Barack Obama : Die Entdeckung der Schnelligkeit

100 Tage – dann erst wird Bilanz gezogen. Eherne Regel. In diesem Fall aber muss dies schon zur Halbzeit geschehen, denn für Barack Obamas Arbeitstempo gelten alte Maßstäbe nicht. Das führt auch zu Fehlern

Christoph Marschall[Washington]

Das Haar ist noch etwas grauer geworden. Und neuerdings verhaspelt er sich schon mal, wenn er eine längere Rede hält. Als er vor einigen Tagen im Armeestützpunkt Camp Lejeune in North Carolina die Pläne für den Rückzug der US-Truppen aus dem Irak vorstellte, stolperte er fünf Mal über Worte und Satzübergänge. Auch seine erste Rede vor beiden Häusern des Kongresses am vorvergangenen Dienstag hatte er nicht ohne Versprecher absolviert. Im Wahlkampf war ihm das selten passiert.

Drückt ihn die Bürde des Amtes? Stürmt so viel Neues auf ihn ein, dass er sich nicht mehr auf die Details konzentrieren kann? Oder liegt es am Tempo, das er sich abverlangt? Immer öfter kann man den Eindruck haben, als befürchte Barack Obama, dass ihm die Zeit davon läuft. Als sei er in Gedanken schon beim nächsten Schritt, dem nächsten Termin. Als könne er es nicht erwarten, dass auf Ankündigungen endlich Taten folgen, und auf Taten Ergebnisse. Die neue Arbeitslosenquote, am Freitag vermeldet, 8,1 Prozent und damit fast eine Verdoppelung gegenüber gesunden Zeiten, hat die Ungeduld noch verstärkt.

Die Auftritte, bei denen Obama seine Anwärter für Kabinettsposten oder hohe Ämter im Weißen Haus nominiert, sind kürzer geworden. Anfangs zelebrierte er sie, oft länger als eine halbe Stunde. In dieser Woche nahm er sich nur 13 Minuten, um Kathleen Sibelius als Gesundheitsministerin und Nancy DeParle als Abteilungsleiterin für Gesundheitspolitik im Weißen Haus vorzustellen. Das wirkt fast grausam kurz, gemessen am Aufwand, den seine Mitarbeiter getrieben haben, um daraus eine Demonstration der Überparteilichkeit zu machen. Die allgemeine Krankenversicherung stand im Zentrum der Wahlversprechen. Obama wird dafür auch Unterstützung von Republikanern im Kongress benötigen.

Der East Room, ein prächtiger Saal, der sich quer durchs Weiße Haus von der Süd- bis zur Nordfassade erstreckt, mit Ölgemälden, golddurchwobenen Vorhängen und schweren Kristalllüstern, bildet die Kulisse. Wie stets bei solchen Anlässen bezieht wenige Minuten, ehe Obama erscheint, eine Reihe prominenter Politiker Aufstellung um das Rednerpult aus dunklem Holz mit dem präsidialen Siegel. Sie sollen den breiten Rückhalt des Präsidenten verkörpern. An diesem Tag ist Bob Dole darunter, 85 Jahre alt. 1996 war er Präsidentschaftskandidat der Republikaner, zuvor vertrat er Kansas 27 Jahre als Senator. Pat Roberts steht neben ihm, der aktuelle republikanische Senator von dort. Kansas ist das überparteilich verbindende Symbol für den Tag. Die künftige Gesundheitsministerin Sibelius ist Demokratin und bisher Gouverneurin des Staats. Aus Kansas stammten auch Obamas Mutter und seine weißen Großeltern. Politik wird als persönliche Geschichte erzählt, das war schon das Erfolgsrezept im Wahlkampf.

