Zeitung Heute : "Bankrotterklärung für unseren Sport"

Was halten Sie der Entscheidung[dem kanadisch]

Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komittees (IOC), neben dem siegreichen russischen Paar die Kanadier Jamie Sale/Davie Pelletier nachträglich mit einer zweiten Goldmedaille auszuzeichnen, hat nicht nur positive Resonanz gefunden. Russische Funktionäre kritisierten den neuen IOC-Präsidenten Jacques Rogge am Wochenende als Handlanger einer Politik, die gegen Russlands Sport einen neuen Kalten Krieg führt. "Diese Entscheidung ist durch nichts gerechtfertigt", sagte Sergej Tschetwertuchin, in Sapporo 1972 Gewinner der Silbermedaille bei der Herren. "Das geschah nur durch den Lärm in den amerikanischen Medien haben." Selbst Rogges Vorgänger Juan Antonio Samaranch übte Kritik an seinem Nachfolger. Man sollte Wettkampfentscheidungen nicht in Konferenzsälen korrigieren, sagte der Spanier.

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Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Benedikt Voigt sprach über die umstrittene Entscheidung mit Sepp Schönmetzler. Er war 1962 und 1965 bundesdeutscher Eiskunstlaufmeister. Schönmetzler promovierte über die Biomechanik im Eiskunstlauf an der Deutschen Sporthochschule in Köln, wo er bis 1992 Dozent war. Seitdem ist er Herausgeber des Eissportmagazins.

Was halten Sie von der Entscheidung, dem kanadischen Paar auch die Goldmedaille zu geben?

Das ist eine Bankrotterklärung für unseren Sport. Wir stehen da, als wären wir alle Betrüger. Die Experten haben bewiesen, dass sie mit der Problematik nicht fertig werden.

Welche Problematik?

Das Kernproblem ist, dass die Preisrichter eine Aufgabe kriegen, die sie nicht lösen können. Sie sind überfordert, weil sie gleichzeitig acht Elemente beobachten und aufschreiben müssen, um später Fragen beantworten zu können. Während sie aber schreiben, entgehen ihnen zehn Prozent. Dieses Zehntel ist entscheidend auf dem hohen Niveau der Spitzenleute.

Wie können dann die Preisrichter überhaupt werten?

Acht Elemente bei 30 Leute zu vergleichen, ist unmöglich. Deshalb gehen die Preisrichter schon vorher zum Training, um die Starter beurteilen zu könne. Auch werden die Läufer je nach Startgruppe verglichen. Wenn einer durch eine Verletzung in einer schwächeren Gruppe startet, hat er einen Nachteil, weil er im Kopf der Preisrichter in einer anderen Schachtel ist.

Ist Eiskunstlaufen vielleicht gar kein Sport,sondern Show?

Eiskunstlaufen ist sehr kompliziert. Es wird eine Menge geleistet, und es dauert Jahre, um es gut zu unterrichten. Das allein ist der Beweis, dass es eine Sportart ist. Aber jetzt stehen wir gegenüber den messbaren Sportarten wie Vollidioten da.

Die ISU untersucht den Fall noch. Was wird rauskommen?

Ich halte den ISU-Präsidenten Ottavio Cinquanta für einen klugen Mann. Ich glaube, dass er nun vielleicht die Reformen durchsetzen kann, die er sich vorgenommen hat.

Wird er die Regeln ändern?

Das muss man auch. Aber wir können nicht das Subjektive an dieser Sportart ändern. Nicht der Sport ist schuld an diesem Dilemma, sondern das Subjektive des Menschen, wir sind schuld.

Und wie viel Schuld hat die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne?

Zum ersten Mal tut mir eine Preisrichterin Leid. Sie hat gegen eine Regel verstoßen und musste zurücktreten. Sie hätte vor dem Programm sagen müssen, dass Druck auf sie ausgeübt worden ist. Ihr Fehler war, dass sie nicht vorher geredet hat, sondern danach. Aber da passieren noch ganz andere Sachen, es menschelt überall.

Was für andere Sachen?

Die Preisrichter sind während des Wettbewerbs alle in einem Hotel untergebracht. Da wird geredet. Aber man sollte das Ganze nicht an Frau Le Gougne festmachen.

Warum?

Es kann doch sein, dass sie genau so gewertet hätte. Sie war doch nur verdächtig, weil sie nicht mit dem Westblock gewertet hat. Das ist tiefstes Mittelalter. Deshalb ist sie in die Schusslinie gebracht worden von Leuten, denen das Ergebnis nicht gepasst hat.

Wie hätten Sie denn gewertet?

Ich hatte die Russen vorne. Die A-Note hätte ich an die Kanadier gegeben, aber selbst darüber kann man diskutieren. Aber die B-Note geht an die Russen.

Weshalb?

Aufgrund der subjektiv besseren künstlerischen Leistung. Das war super, das Programm. Mir ist doch wurscht, ob das ein Chinese, ein Russe oder ein Deutscher ist. Na ja, ein Deutscher wäre mir doch lieber.

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