''Bat people'' : Unter den Brücken von Manila

Über ihnen fahren Sattelschlepper und Busse, unter ihnen fließt die Kloake: An den Kanälen der philippinischen Hauptstadt leben 150.000 Familien in hängenden Verschlägen aus Pappe, Sperrholz und Plastikplanen. Ein Besuch bei den Fledermausmenschen.

Carsten Stormer
Manila
Der drei Jahre alte Marvin de Jesus in seinem Elternhaus, im Hintergrund seine Mutter Corazon. -Foto: Carsten Stormer

ManilaMit einem sanften Plopp tauchte Luna am Abend des dritten Tages wieder auf. Direkt vor den Augen ihrer Mutter. Drei Tage hatte sie gemeinsam mit der gesamten Nachbarschaft die Gegend abgesucht, den Fischereihafen abgeklappert, die Müllberge durchkämmt, gesucht, gerufen, geweint. Nichts. Mit jeder verflossenen Stunde sank die Hoffnung. Gerüchte machten die Runde; das Mädchen sei nur weggelaufen, sagten die einen, um sie zu beruhigen. „Keine Panik, Corazon, bald kommt deine Tochter zurück.“ Andere wollen fremde Männer herumlungern gesehen haben. Die Organmafia?

„Und plötzlich war Luna wieder da“, sagt Corazon de Jesus. Plopp. Ein fahles Gesicht, knapp unterhalb der Wasseroberfläche, ein lebloser Körper. Ein Fuß noch immer verhakt in dem Drahtgestell, das sie unten hielt. „Luna war beim Spielen durch ein Loch im Boden gefallen.“ Das war vor drei Jahren.

Corazon de Jesus, 34, sitzt in ihrer acht Quadratmeter kleinen Nische unter der Brücke, die sie ihr Zuhause nennt, und starrt auf das Loch, durch das ihre Tochter fiel. Ein Ventilator verquirlt heiße Luft. Sie spult zurück in ihre Vergangenheit, und ihre Augen blitzen wie Opale.

Über den Fluss Navotas spannt sich eine 100 Meter lange Brücke. Auf der Oberfläche des Flusses schwappt eine wabbelige Masse, die an glänzend schwarze Müllsäcke erinnert. Es stinkt, im Wasser treiben Plastik, Essensreste, Fäkalien. Manilas Flüsse sind der Dickdarm der Hauptstadt, sie verdauen, was niemand mehr braucht. Unter der Brücke wohnen etwa 300 Familien; in Verschlägen aus Plastikplanen und Sperrholz, übereinander, nebeneinander. Wellblech an Wellblech, Pappe an Pappe; die Familie de Jesus, die Familie de la Costa, die Salvacioles, die Gaquits, die Santos, die Zapatas. Eine illegale Siedlung nur wenige Zentimeter oberhalb des stinkenden Wassers. Behausungen, die sich wie Fledermäuse in den Beton gekrallt haben. So bekamen die Bewohner ihren Namen: „bat people“, Fledermausmenschen.

150 000 Familien sollen unter den Brücken leben, die sich über die Kanäle und Flussarme der philippinischen Megastadt ziehen. Adressen oder gar Briefkästen gibt es nicht. Eigentlich fehlt alles, was die Identität eines Menschen nachverfolgen lässt. Ginge es nach der Regierung, hätte man die Fledermausmenschen schon längst aus der Stadt geworfen. Denn Manila hat ein Problem: Platzmangel. Elf Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt, mehr als die Hälfte davon lebt unterhalb der Armutsgrenze. So wie die Familie de Jesus.

Es ist ein Name wie eine Prophezeiung: Corazon de Jesus, das Herz Jesu. Während sie in ihrer Vergangenheit kramt, brausen auf der Brücke Sattelschlepper und Überlandbusse über den Asphalt, Autos hupen. Sie bringen die Brücke zum Beben, der Beton erzittert, und die Verschläge wackeln. Die Suche von Corazon de Jesus nach einem besseren Leben begann irgendwo in den Provinzen der 7100 Inseln des philippinischen Archipels, weit entfernt von den Glaspalästen Manilas, seinen Einkaufspassagen und Luxusboutiquen. Sie begann wie die Suche von vielen anderen, die in klapprigen Bussen und auf rostigen Fähren in die Hauptstadt kamen – und deren Weg unter einer Brücke endete. Die Steine in den Baugruben schleppten oder Kisten mit Fischen im Hafen, die als Tagelöhner arbeiteten oder Obst und Gemüse verkauften. Was es eben gerade zu tun gab.

