Zeitung Heute : Barks statt Marx

Lars Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Wer in der Minderheit ist, braucht starke Verbündete. Mein ranghöchster Bündnispartner ist der französische Botschafter Claude Martin. Wir teilen eine Leidenschaft: Comics.

Kürzlich war ich dabei, wie er eine Comic-Ausstellung in seiner Botschaft eröffnete und von seiner Begeisterung für die bunten Bildgeschichten sprach. Dafür bekam er kräftigen Beifall von den zahlreichen Vernissagegäste, die zumeist gut situiert und kulturbeflissen aussahen und Französisch sprachen. Im Gegensatz zu mir kommt der Botschafter aus einem Land, wo so ein Bekenntnis gesellschaftlich akzeptiert ist. Er erzählte, wie selbstverständlich es in Frankreich sei, als Erwachsener Comics zu lesen, ohne sich zum Gespött zu machen. Es sei denn, man tut es in Gegenwart eines Deutschen. So hätte ihm ein französischer Minister berichtet, wie schief ihn die Kollegen bei einer EU-Ratssitzung anschauten, weil er in der Pause zu einem Comic griff. In Frankreich hingegen sei das völlig normal.

Wie weit wir davon noch entfernt sind, erlebte ich neulich bei einem Abendessen. Da kam die Rede auf regional unterschiedliche Bräuche der Voodoo-Religion. Ich erzählte meiner – in Kunst und Literatur eigentlich sehr bewanderten – Gesprächspartnerin, was Carl Barks zum Thema zu sagen hatte. Sie hörte interessiert zu, wirkte aber auch ein wenig verwundert. Am Schluss stellte sich heraus, dass sie die ganze Zeit dachte, es ginge um Karl Marx. Von Carl Barks hatte sie nie gehört. In Frankreich wäre das nicht passiert.

Verbündete findet der Comic-Fan in der Ausstellung „Europäische Hauptsstädte im Comic“, die der französische Botschafter initiiert und kürzlich eröffnet hat. Sie ist bis zum 8. Mai im Institut français (Kurfürstendamm 211) zu sehen (Montag, Donnerstag, Freitag: 9-18 Uhr; Dienstag: 9-19 Uhr; Mittwoch: 9-20 Uhr; Samstag: 12- 17 Uhr, Eintritt frei). Weitere Verbündete findet man unter anderem in den Läden Grober Unfug (Weinmeisterstr. 9, Zossener Str. 33) und Modern Graphics (Oranienstraße 22). Dort gibt es die Bücher des großen Disney-Zeichners und –Autoren Carl Barks.

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