Zeitung Heute : Barcelona ist das neue Berlin

Die Bread & Butter hat in Barcelona endgültig ein Zuhause gefunden, für Berlin bleibt ein bisschen Wehmut

Romy Uebel

„Es ist nur ein Flug“, betont Karl-Heinz Müller immer wieder. Deshalb stellte der Bread & Butter-Gründer seine erstmals ausschließlich in Barcelona und nicht mehr in Berlin stattfindende Modemesse gleich unter das Motto „Fly BBB“. Um Ideen nie verlegen, wurde der dreitägige Modebranchentreff als große Flugshow inszeniert: Alle Hostessen wurden in eigens entworfene, adrette Stewardessenuniformen gewandet, Abflugtafeln als Wegweiser umfunktioniert, von Gepäckzetteln inspirierte Armbänder dienten als Eintrittskarte.

Über 10 000 Passagiere checkten bereits innerhalb der ersten beiden Stunden auf das Messegelände Fiera de Barcelona ein, und ebenso wie sich die morgendlichen dunklen Wolken über den Messehallen auflösten, verflüchtigten sich die Bedenken auch der letzten Kritiker. Das befürchtete Chaos im Eingangsbereich blieb aus, und die Mitarbeiter an den zahlreichen Cateringpunkten, Garderoben und Informationsschaltern bewältigten den Ansturm gelassen.

„Wir haben eine volle Bude, und trotzdem ist alles entspannt“, freute sich ein ausgesprochen gelöster Müller am zweiten Tag und zeigte sich stolz über den Erfolg seines Konzeptes des „Active Guest Management“. Gut 30 Mitarbeiter kümmerten sich dabei im Vorfeld um die Akkreditierung der Gäste, waren bei Reiseplanung und Orientierung vor Ort behilflich, versendeten Eintrittskarten per Post und ersparten den ohnehin gestressten Einkäufern damit kostbare Zeit und Nerven. Das Ergebnis: zufriedene Gesichter allerorten, Stimmung wie auf der Ferieninsel und ein neuer Besucherrekord.

91 000 Gäste zählte der Event nach drei Tagen, hinter Spanien und Italien stellte Deutschland mit zehn Prozent Anteil die drittgrößte Fraktion. „Die Leute kommen, weil sie kommen müssen. Bread & Butter ist die weltweit stärkste Industrieplattform mit über 1000 Ausstellern“, resümiert Müller und ergänzt: „Es kann nicht zwei Beste geben, und die Entscheidung, sich auf Barcelona zu konzentrieren, war richtig.“ Berlin war in diesen ersten Julitagen tatsächlich nur noch ein Randthema. „Die Parties waren besser und die Taxifahrer freundlicher. Dafür scheint hier die Sonne“, sagt ein Schweizer Einkäufer ein wenig melancholisch. „Es ist schon schade, dass wir keinen starken deutschen Standort mehr haben“, bedauert ein Aussteller der Denim Halle, um im gleichen Atemzug die fantastische Frequenz am Stand zu betonen.

„Natürlich denke ich mit Wehmut an Berlin, aber mein langes Festhalten an der Stadt hat mich einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet“, sagt Müller. Die letzte reine Hauptstadtveranstaltung im Januar 2005 sprengte mit 42 000 Gästen fast die Kapazitäten des Siemens-Kabelwerkes und der Pirelli-Hallen in Spandau, die Bread & Butter jedoch wollte wachsen. Die Suche nach Alternativen in der Hauptstadt verlief erfolglos. Das ICC-Messegelände wollte den Termin der Grünen Woche partout nicht verschieben, zudem empfanden die Modeleute das Ambiente als unattraktiv. Die Etablierung eines zweiten Standortes sollte die Lösung bringen, und aus zahlreichen Bewerbern wählte man schließlich Barcelona aus. Doch der sogenannte „Early Bird“-Effekt setzte ein, Barcelona profitierte vom früheren Termin, und Aussteller- und Besucherfrequenz in Berlin schwächelte mit jeder Saison ein bisschen mehr. Nachdem das Alternativkonzept im Berliner Kraftwerk im Januar diesen Jahres floppte, zog Müller den finalen Schlussstrich. „Am Ende des Tages bin ich Geschäftsmann, und so sehr ich Berlin mag, ich kann mir keinen Kohlepfennig leisten“, erklärte er auf der Pressekonferenz in Barcelona.

Aus seiner einstigen Nischenveranstaltung ist mittlerweile ein gigantisches Geschäft geworden, und hoch motiviert verkündete der umtriebige Unternehmer seine neuesten Expansionspläne. Bereits im Januar 2008 soll das Gelände der Fira Barcelona um weitere 30 000 Quadratmeter erweitert werden. Die „Bread & Butter Sourcing“, die sogenannte Vorstufe, sprich Stofflieferanten, Zutatenhersteller und Wäschereien, sollen ein Zuhause finden. Der Mies-van-der-Rohe-Pavillon in unmittelbarer Nähe des Geländes wird für spezielle Events eröffnet, und der prächtige Palao Nacional, der auf einem Hügel gelegen das Gelände krönt, soll ebenfalls genutzt werden. Während er Bilder des prunkvollen Baus zeigt, versetzt Müller den provisorischen Containeraufbauten der Berliner Modewoche, nicht frei von Argwohn, einen Seitenhieb: „Wir dachten uns, wir nehmen für unsere Designer-Marken den Palast hier, statt ein Zelt aufzubauen. Dank der Kuppel herrscht eine traumhafte Akustik, und weil die integrierten Bänke aus Marmor sind, scheppert auch nix.“

Obgleich sich am Humor und der Arbeitsweise des Unternehmers sicherlich die Geister scheiden, er hat Branchengeschichte geschrieben, das System „Textilmesse“ revolutioniert und nicht zuletzt Berlin überhaupt auf eine Mode-Landkarte gesetzt. Bis dato gelang es weder der Premium noch den Mitbewerbern in Düsseldorf oder München, die versprengte Szene zu bündeln und einen neuen starken deutschen Standort zu etablieren. Im kommenden Januar wollen Müller und sein Team in der katalanischen Metropole die 100 000-Besucher-Marke knacken und versprechen „unkonventionelle Überraschungen, die man vorher so noch nicht erlebt hat“. Man fliegt tatsächlich BBB, und the Sky seems the limit ...

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