Corazon de Jesus’ Ehemann Carlos hat Augen wie Tollkirschen und einen sprießenden Fünftagebart. Er trägt ein himmelblaues Unterhemd mit einem Aufdruck, der wie ein Versprechen klingt: USA. Von sechs Uhr abends bis vier Uhr morgens verdingt er sich im nahen Fischereihafen. Tagsüber fährt er Jeepney, eines der bunt angemalten philippinischen Sammeltaxis. 16 bis 20 Stunden Arbeit täglich. Wenn er Glück hat, verdient er am Tag 250 Pesos, so viel braucht die Familie zum Überleben. Es sind umgerechnet vier Euro. Reis, Gemüse, ein bisschen Fisch. Seife, Gas für den Kocher, Trinkwasser; für mehr reicht es nicht. Manchmal, wenn ihm der Sinn seines Daseins rätselhaft vorkommt, flüchtet sich Carlos in die Nebelwelt, in die ihn eine Flasche Tanduay-Rum schickt. Am Abend ist das Geld dann aufgebraucht. Den staatlich verordneten Mindestlohn von 300 Pesos zahlt kein Arbeitgeber. Warum auch? Es muckt ja keiner auf, es gibt genügend Arme, die Jobs suchen.

Wenn die Sonne aufgeht, sich die Nische unter der Brücke noch nicht in einen Backofen verwandelt hat und der Gestank des Flusses noch halbwegs erträglich ist, legt sich Carlos kurz hin. Dann übernimmt Corazon, wäscht den drei Jahre alten Marvin, putzt, hängt Wäsche auf, kocht; begleitet vom Gurgeln des Flusses. Seit zwölf Jahren haust die Familie nun unter der Brücke, sie hat sich eingerichtet. Einen Weg nach oben hat sie bislang nicht gefunden.

Es ist ein Leben in der Hocke. Nur Marvin kann aufrecht stehen, so niedrig ist die Decke. Und wenn es stark regnet oder eine heftige Flut kommt, schwappt die Kloake schon mal in die Wohnung. An den Wänden kleben Zeitungen, um die Feuchtigkeit aufzusaugen. Auf einem Regal stehen ein paar Töpfe, eine Dose mit Speiseöl und eine Marienstatue, am Boden liegt ein Jutesack mit Wäsche. „Wir haben das teuerste Dach Manilas“, sagt Carlos. „Fünf Millionen Dollar plus Korruption.“ Dann legt er sich wieder schlafen. „Immerhin müssen wir keine Miete zahlen“, sagt Corazon de Jesus und zieht die Mundwinkel hoch. Das Loch im Fußboden dient als Abwasser-, Müll- und Kloloch. Was hier durchfällt, schluckt der Fluss – manchmal auch Kinder. Den Tod ihrer Tochter habe sie nie verwunden, sagt Corazon de Jesus und hält den herumtollenden Marvin am T-Shirt fest.

Das Wasser mit seinen Keimen und Krankheitserregern ist Müllhalde und Spielplatz zugleich. Die Nachbarskinder stört der Gestank nicht. „Nein, Marvin, du darfst im Wasser nicht spielen. Davon wirst du krank“, sagt Corazon de Jesus. Der Junge weint. „Ja, ja, heul nur, Marvin. Im Krankenhaus machen sie dich dann gesund, und ich sterbe anschließend an einem Herzinfarkt, wenn ich die Rechnung bezahlen muss.“

Es ist nicht leicht, in diesem Slum Leid zu beobachten. Ausgelassenheit liegt über dem Elend. Kinder werfen mit alten Sandalen auf Plastikflaschen, Frauen hängen Wäsche zum Trocknen auf, Gesichter lachen, Sari-Sari-Läden, die philippinischen Kioske, bieten kalte Cola und Zigaretten an, Radios dudeln philippinischen Pop. Auf Hosen, Röcken und Hemden der Slumbewohner findet sich kein Schmutzfleck, als gebe ihnen ein bisschen Eleganz die Würde, die sie zum Leben benötigen. Gewalt ist selten hier. Morde gibt es praktisch keine. Eine Schlägerei im Suff, manchmal. Es gab auch schon Vergewaltigungen. Einige Jugendliche flüchten in Drogen und Alkohol, wenn sie begreifen, dass ihnen das Leben ihrer Eltern blüht und eine Zukunft, die nicht weiter entfernt ist als der nächste Tag.

Der Abend gehört dem Ungeziefer. Moskitos schwirren aus stinkenden Pfützen, Kakerlaken krabbeln aus ihren Löchern. Damit sie die Menschen in Ruhe lassen, verteilen die Brückenbewohner Bananen vor ihren Böden, wie Opfergaben an einen unbarmherzigen Gott. Und in der Dunkelheit machen die Jugendlichen mit Steinschleudern Jagd auf Ratten.