„In Kansas hält man zusammen“, ruft Obama kurz darauf in die Kameras. In Kansas tun die Menschen, was geboten ist, ohne Rücksicht auf parteipolitische Taktik. In drastischen Worten beschwört er die Dringlichkeit der Reform: „Die steigenden Krankenkosten treiben alle 30 Sekunden einen Kleinbetrieb in Amerika in die Pleite.“ 1,5 Millionen Bürger werden in diesem Jahr ihr Haus verlieren, weil sie sich wegen der Kosten einer Erkrankung in der Familie verschulden, sagt er. Nach neun Minuten Ansprache bittet der Präsident Kathleen Sibelius ans Pult, sie darf zwölf Sätze sprechen, DeParle zwei. Dann treibt Obama zum Aufbruch. „Danke, Leute“, ruft er den Journalisten in der anderen Saalhälfte zu. „Wir müssen an die Arbeit.“

Fast sieben Wochen ist Obama nun im Amt. Mit beispielloser Schnelligkeit hat er die neuen Aufgaben angepackt. Amerikas Medien lieben statistische Vergleiche: Obama sei seinen Vorgängern in fast allen Belangen zeitlich voraus. Als Hauptmaßstab dient die Zahl der Ernennungen von Ministern und Abteilungsleitern im Weißen Haus. Der Präsident wählt die Anwärter aus, aber amtieren dürfen sie erst, wenn der Senat sie bestätigt hat. Deshalb vergehen gewöhnlich Monate, bis die Ämter gefüllt sind. So lange ist eine neue US-Regierung nur eingeschränkt handlungsfähig. Finanzminister Timothy Geithner, zum Beispiel, hat trotz globaler Bankenkrise bisher weder einen Vize noch Staatssekretäre.

Die ersten sieben Kabinettsmitglieder Obamas waren bereits am Tag nach der Inauguration im Amt. Unter dem Eindruck von Obamas beachtlichem Wahlsieg nickte der Senat sie ohne Umschweife ab. Bis Ende Februar hatte der neue Präsident 65 Ernennungen bekannt gegeben und 31 Nominierungen an den Senat geschickt. Bei George W. Bush waren es zum selben Zeitpunkt 21 Nominierungen, bei Bill Clinton 26. Obama hat nach fünf Wochen sein erstes Budget vorgestellt, Bush gelang das erst im April. Auch mit der ersten Rede vor beiden Kammern des Kongresses schlug Obama Bush um ein paar Tage.

Schnelligkeit bedeutet nicht automatisch Erfolg. Bill Richardson, Gouverneur von New Mexiko und designierter Handelsminister, war schon vor Obamas Amtseinführung gestolpert, weil die Behörden wegen Wahlkampfspenden gegen ihn ermitteln. Zwei weitere Spitzenkräfte mussten im Februar zurückziehen, als sich herausstellte, dass sie ihre Steuern oder Sozialbeiträge nicht voll bezahlt hatten: Tom Daschle als Gesundheitsminister und Nancy Killefer als Sonderbeauftragte für Budgetdisziplin. Den Finanzminister Geithner hatten die Senatoren trotz ähnlicher Sünden im Januar noch durchgewinkt. Angesichts der Finanzkrise wollten sie das Amt rasch besetzt sehen, und Geithner gilt als guter Fachmann.

Bush und Clinton hatten ähnliche Probleme. Bei Obama aber schauen die Medien genauer hin, er hat strengere Ethikregeln versprochen. Kaum einer hielt ihm zugute, dass nicht Steuerfahnder oder findige Journalisten die Steuersünden aufgedeckt hatten, sondern Obamas eigene Fachleute, die die Anwärter gründlich prüfen. Stattdessen kursierte Ende Februar dieser Witz in Washington: Wie bringt man Demokraten dazu, die Steuern vollständig zu bezahlen? Indem man sie für Regierungsposten nominiert!

Obama geht jetzt bei weiteren Nominierungen langsamer vor. Zweifelsfälle werden genauer unter die Lupe genommen. Nach Medienberichten haben bis zu einem Drittel der Anwärter noch offene Fragen zu ihren Steuererklärungen der letzten zehn Jahre zu beantworten.

Sympathien gewann er immerhin, weil er nicht taktierte, als die Probleme auftauchten, sondern rasch die Notbremse zog. Und weil er die politische Verantwortung übernahm, statt sie den Steuersündern aufzubürden. „Ich hab’s vermasselt!“ So ein Bekenntnis hatte Amerika von Bush nie gehört.

