Zeitung Heute : „Basecap statt Kipa“

Der Tagesspiegel

„Wenn ihr ein Problem mit meiner Religion habt, ist das nicht mein Problem.“ Das möchte Joshua Spinner, der Direktor des Jüdischen Lehrhauses der Lauder Foundation, Leuten sagen, die ihn als Juden diskriminieren wollen. Spinner steht an der Pforte der Synagoge in der Rykestraße, auf dem Kopf die Kipa, die Kopfbedeckung jüdischer Männer. Bis vor wenigen Wochen ist Spinner auch so auf die Straße gegangen. „Jetzt“, sagt er, „muss ich meine Identität in der Tasche verstecken.“ Nach den Übergriffen der letzten Zeit sei das einfach zu gefährlich.

Nachdem vor zehn Tagen einer Mutter und ihrer Tochter in Neukölln Davidsterne vom Hals gerissen wurden, hat Spinner seinen Studenten verboten, draußen die Kipa zu tragen. „Ich bin ihren Eltern gegenüber verantwortlich“, sagt er. Mit seinem Appell, den Kopf stattdessen mit einer Basecap zu bedecken, liegt Spinner auf der Linie der Erklärung eines Mitarbeiters des Landeskriminalamts, die am Dienstag in israelischen Medien zitiert wurde: „Die Berliner Polizei hat Juden der Stadt geraten, keine Kleidungsstücke zu tragen, die sie als Juden kenntlich machen und sie Attacken arabischer Jugendlicher aussetzen könnten“, habe das israelische Armeeradio verbreitet, schreibt der Online-Dienst der Zeitung Ha’aretz.

Die Berliner Polizei relativierte dies gestern. Der LKA-Mitarbeiter habe gegenüber dem Armeesender lediglich gesagt, er könne sich vorstellen, „ein paar Verhaltensregeln“ zu geben, befürchte aber, dass sich „orthodoxe Mitbürger“ durch solche Kleidungsregeln verletzt fühlen könnten. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) erklärte, in Berlin müsse es „selbstverständlich sein, dass sich jeder in der Öffentlichkeit zu seiner religiösen Überzeugung bekennen kann.“ Die öffentliche Verwendung religiöser Symbole sei Ausdruck der Religionsfreiheit und müsse „durch den Staat geschützt“ werden.

Dienstag Mittag unterwegs in Mitte und Prenzlauer Berg, zwischen jüdischen Geschäften, Synagogen und Schulen. Alle jüdischen Einrichtungen sind von Polizeiposten geschützt; es scheinen mehr Beamte als sonst zu sein. Menschen, die offen jüdische Symbole tragen, sind auf den Straßen nicht zu sehen. Zufall – oder Angst vor antisemitischen Übergriffen? „Zufall!“ sagt ein 17-jähriger Schüler vor dem Jüdischen Gymnasium in der Großen Hamburger Straße. Er trage seinen Davidstern eigentlich täglich, wenn auch normalerweise unter dem Pulli. Heute früh habe er nur verschlafen, das Kettchen in der Hektik zu Hause vergessen.

Eine Klassenkameradin dagegen sagt, ihre Mutter habe ihr verboten, den Davidstern weiterhin zu tragen. „Du kannst dich doch nicht wehren“, habe sie gesagt. Dafür trägt das Mädchen jetzt ein anderes jüdisches Symbol – eine kleine Hand. „Die bedeutet Schutz“, erklärt die Elftklässlerin. Ein Mächen aus der 10. Klasse ist prinzipiell gegen das Tragen von Symbolen: „Wer es offen zeigt, will provozieren.“

In der Rykestraße kommt gerade Alexander Brenner, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, von einem Besuch der Lauder Foundation. Rät auch er dazu, jüdische Symbole zu verstecken? „Nein, umgekehrt“, sagt Brenner kämpferisch. Gerade jetzt sollten sich die Gemeindemitglieder öffentlich zu ihrer jüdischen Identität bekennen. -ry

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben