Barack Obama : Vom anderen Stern

US-Präsident Barack Obama besucht mit großer Gefolgschaft Europa. Tagesspiegel-Korrespondent Christoph von Marschall erklärt, was auf seinem Programm steht.

Christoph Marschall[Washington]

Amerika verliert sein Herz an Europa – für eine Woche. Wenn der amerikanische Präsident für so viele Tage ins Ausland reist, dann reist sein gewohnter Alltag mit ihm: seine Berater für Wirtschaft, Finanzen und nationale Sicherheit, sein Koch, seine Ärzte, seine Personenschützer, sein Auto, sein Hubschrauber – und vieles mehr. Sieben Tage wird das Weiße Haus in Washington ziemlich verwaist sein. Die beiden Töchter Malia, 10, und Sasha, 7, bleiben zurück, in der Obhut ihrer Großmutter. Noch sind keine Osterferien. Michelle, die First Lady, begleitet ihren Mann nach Europa. Der Präsident besucht London, Straßburg, Baden-Baden, Prag, Istanbul und Ankara.

Wer ist in seinem Tross?

Mehr als 500 Amerikaner begleiten Obama: Regierungsmitglieder wie Außenministerin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner, Fachexperten wie sein Berater für Finanzpolitik, Larry Summers, und für nationale Sicherheit, James Jones, Diplomaten und Helfer wie sein persönlicher Assistent Reggie Love. Der schwarze Basketballspieler bedient Obamas Handy, trägt sein Jacket, hält die passende Krawatte bereit und weiß, welchen Snack der Präsident bevorzugt. 200 US-Geheimdienstleute wachen über Obamas Sicherheit, erkennbar am Knopf im Ohr, den Sonnenbrillen und dem Abzeichen im Knopfloch ihrer Jackets.

Seit Wochen haben Vorausteams jeden Ort, den der Präsident besucht, unter die Lupe genommen, haben Sicherheitsaspekte und Kameraperspektiven geprüft und mit ihren Kollegen aus den Gastländern die Abläufe bis ins Detail durchgesprochen. Nichts soll dem Zufall überlassen bleiben, damit Obama und mit ihm die USA im besten Licht erscheinen.

Wie reist Obama durch Europa?

In London, der ersten Station, werden die Obamas am Dienstagabend Ortszeit erwartet. Sie sind nicht an die üblichen Flugzeiten bei der Atlantiküberquerung ostwärts gebunden. Normalerweise fliegt man abends in den USA ab und landet am nächsten Morgen in Europa. Der Präsident hat sein eigenes Flugzeug, die „Air Force One“: eine Spezialanfertigung des Jumbo-Jets, Typ Boeing 747-200 B, mit Esszimmer, Schlafzimmer, Dusche und fliegendem Kommandostand, für den Fall, dass ein Konflikt ausbricht, während er unterwegs ist. Die Obamas verlassen Washington im Laufe des Dienstags und werden abends auf dem Airport Stansted in London erwartet. Dort steht bereits ein Exemplar der Serie von 19 persönlichen Hubschraubern des US-Präsidenten, die alle den Namen „Marine One“ tragen. Er bringt die Obamas nach Winfield House, die Residenz des US-Botschafters in London. Auch ein Exemplar von „The Beast“ wurde vorab nach Europa gebracht: die tonnenschwere Speziallimousine der Marke Cadillac. Sie hat eine gepanzerte Außenhaut und kugelsichere Scheiben. Die neueste Version wurde erst kürzlich in Dienst gestellt; in die Planung flossen Bedrohungsanalysen ein, die sich aus dem Terrorangriff am 11. September 2001 ergaben. „The Beast“ hatte eine Struktur aus Titan und Keramik. Die Fahrgastzelle bildet einen hermetisch abgeriegelten „Panic room“, der gegen chemische Angriffe schützen soll. Das Auto ist mit Nachtsichtgerät, Tränengaswerfern, scharfen Pump-Guns und einem Tank mit Löschschaum gegen Explosionen ausgerüstet. Konserven mit Obamas Blutgruppe sind ebenfalls an Bord. Nach 9/11 wird der Präsident – soweit möglich – auch im städtischen Raum mit dem Hubschrauber befördert. Das sei sicherer, heißt es. Es reduziert auch die Behinderung des Straßenverkehrs. Doch nicht überall kann er bis vor die Haustür geflogen werden. Dann kommt „The Beast“ zum Einsatz.

Welche Termine hat er auf seiner Reise?

Die offiziellen Anlässe der Reiseroute sind multinationale Begegnungen: Das G-20-Treffen in London am Mittwoch und Donnerstag, der Nato-Gipfel zum 60. Geburtstag der Allianz am Freitag und Sonnabend in Straßburg, Kehl und Baden-Baden, der EU-USA-Gipfel am Sonntag in Prag und ein Türkei-Besuch.

Überall verbindet Obama seine Auftritte mit dem ersten offiziellen bilateralen Besuch im jeweiligen Gastland. Und er nutzt die Anwesenheit hochrangiger Staatschefs aus anderen Ländern zu ersten bilateralen Begegnungen mit ihnen, darunter die Präsidenten Chinas, Russlands und Südkoreas sowie Indiens Ministerpräsident. Am Mittwoch frühstückt er mit dem britischen Premier Gordon Brown in dessen Amtssitz Downing Street 10. Es folgen Gespräche mit Chinas Hu Jintao und Russlands Dmitri Medwedew sowie ein als „privat“ bezeichnetes Treffen mit Queen Elizabeth II. In die Beratungen der G 20 schiebt Obama am Donnerstag die Treffen mit Indiens Manmohan Singh und Südkoreas Lee Myung-Bak ein. Pekings Beitrag zur Ankurbelung der Konjunktur und seine Dollarreserven werden die Themen mit China sein, Raketenabwehr, Iran und Abrüstung mit Russland – und mit Südkorea die Eindämmung Nordkoreas.

Am Freitag fliegt Obama nach Straßburg. Dem Nato-Gipfel vorgeschaltet sind zwei bilaterale Treffen, erst mit Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy. Dann geht es im Hubschrauber weiter nach Baden-Baden zu Kanzlerin Angela Merkel. Dabei könnte auch die Opel-Rettung auf dem Programm stehen. Auf dem Nato-Gipfel wird Frankreichs Rückkehr in die militärische Kooperation des Bündnisses gefeiert. Aber auch der Einsatz in Afghanistan, die Aufnahme von Balkanstaaten und die Kooperation mit Ländern wie Georgien und der Ukraine stehen auf der Tagesordnung.

Warum besucht er noch die Türkei?

Damit würdigt Obama die islamische Nation, deren Staatsmodell sich am meisten am westlichen Vorbild von Demokratie, Zivilgesellschaft und Rechtsstaat orientiert. Dies sei aber noch nicht die Reise in ein muslimisches Land, bei der Obama innerhalb der ersten 100 Tage seiner Amtszeit eine Grundsatzrede über sein Verhältnis zum Islam halten wolle, sagt sein Pressesprecher.

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