Prompt folgte der nächste Ärger. Auch der zweite Kandidat für das Handelsministerium, der Republikaner Judd Gregg, zog zurück. Obama wollte mit der Wahl Überparteilichkeit zeigen. Die ideologischen Differenzen seien zu groß, das habe er zu spät erkannt, sagte Gregg Mitte Februar. Es war zugleich ein Hinweis darauf, dass die Schonphase im Kongress zu Ende ging und die Republikaner die Auseinandersetzung suchen. Die Demokraten, so ihr Vorwurf, missbrauchten die Finanzkrise, um die USA zu einem sozialistischen Land zu machen.

Auch die Fragen an Obamas Pressesprecher sind schärfer geworden. Täglich stellt sich Robert Gibbs, ein 37-jähriger Rotschopf mit Brille und einer Vorliebe für rosafarbene Krawatten, am Nachmittag im Weißen Haus den Reportern. Der enge Presseraum hat nur sieben Reihen à sieben Sitze. Sie sind mit den Namen der wichtigsten US-Medien gekennzeichnet. Ausländer haben keinen festen Platz. Gibbs nimmt meist Frager aus den ersten drei Reihen dran. Dort sitzen die Fernsehgrößen.

Gibbs soll die Bestie namens Medieninteresse täglich so füttern, dass Obama weiter die Lufthoheit in den Nachrichten behält. Der tägliche Schlagabtausch im Presseraum ist nur ein Teil davon. Durchaus gewollt sickern inoffizielle Neuigkeiten nach außen und kleine menschelnde Geschichten rund um den Präsidenten und seine Familie. Auf die Frage nach dem Hund fürs Weiße Haus wird jetzt ein „Portugese Waterdog“ favorisiert.

Selbst Zeitungsenten wie das jüngste Gerücht, Obama färbe seine Haare, wird Gibbs lieber lesen als neue Hiobsbotschaften von der Börse. Sie lassen sich auch leichter dementieren oder ignorieren und lenken doch auf unterhaltsame Weise von den Wirtschaftsnöten ab. In Obamas Fall behaupten die Gerüchte das Gegenteil des Gewohnten. Üblicherweise heißt es, Politiker färbten ihr ergrautes Haar dunkel, um jünger zu erscheinen. Obama wird jetzt nachgesagt, er färbe grau, um älter, krisengemäßer und erfahrener auszusehen, als es seinen 47 Jahren entspricht.

TV-Sender und Zeitungen verglichen Bilder von Obamas Kopf aus den letzten Monaten und vermerkten: „Das kann doch nicht nur die Folge von 44 Tagen im Amt sein.“ Ist es auch nicht, sagt der Chicagoer Friseur Zariff, der sich seit 17 Jahren alle zwei Wochen um Obamas Haarschnitt kümmert. Die Grauzonen hätten sich im Laufe des langen Wahlkampfs gebildet. Ergraut in 754 Tagen – das wäre die richtige Schlagzeile, schlägt die „Washington Post“ vor.

Ansonsten setzt Obama die Themen, jede Woche mindestens ein neues. Auch da hat er das Tempo gedrosselt. Angefangen hatte er vor sechs Wochen mit einem Feuerwerk rascher Dekrete, die Bushs Politik revidieren sollte: Guantanamo innerhalb eines Jahres schließen; die umstrittenen Militärtribunale gegen Terrorverdächtige aussetzen; Entwicklungshilfegelder auch wieder an Organisationen geben, die Abtreibung nicht kategorisch ablehnen, und manches mehr.

Spätestens ab Februar galt ein langsamerer Rhythmus. Einzelne Großvorhaben wurden über Tage propagiert: Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, Staatshilfe gegen Zwangsversteigerungen von Eigenheimen, Bankenrettung, das 787 Milliarden Dollar teure Konjunkturpaket, gefolgt vom Versprechen langfristiger Budgetdisziplin als Kontrapunkt – und nun die Gesundheitsreform.

