Zeitung Heute : Barfußpark: Unten ohne über Stock und Stein

Till Hein

Man kann sich durchaus fragen, ob die Menschheit ausgerechnet auf einen "Barfußpark" gewartet hat. Und dann auch noch in einer Kleinstadt mit dem unheilverheißenden Namen "Dornstetten". Das hat sich der örtliche Verkehrsverein wahrscheinlich auch gefragt und die wichtigsten Vorsichtsregeln beim Barfußgehen in einem Büchlein für Anfänger festgehalten. Das heißt es zum Beispiel: "Wenn Sie fühlen, dass Sie auf etwas Unangenehmes treten, sollten Sie schnell genug reagieren und woanders hintreten." Oder: "Immer den Weg im Auge behalten - wenn es wo anders etwas zu sehen gibt, bleiben Sie besser stehen." Und: "Die meisten Verletzungen lassen sich vermeiden, wenn die Füße wirklich gehoben werden." Das alles klingt doch sehr einleuchtend.

Doch nun das Verblüffende: Anscheinend hat die Menschheit tatsächlich auf einen Barfußpark gewartet! "Die Leute fahren drauf ab wie die Sau", formuliert es Karl-Heinz. Tatsächlich sind jetzt, am frühen Nachmittag, fast alle Parkplätze am Waldrand besetzt und viele der Besucher haben Hunderte von Kilometern auf der Autobahn zurückgelegt, nur um hier ohne Schuhe durch den Wald zu schreiten. Oft sei der Andrang in Dornstetten noch viel extremer, erzählt Erika. Dann werde es richtig eng auf den Wegen.

Vielleicht liegt die große Begeisterung für diese Anlage ja daran, dass bei viel zu vielen Freizeitbeschäftigungen Schuhe nach wie vor Pflicht sind. Nicht nur beim Skifahren oder Reiten. Auch beispielsweise auf dem Golfplatz. Selbst im einzigen Nudisten-Golfclub Europas, in Bordeaux, darf man den Rasen nicht mit nackten Füßen betreten. Spazierengehen ist also eine der wenigen Nischen für Liebhaber der Barfuß-Kultur.

Karl-Heinz und Erika sind erfahrene Barfußwanderer. Sie wohnen im nahen Freudenstadt und kommen jede Woche mindestens einmal in den Barfußpark. "Unser Sport", sagt Erika. "Nach dem Rundgang ist man angenehm müde und kann sehr gut einschlafen", erklärt die Krankenschwester. Besonders gerne trainiert sie abends nach der Arbeit. "Ich bin nach dem Büro auch so müde genug", meint Karl-Heinz, aber er begleitet Erika trotzdem immer.

Die scharfkantigen Kieselsteine zu Beginn des Parcours sind gleich ein echter Härte-Test. "Die Hölle", sagt Karl-Heinz und wir beide weichen bald ins Gras aus, während Erika unbeeindruckt weiter auf dem vorgesehenen Pfad ausharrt. Erst führt der Weg an einem Bach entlang, in dem fette, gefleckte Fische träge umherschwimmen, dann in den Wald hinein, wo er bald einen Vita Parcours kreuzt. Erika beginnt sofort an der Reckstange herumzuturnen, und Karl-Heinz dreht sich auf einem Bänkchen in der Nähe erst einmal eine Zigarette.

Entspannend ist es hier, denn die meisten Besucher sitzen um diese Zeit noch in der Kneipe bei den Parkplätzen. Man hört lediglich ein paar Vögel, Insekten und in der Ferne Kinderstimmen. Nur, woher kommen plötzlich diese seltsamen Pfeiftöne? Des Rätsels Lösung ist eine unscheinbare, hölzerne Wippe. Wenn sich jemand drauf stellt und sein Körpergewicht geschickt verlagert, erklingen Töne, die ein wenig an eine Kirchenorgel erinnern. Anschließend muss man in ein großes Becken mit eiskaltem Wasser steigen, im Kreis gehen und dabei tapfer die Beine heben, nach der traditionellen Methode des katholischen Geistlichen und Naturheilkundlers Sebastian Kneipp (1821-1897). Der kannte - wie Erika - keinen Schmerz und empfahl auch das "Gehen in neu gefallenem Schnee".

Wahrer Balsam für die Fußsohlen sind die Wegabschnitte mit Sand, Schlamm, Tannennadeln, Moos oder Kopfsteinpflaster. Als Verkehrschilder dienen bunte Füße aus Holz und ab und zu die schriftliche Warnung: "Vorsicht Wurzeln!" An einigen Stellen ging es vor ein paar Wochen noch knietief durch den Schlamm, erklärt Karl-Heinz. Doch inzwischen haben Waldarbeiter Kies aufgeschüttet, um die Unfallgefahr zu verringern. Nicht eben ein angenehmes Polster.

Damit man nach dem Rundgang, der ungefähr eine Stunde dauert, nicht unfreiwillig bloßfüßig bleibt, können Schuhe und Socken beim Eingang in einem Kästchen eingeschlossen werden. Mitbringen sollte man lediglich ein Handtuch, Eintritt kostet der Barfußpark keinen. An der kalten Brause beim Ausgang waschen wir uns schließlich den Dreck von Füßen und Beinen, und bereits wenige Minuten nach dem Abtrocknen setzt ein angenehmes Kribbeln ein.

Wirklich draufgängerische Barfußgeher könnten sich nun natürlich noch in anspruchsvolleres, steileres Gelände wagen. So wie der 67-jährige Johann Sanktjohanser aus Garmisch-Partenkirchen. Der hat bloßfüßig die 3000 Meter hohe Zugspitze bezwungen. Und zwar bereits über hundert Mal. Um sich abzuhärten, stellt er sich jeweils bis zu eineinhalb Stunden lang in eine mit Eiswürfeln gefüllte Badewanne und anschließend auf ein Nagelbrett.

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