Zeitung Heute : Bastelstunde mit Akkusativ

Eine Idee macht Schule: Lernen im Sommercamp. Migrantenkinder lernen in den Ferien Deutsch

Amory Burchard

Im Klassenzimmer wird eine Bude aufgebaut, mit einem Lostopf und Gewinnen, darunter Bären und Bälle. „Was möchtest du haben?“, fragt die Lehrerin einen zehnjährigen Jungen. „Ich möchte den Bären“, sagt er. Sorgfältig betont er jede Silbe. Zum ersten Mal hat der Drittklässler verstanden, wie das geht mit dem Akkusativ. In einer anderen Übung stehen die Kinder mit Wortkarten in einer Reihe. Wird ein Satz von der Aussage zur Frage umgebaut, stellen sie sich neu auf. Nur das Mädchen, das die Karte mit dem Verb hält, bleibt stehen. „Das Verb ist der Chef“, sagt die Lehrerin. Das Mädchen nickt stolz. Die Kinder sind eifrig bei der Sache. Sie haben Spaß im Deutschunterricht. Dabei sind eigentlich Sommerferien.

Solche Szenen aus einem Feriencamp für 150 Drittklässler aus Bremer Zuwandererfamilien im Sommer 2004 sind inzwischen unter deutschen Bildungsforschern legendär geworden. Das Bremer Jacobs-Sommercamp, benannt nach der Jacobs-Stiftung, die den dreiwöchigen Ferienaufenthalt im Bremer Umland und die pädagogische Betreuung der Kinder finanziert hat, gilt als Vorzeigeprojekt für Migrantenkinder mit Defiziten in der deutschen Sprache. Drei Wochen lang setzten sich die Teilnehmer intensiv mit der deutschen Sprache auseinander: im Deutschunterricht, in einem Theaterworkshop und in der Freizeit. Unterrichtet und betreut wurden sie von jungen Lehrerinnen, die meisten von ihnen noch im Referendariat, außerdem von Erziehern und Theaterpädagoginnen. Das Theaterprojekt – das Thema hieß: „Die Kofferbande. Eine Reise ins Land der Sprache und des Theaters“ – endete mit einer von Geschwistern und Eltern umjubelten Aufführung in einem Bremer Theater.

Die Deutschlehrerinnen im Sommercamp arbeiteten mit einem Konzept der Erziehungswissenschaftlerin Heidi Rösch von der Technischen Universität Berlin. Trotz aller spielerischen Elemente ist der Unterricht in „Deutsch als Zweitsprache“ (DAZ) streng gegliedert: So haben die Kinder sich eine Woche lang mit dem Akkusativ beschäftigt, an mehreren Tagen ging es um die Rolle des Verbs. Das Geheimnis ihres Konzepts sei die „strukturelle, systematische Sprachförderung“, sagt Heidi Rösch. „Mit den Spielen bringen wir die Kinder in eine Situation, in der sie die Sprachmittel anwenden müssen.“ Danach werden gemeinsam Fehler analysiert und weitere Übungen gemacht. „Nur wenn den Kindern die Sprachstrukturen bewusst werden, können sie sich die Sprache erschließen“, erklärt Rösch das Prinzip ihres linguistisch fundierten DAZ-Konzepts.

Aber funktioniert es auch in der Schule? Hilft es Migrantenkindern, ihre Defizite auszugleichen? Zwar empfiehlt die Berliner Schulverwaltung das Rösch-Konzept seit 2001, aber wie alle anderen Sprachfördermodelle in Deutschland war seine Wirksamkeit wissenschaftlich nicht erwiesen.

Das sollte sich mit dem Bremer Sommercamp ändern: In den Deutschstunden standen die Gruppen unter dauernder Beobachtung eines Wissenschaftlerteams vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Und neben den 150 Camp-Kindern gab es eine 82-köpfige Vergleichsgruppe, die vor und nach den Ferien in Deutsch getestet wurde, ohne extra gefördert worden zu sein. Darüber hinaus nahm im Camp knapp die Hälfte der Kinder nur am Theaterworkshop teil. Die Bildungsforscher wollten herausfinden, ob womöglich die Theaterarbeit ausreicht, um die sprachlichen Defizite der Kinder auszugleichen.

Schriftliche und mündliche Deutschtests, die am Max-Planck-Institut ausgewertet wurden, zeigen: Die sprachlichen Kompetenzen verbesserten sich nur bei den Kindern, die am Deutschunterricht teilgenommen hatten. Unmittelbar nach den Ferien konnten die Kinder deutlich besser lesen und machten weniger Grammatikfehler als zuvor. Die Kinder, die nur Theater gespielt hatten, gewannen zwar soziale Kompetenzen und Selbstbewusstsein hinzu, ihre Deutschleistungen aber verbesserten sich nicht messbar.

Ein weiterer Test nach drei Monaten zeigte: Sowohl im Lesen als auch in Grammatik hatten Kinder, die am DAZ-Unterricht und am Theaterworkshop teilgenommen hatten, einen Vorsprung. Der war aber nur noch im Lesen signifikant, ihre guten Leistungen in Grammatik konnten sie nicht halten. Dafür verantwortlich sei offenbar der herkömmliche Deutschunterricht, sagt Bildungsforscherin Petra Stanat, die die Studie am Max-Planck-Institut leitete und jetzt an der Universität Erlangen-Nürnberg weiter begleitet. Zwar wird Grammatik unterrichtet, aber nicht nach der linguistisch fundierten Methode, die besonders Nichtmuttersprachlern hilft. „Sommercamps allein können es also nicht sein“, sagt Stanat, die auch Mitautorin der aktuellen Migranten-Studie des Pisa-Berichts ist. „Die Sprachförderung an den Schulen muss sich grundsätzlich ändern.“

Jetzt planen Stanat und Rösch eine Fortsetzung ihrer Sommercamp-Studie, in der es darum gehen soll, den erfolgreichen DAZ-Unterricht in den Schulalltag zu integrieren. In Berlin geschieht das schon: In Förderstunden nach dem Rösch-Konzept, die von der Stiftung Mercator finanziert werden – ab diesem Sommer auch in Ferienkursen.

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