen Abfindung. Und dann Schluss. Wer hätte das einem verübelt, der von sich sagt: "Ich war nicht informiert, konnte nicht wissen, was wirklich läuft."

So einer ist Wolfgang Rupf nicht. Vorstandschef der Bankgesellschaft Berlin - das war das hohe Amt, das er immer wollte, das er vor fünf Jahren antrat und sich zur ganz persönlichen Aufgabe gemacht hat. Und das er nicht einfach hinschmeißen wollte. Komme, was da wolle.

Es kam viel in den vergangenen neun Monaten. Man hat ihn verantwortlich gemacht, dafür, dass sich Politiker und Finanziers in Berlin Anfang der neunziger Jahre blind vor Ehrgeiz in waghalsige Projekte gestürzt und ein ganzes Bundesland beinahe in die Pleite getrieben hatten. Gerade stehen sollte er auch dafür, dass einige von den Herren bei ihren Geschäften auch noch zu selbstsicher auf den eigenen Vorteil geschaut haben. Und weil das alles noch nicht genug ist, haben sie ihm Vorteilsnahme im Amt unterstellt. Die Bäumchen in seinem Vorgarten haben sie gezählt und in aller Öffentlichkeit darüber spekuliert, ob er wohl auch die angemessene Miete für Villa und Garten in Dahlem bezahlt. Keiner hat damals die Stimme erhoben und laut gesagt: "Der Rupf, dem mag man viel vorwerfen, aber integer ist er, der bedient sich nicht." Im Gegenteil: Es gibt wohl kaum einen Mann in Berlin, der in letzter Zeit so oft und von so vielen Menschen zum Rücktritt aufgefordert wurde.

Doch Wolfgang Rupf hat sich keinen Millimeter bewegt. Alle Erniedrigungen ließ er an sich abperlen. Als wolle er wenigstens beweisen, dass er sein Unternehmen in der Krise nicht aus persönlicher Eitelkeit im Stich lässt, wenn er es schon nicht vor der Zerschlagung zu retten vermochte.

Heute wird er im Berliner Kongresshotel Estrel vor die Eigentümer der Bankgesellschaft treten und ihnen das Desaster dieses Konzerns erklären, der sich unter seiner Führung anschickte, zu einer der ersten Adressen in der deutschen Banklandschaft zu wachsen. Er wird noch einmal erläutern, wie es dazu kam, dass sich die Risiken der Bankgeschäfte in Berlin über Jahre hinweg zu einem so großen Haufen aufgetürmt haben, dass das Bundesamt für das Kreditwesen in diesem Sommer die Reißleine ziehen musste. Rupf wird den Aktionären auch sagen, wer für all das verantwortlich ist, und Rechenschaft darüber ablegen müssen, was er als Konzernchef getan hat, um die Finanzkrise abzuwenden. Doch Voyeure des Berliner Polit-Sumpfes wird Rupf enttäuschen. Mit Schlamm um sich zu werfen, das ist nicht seine Sache. Dazu ist ihm die Bank zu wichtig. Er, der schwäbische Unternehmerspross, ist zur Verantwortung erzogen: Verantwortung für eine Aufgabe, die man einmal übernommen hat; Verantwortung, die im Zweifel bis zur Selbstverleugnung reicht. Soll der landeseigene Bankkonzern aus der schwersten Krise eines solchen Unternehmens, die es je in Deutschland gab, wieder herausfinden, das weiß Wolfgang Rupf nur zu genau, dann darf er sich heute nicht untreu werden. Dann muss er korrekt wie immer seine Zahlenkolonnen hersagen, muss Konzepte glaubhaft erläutern, von denen jeder weiß, dass es nicht seine eigenen sind. Und dann muss er still dasitzen, wenn alle anderen über die Zukunft entscheiden, die er nicht mehr mitgestalten wird und für die irgendwann vielleicht andere die Lorbeeren ernten werden.

Wut der Belegschaft

Auf diesen Tag hat sich der Bankchef aus Berlin lange vorbereitet. Allein. Wie immer. "Wolfgang Rupf ist nicht zu sprechen." Seit Wochen schon lehnt er jeden Kontakt ab, der zur Vorbereitung der Bankzukunft nicht unbedingt nötig ist. Kaum ein Wort der Abstimmung auch mit den Mitarbeitern seines Konzerns. "Er sieht keinen Sinn darin zu reden", sagt einer seiner engsten Mitarbeiter.

