Zeitung Heute : Bau-Museum Berlin: Der Schwung der Sixties

Nikolaus Bernau

Brasilia war in der Nachkriegszeit der Traum vom Neuanfang, von der Möglichkeit, Geschichte vergessen zu können, von der individualistischen Zukunft, von schnellen Autos auf breiten Straßen, knappen Bikinis und schönen Körpern. Bis heute sind Werbeanzeigen erfolgreich, wenn die geschwungenen Bauten Oscar Niemeyers oder die riesige, sonnenverbrannte Weite des Platzes der drei Gewalten im Hintergrund erscheint. In der Ausstellung "Stadt der Architektur" im Neuen Museum kann man etwa die Blätter Sergius Ruegenbergs für ein neues, von Autostradas und Hubschrauberflugplätzen dominiertes Zentrum am Zoologischen Garten sehen: Hier mischen sich die Zukunftshoffnungen, die die Weltausstellung in New York 1940 prägten, mit dem Nierentischstil jener Zeit und eben der dynamischen Weitläufigkeit, die seit Lucio Costas "Flugzeugplan" für Brasilia als Synonym modernen Städtebaues galt. Allerdings konnte sich sein Modell in Europa nur selten durchsetzen - mit Ausnahme von Berlin. Hier war der Ost-West-Gegensatz ein Ansporn, der jeweiligen Gegenseite zu zeigen, was wirkliche Moderne ist.

Aushängeschild des Westens wurden die Anlagen rund um den Breitscheidplatz und den Zoologischen Garten. Der Zoo-Palast übersetzte mit klarer Fliesenfassade und offenen Foyers die Bedeutung der Intertationalen Filmfestspiele für das deutsche Selbstbewusstsein in Architektur. Östlich davon entstand 1955 das Bikini-Haus mit langen Glasfassaden, luftigem Arkadengang und plastisch geformten Treppenhäusern à la Niemeyer auf der Rückseite. Gefasst wird die Anlage von zwei Hochhäusern am Hardenbergplatz und an der Budapester Straße, die ihre städtebauliche Fortsetzung in der Schachbrettscheibe des Intercontinental finden. Alle diese Bauten errichteten Paul Schwebes und Hans Schloszberger.

Nach Westen hin wurde der Breitscheidplatz durch die hohe Scheibe des Schimmelpfenghauses begrenzt, als ästhetische Rückwand für die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Gebaut wurde es 1960 von dem damals die Szene beherrschenden Büro Sobotka und Müller. Sein elliptischer Hauptpfeiler schiebt - da, wo seit Jahrzehnten ein chinesisches Lokal und Beate Uhse locken - die überbrückte Kantstraße rasant in Richtung der Hauptfahrbahn. Eine dynamische Kulisse für die Stars, die zur Berlinale am Zoo-Palast vorfuhren.

Wirklich geprägt von der brasilianischen Vision wurde jedoch nicht West-Berlin, sondern das Zentrum Ost-Berlins zwischen Straußberger Platz und Unter den Linden. Hier entstand ein in Europa einmaliges Gesamtkunstwerk. Für die DDR-Architektur war es ein letztes Aufbäumen, bevor der künstlerische Aderlass durch die Fluchtbewegung vor dem Mauerbau und die Platte zum Verschwinden fast aller Kreativität führten. Die Kinobauten für das Kosmos und das International, das Restaurant Moskau sowie die Stadtanlage rund um den U-Bahnhof Schillingstraße entstanden um 1960 nach den Plänen des damals überragenden DDR-Architekten Josef Kaiser und seines Kollektivs, wie es politisch korrekt in allen Architektur-Führern heißt. Verspielte Betonelemente, schattige Innenhöfe, Skulpturen, Wasserspiele, Mosaiken, die weiten Platzanlagen und der als belebendes Element fest in das ästethische Konzept integrierte Autoverkehr prägen diese Architekturen. Sie sind ganz auf der Höhe der Zeit, so wie der kleine Sputnik am Pavillon des "Moskau", zeigen die Befreiung der Architekten des Ostens, nachdem Chruschtschow die Fesseln der stalinistischen Monumentalarchitektur gelöst hatte. In diesen Bauten findet die nach dem Krieg sich auseinander entwickelnde deutsche Architekturgeschichte wieder zusammen.

Heute ist man über die dortige Ressourcen- und Platzverschwendung entsetzt. Auch die Gebäude werden von der Berliner Bauverwaltung nicht geliebt; sie stehen fast alle unter Abrissvorbehalt. Der historische Versuch zum Neuanfang droht aus dem Stadtbild zu verschwinden, so wie schon das Haus der Kaufleute in der Fasanenstraße, das Café Alextreff am Alexanderplatz und derzeit das Ahornblatt. Oder es droht so verschandelt zu werden wie das Zoo-Fenster, dem eine neue Isolierfassade alle Leichtigkeit nahm, und wie das ausgeweidete, mit einem Glasklotz niedergemachte ehemalige Café Kranzler. Das vergleichsweise sensibel erweiterte Kosmos und das International sind zwar gut erhalten, doch das Restaurant Moskau ist dem Vandalismus ausgesetzt. Soll hier ein Abbruch vorbereitet werden?

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