Ist er ein Linker, gar ein Sozialist, wie die Republikaner behaupten? Oder ein Rechter, wie der linke Flügel der Demokraten murrt? In der Gefangenen- und in der Militärpolitik weckt er Zweifel, wie weit die versprochene Wende gehen werde. Im Streit um die Rechte der Insassen von Militärgefängnissen und den Zugang zu US-Gerichten greifen Obamas Leute zu ähnlichen Verfahrenstricks wie ihre Vorgänger unter Bush. Die konkreten Pläne für den Rückzug aus dem Irak fielen vorsichtiger aus, als im Wahlkampf angekündigt. Bei Afghanistan wolle er sich 60 Tage Zeit lassen, um die Strategie gemeinsam mit den Verbündeten zu beraten. Mitte Februar überraschte er die Welt mit der geplanten Entsendung von 17 000 US-Soldaten. Sonst treffe die Verstärkung nicht mehr vor den afghanischen Wahlen ein, hieß es nun.

Obama, so lernt das Ausland allmählich, ist kein linker Gegenentwurf zu Bush. Der neue Präsident positioniert sich in der Mitte des politischen Spektrums Amerikas – und das liegt rechts der politischen Mitte in Deutschland. Er will vieles anders machen als Bush, aber bei Amerikas Interessen und der Sicherheit macht er keine Kompromisse.

Alle paar Tage verlässt Obama Washington, auf der Suche nach dem wahren Amerika. Die Hauptstadt gilt, wie in anderen Ländern auch, als Glashaus, das den Präsidenten vom Alltag der Bürger isoliere. In Elkhart, Indiana, einer Stadt, die vom Bau von Wohnmobilen lebte, hat Obama Anfang Februar der Arbeitslosigkeit den Kampf erklärt. Elkhart hat jetzt die höchste Quote in den USA: 15,3 Prozent. Nach Fort Myers, Florida, und nach Phoenix, Arizona, zwei Zentren der Immobilienkrise, ist er geflogen, um seine Rettungspläne für Hausbesitzer auszubreiten. In North Carolina hat er nicht nur über den Irakabzug, sondern vor allem zu den Soldaten gesprochen – dass er ihre Nöte ernst nehme. Seine Frau Michelle lobte er zur Sonderbeauftragten für Militärfamilien hoch.

Er ist jetzt auch der politische Seelsorger für die USA in ihrer tiefen Krise. 40 000 Briefe an Obama erreichen täglich das Weiße Haus, heißt es. Zehn typische lasse er sich jeden Morgen vorlegen, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Obama schaut sich also um, oder er lädt die Welt da draußen zu sich ein: Kürzlich kam Stevie Wonder zum Konzert. Obama überreichte ihm den Gershwin-Preis der Library of Congress, und der blinde Popstar spielte eine Stunde für die Obamas und ihre 150 Gäste im East Room: „die Melodien, die meine Jugend begleitet haben“ und „ohne die Michelle vielleicht nie mit mir gegangen wäre“, wie er ganz unpräsidial bekannte; das Lied „You and I“, das die beiden als ihren Hochzeitssong gewählt hatten; und den Titel „Signed, sealed, delivered“, der sich auch als politisches Versprechen verstehen lässt.

Am Freitagabend vor einer Woche ist er ins Basketballstadion gegangen, zum Match zwischen den Teams seiner neuen und seiner alten Heimatstadt, die Washington Wizards empfingen die Chicago Bulls. Im schwarzen T-Shirt saß er zwischen den Fans dicht am Spielfeld und verfolgte den 113 : 90-Sieg der nicht von Erfolg verwöhnten Heimmannschaft. Am Samstagvormittag spielte er selbst mit Freunden. Aus Sicherheitsgründen muss der Secret Service jede Woche einen neuen, möglichst unerwartbaren Platz finden. Diesmal fuhr der Konvoi schwarzer Geländewagen ins Innenministerium. Nicht viele in Washington wussten bisher, dass es dort ein Basketballfeld gibt.

Es sind diese Momente, die Barack Obama an seinem neuen Job genießt. Dann nimmt er sich eben die Zeit, die er sonst nicht hat. Schließlich ist er jetzt der Präsident.

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