Zeitung Heute : Basteln lassen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Es kommt zuweilen vor, dass sich jemand beklagt, an dieser Stelle würden zu selten echte Geheimtipps verhandelt. Also gut, verraten wir mal einen knallharten Geheimtipp. Auch wenn die Sache ein wenig riskant ist, denn die Kleine darf auf gar keinen Fall davon erfahren.

Sie hat nämlich einen Wunschzettel vorgelegt. Und ganz oben steht ein Puppenhaus. Nicht irgendein Puppenhaus, sondern so ein großes, aus Holz. Sie hat natürlich keine Ahnung, was so etwas kostet. Sonst hätte sie sich bestimmt etwas anderes gewünscht, das gute Kind. Normalerweise gibt es nur einen preiswerten Weg, zu so einem Puppenhaus zu kommen: Man baut es selbst. Ein Weg, der mir allerdings verschlossen ist.

Leider habe ich mir schon vor ein paar Jahren ein schweres Basteltrauma zugezogen. Das war, als sich der Junge diesen Bauernhof gewünscht hatte, der eine oder andere Leser wird sich vielleicht erinnern. Du liebe Zeit, habe ich noch gedacht, ein Bauernhof, das ist ja einfach. Am Ende musste ich die Nacht vor Heiligabend durchbasteln, um wenigstens eine abgespeckte Version fertig zu kriegen. Und obwohl unser Sohn sich seinen Bauernhof auch noch selbst bemalen musste, war er doch recht teuer. Unglaublich, was so ein paar Leisten und Scharniere kosten. Und dann erst das Werkzeug, hat ja nicht jeder eine Laubsäge oder eine Feile zu Hause.

Nein, sehen wir der Angelegenheit realistisch ins Auge, zum Selberbauen ist es zu spät, keine Chance mehr. Womit sich die Sache mit dem Puppenhaus erledigt hätte. Nun, das Kind muss schließlich lernen, dass nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann. Ist natürlich schade, man kann sich leicht vorstellen, was dann an Weihnachten bei uns los ist.

Irgendwann hat uns dann jemand erzählt, versucht’s doch mal im Knast, die sind vergleichsweise günstig. Zugegeben, klingt ein wenig merkwürdig, aber in der Justizvollzugsanstalt Tegel gibt es tatsächlich einen Laden. Und die Tischler, Glasbläser und Metallarbeiter, die da Möbel, Schalen und Regale fertigen, sitzen allesamt ein. Ja, auch in Haft wird gearbeitet, das sieht das Strafvollzugsgesetz so vor. Und die Zeiten, in der Häftlinge mit Tütenkleben und Mattenflechten beschäftigt wurden, sind lange vorbei. Heute geht es da qualifizierter zur Sache.

Besonders groß ist der Laden nicht, genau genommen handelt es sich nur um eine ehemalige Aufseherwohnung im ersten Stock des Aufseherwohnhauses. Die Möbelabteilung lassen wir mal außen vor, die ist im Moment nicht unser Thema, Taschen und Glasarbeiten auch nicht, widmen wir uns lieber dem Spielzeug. Da gibt es alle möglichen Lastwagen und Eisenbahnen, allesamt aus Holz, ein Kasperletheater, einen Kaufmannsladen und eine komplette Kindereinbauküche, mit Herd, Waschmaschine und Spüle. Und Puppenhäuser, die gibt es natürlich auch. Gut, auch im Knast wird einem nichts geschenkt, 80 Euro muss man dafür hinlegen. Aber dafür kriegt man ein zweistöckiges Haus, sauber gesägt und gefeilt. Ist schon erstaunlich, was die im Gefängnis für Werkzeug haben.

Ausstellungsraum der JVA Tegel, Seidelstraße 41, Mo 13-16 Uhr, Do 14-18 Uhr, Fr 9-12 Uhr, am 6. und am 13.12. auch samstags 10 bis 15 Uhr.

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