Diese Sprachlosigkeit ihres Chefs irritiert die 16 000 Mitarbeiter seit geraumer Zeit. Klar, jeder wusste, dass Rupf kein schillernder kommunikativer Unternehmerstar wie Hilmar Kopper oder Ron Sommer ist. Wer mit ihm zu tun hatte in den vergangenen Jahren, der hat gespürt, dass er Gespräche nicht besonders schätzt, dass ihm das Ringen in einem Team nicht viel bedeutet. Immer türmen sich Aktenberge auf seinem Schreibtisch, und Rupf zwingt sich eisern, sie abzuarbeiten. Bis in die Nacht. Natürlich bleibt da manches unentschieden, unentdeckt, geht einfach unter in der Masse. Misstrauisch nennen ihn seine Kollegen, sogar Reisekosten habe er persönlich bis ins Detail geprüft. Doch jetzt, da sich herausstellt, dass einer allein doch nicht alles überblicken konnte, da haben die Mitarbeiter mehr von Rupf erwartet, als dass er bloß sagt: "Ich habe auch Fehler gemacht."

Das Schweigen von Wolfgang Rupf tut vielen weh. Als zum Jahresbeginn die ersten Gerüchte über einen Verkauf der Immobiliengesellschaft IBG unter mehr als dubiosen Bedingungen an die Öffentlichkeit drangen, wartete man vergeblich auf seine Rechtfertigung. Nur zögerlich setzte der Konzernchef auch später selbst die leitenden Mitarbeiter darüber in Kenntnis, in welcher finanziellen Situation sich das Unternehmen befindet. Und als alle Welt schon wusste, dass nur eine Bürgschaft des Landes den Konzern vor dem Untergang bewahren kann, fühlten sich Rupfs Mitarbeiter an den Sparkassenschaltern nicht nur mit den entsetzten Fragen der Kunden nach der Sicherheit ihres Geldes, sondern auch mit der bohrenden Ungewissheit über die Zukunft des eigenen Arbeitsplatzes von ihrem Chef allein gelassen.

"Hier kümmert sich sowieso jeder nur um sich selbst", sagt jetzt eine Frau in der Bankfiliale am Alexanderplatz. Voller Bitterkeit ist auch sie darüber, dass viele Angestellte an Kassenschaltern und in der Verwaltung nun vielleicht mit ihren Jobs bezahlen müssen, weil einige Vorstände jahrelang kein Augenmaß bei Immobilien- und Kreditgeschäften fanden.

Das ist es nicht allein, was die Mitarbeiter der Bankgesellschaft seit Monaten erzürnt. Als Wolfgang Rupf, der sich wie kein Zweiter in den Bilanzen und Geschäften des Konzerns auskennt, sehen musste, wie es um das Unternehmen steht, hat er sich selbst zum Richter ernannt. "Unter jedem Stein, den ich umdrehe, liegt ein Skorpion", sagte er und begann zu jagen. Zuerst entließ er eine ganze Handvoll Vorstände. Dann schickte er Kontrolltrupps durch die Abteilungen, ließ sich persönlich Rechenschaft über noch so kleine Vorgänge geben und lancierte Dossiers in Richtung Staatsanwaltschaft. Selbst die Wirtschaftsprüfer überzog Rupf so lange mit Verdächtigungen und Vorwürfen, dass die ihren Berufscodex über Bord warfen und ohne Rücksprache Interna des Unternehmens zur eigenen Entlastung offen legten. Die Angst, verantwortlich gemacht zu werden, sagt ein ehemaliges Aufsichtsratsmitglied heute, "ist mittlerweile so groß, dass eine sachliche Aufklärung der Vorgänge kaum noch möglich ist".

Bohrende Blicke

Und Rupf selbst? Wie geht einer wie er jeden Tag 15 Stunden in sein Büro, wenn er schon an der Pförtnerloge die bohrenden Blicke auf seinem Rücken spürt: "Was wusste der, warum hat er nichts unternommen?" Es hätte der Bank nur Schaden zugefügt, wenn er den Umfang der riskanten Geschäfte, der sich ihm offenbarte, als er Ende 1996 Einblick erhielt, öffentlich gemacht hätte, rechtfertigt sich Rupf. Lieber ließ er seine Bilanzierungskünste spielen. Jahrelang schaufelte er die Erträge aus dem laufenden Geschäft in die insgesamt zwölf Milliarden Mark großen Löcher, die vor allem Immobiliengeschäfte gerissen hatten. Hartnäckig, verbissen vielleicht sogar, nutzte er sein Wissen im Bankgeschäft, um das Unternehmen, das er einst zusammengefügt hatte, zu sanieren.

Er hat es nicht geschafft. Er konnte es gar nicht schaffen. Denn seine wichtigste Aufgabe nahm er gar nicht erst an: die unheilvolle Verquickung von Politik und Geschäft aufzulösen. Dazu war er nicht stark genug. Und genau davon gingen sie aus in der Berliner Politik, damals, 1996. Deswegen haben sie ihn ja geholt. Und deswegen, das weiß auch Wolfgang Rupf genau, werden sie ihn fortschicken, sobald ein anderer gefunden ist.

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