150 000 bis 200 000 neue Migranten, Glücksritter und Wanderarbeiter kommen jährlich aus dem Elend der Provinzen nach Manila. Viele landen früher oder später unter den Brücken. Die Regierung der Philippinen will das Problem mit Umsiedlungsprojekten lösen. So kann es geschehen, dass plötzlich Planierraupen und Bauarbeitertrupps, geschützt von Polizei und Militär, vor den illegalen Siedlungen auftauchen. So auch vor vier Jahren an der Brücke über den Navotas. Innerhalb eines Tages war alles niedergewalzt, eine Kläranlage sollte an der Stelle des Slums gebaut werden. „Nach wenigen Wochen kehrten wir wieder zurück und bauten alles so auf, wie es vorher war“, sagt Corazon de Jesus.

Auch Elisabeth Hermosade lebte einst unter Brücken, bis sie in ein Umsiedlungsprojekt kam. Towerville, drei Sammeltaxistunden von Manila entfernt, ist ein Dorf der Frauen und Kinder. Kleine Häuser aus unverputztem Stein, umgeben von grünen Hügeln und sauberer Luft. Vögel zwitschern, und Falter taumeln von Baum zu Baum. Hierhin hat die Regierung mehr als 6000 Fledermausmenschen ausgelagert. Gebessert hat sich ihre Situation dadurch aber nur optisch. „Die Regierung löst die Probleme nicht, sondern verlagert nur die Armut“, sagt die 37 Jahre alte Frau. „Ein schöner Ausblick macht nicht satt.“

Auf der Straße stehen vier Halbstarke, rauchen und pfeifen einem Mädchen hinterher. Männer haben hier Seltenheitswert. „Die kommen nur an den Wochenenden“, sagt Elisabeth Hermosade. Die restliche Zeit verbringen sie in Manila auf der Suche nach Gelegenheitsarbeiten – und wohnen währenddessen wieder unter Brücken.

„Sehen Sie sich um, es gibt keine Fabriken hier, keine Kunden, keine Ärzte. Nicht einmal einen Marktplatz zum Einkaufen. Was sollen wir hier tun?“ Außerdem gebe es keine Polizei, keinen Sicherheitsdienst. Kürzlich fand man die Leiche eines Kindes am Straßenrand – ohne Augen und Organe. „Total ausgeweidet.“ Und am Wochenende verschwanden wieder zwei Jungen nach der Schule. Seitdem patrouillieren besorgte Mütter in der Siedlung.

Elisabeth Hermosade hat geschafft, wovon viele Fledermausmenschen träumen: Sie ist vom Karussell der Armut abgesprungen. Heute ist sie Sprecherin der Fledermausmenschen, eine zierliche Frau mit dem Händedruck eines Kirmesboxers. Sie arbeitet für die Hilfsorganisation Zoto. Die Organisation ist so etwas wie eine Selbsthilfegruppe der Armen. Zoto hat etwa 10 000 Mitglieder, unterhält Kindertagesstätten und Krankenstationen, bildet Sozialarbeiter aus, gibt Jugendlichen Computerkurse, organisiert Theateraufführungen und Konzerte und ermöglicht Minikredite. Und wenn nötig, veranstaltet man Sitzblockaden, wenn die Regierung mal wieder beschließt, eine illegale Siedlung zu räumen. „Wir lassen uns nicht mehr alles gefallen. Wir haben auch Rechte“, sagt Hermosade.

Ihre Eltern stammen aus der Zuckerprovinz Negros, eine der ärmsten des Landes. Um dem Elend zu entkommen, floh die Familie in den 80ern nach Manila. Kurz darauf verließ der Vater die Familie wegen einer anderen Frau, die Mutter trank sich um den Verstand. Mit ihrer Schwester lebte Elisabeth Hermosade bei Verwandten, bis diese sie nicht mehr ernähren konnten. Dann landete sie unter den Brücken des Navotas.

Wer heute über die Brücken fährt, sieht die Slumsiedlungen nicht. Elisabeth Hermosade muss sich deshalb über die Leitplanke schwingen. Sie klettert eine wackelige Holzleiter hinunter, an der einige Sprossen fehlen, dann steht sie vor den Behausungen. Sie schüttelt Hände, erzählt Witze, tauscht Klatsch aus; man kennt sich. Um zu den de Jesus zu gelangen, macht sich Hermosade ganz klein und gleitet auf einem Styroporfloß unter die Brücke. Carlos schnarcht, auf seinem Bauch döst Marvin. Corazon weint.

„Was ist los?“

„Carlos’ Jeepney hat einen Motorschaden, und der Besitzer weiß nicht, wann er den Wagen repariert. Wir haben heute nichts verdient.“ Elisabeth Hermosade nimmt die weinende Frau in den Arm, streicht ihr über das Haar: „Wir werden eine Lösung finden.“

Corazon de Jesus nickt stumm und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann stellt sie vier Teller mit ein bisschen Reis und Gemüse auf den Boden. Je eine Portion für sich, Carlos und Marvin – und einen Teller für die Tochter, die der Fluss geschluckt hat.

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