Zeitung Heute : Bau-Museum Berlin: Die große Villa und die kleine Gartenstadt

Nikolaus Bernau

Kaum eine städtebauliche Entwicklung der frühen Moderne bewegt die Gemüter bis heute so sehr wie der Zug ins Grüne. Zunächst waren da, um 1890, die Villen und die Gartenstädte. Die Villa betont die Freiheit des selbstbewussten Bürgers; die Gartenstadt hingegen versucht, Individualität und Gesellschaft durch eine gemeinsame Form zu versöhnen. Beide beruhen auf englischen Vorläufern. England erschien vielen als Modell und zugleich als Negativbeispiel, dem etwas "Deutsches" entgegenzusetzen sei. Doch der Umbruch erfolgte erst mit dem opulenten Buch "Das englische Haus" des preußischen Regierungsrates Hermann Muthesius. Mit "Haus Freudenberg" und anderen Bauten in Zehlendorf zeigte er den Bürgerlichen, wie man nobel wohnen kann, ohne den Adel zu kopieren. Locker fügen sich die weit zum Garten geöffneten Wohnzimmer, der Komfort der Neuzeit ist selbst für die Dienerschaft eingebaut.

Das Schlagwort der Gegenbewegung war "Um 1800", nach einem 1908 erschienenen Buch von Paul Mebes. Er erklärte die bürgerliche Baukunst des Frühklassizismus zum Modell für die Moderne. Entsprechend wurde die Villa des Chefs der AEG, Walter Rathenau, 1910 von Johannes Kraatz an der Koenigsallee errichtet. Zerstört sind die nobel biedermeierlichen Innenräume, doch das Äußere mit hohem Mansardendach und symmetrischer Putz-Fassade ist erhalten. Hier verbanden sich Konservativismus und Fortschrittsbewusstsein. Hinzu trat das Vorbild Schinkels. An ihm orientierte sich 1911 die Dahlemer Villa des Direktors der Antikensammlung, Theodor Wiegand. Der Architekt Peter Behrens gestaltete sie in einem äußerst repräsentativen, streng-achsialen Klassizismus, mit erlesenen Proportionen und kostbarer Inneneinrichtung. Wie Stehkragen und Schlips stehen sich dieses preußisch-deutsche Modell und das lockere englische Haus gegenüber.

Auch die Arbeiterbewegung und ihre Seitenzweige sahen nach England. 1898 veröffentlichte der Sozialreformer Ebenezer Howard "Garden-Cities of Tomorrow", eine Utopie vom Leben im Grünen. 1903 wurde der Grundstein für die erste Siedlung Letchworth bei London gelegt. Nach ihrem Vorbild und dem der 1909 entworfenen Gartenstadt Dresden-Hellerau entwarfen Bruno Taut und Ludwig Lesser 1913 die "Tuschkastensiedlung" in Falkenberg. Die kleinen Reihenhäuser sind mit offenen Wohnhöfen locker in die Landschaft gebettet: Ausdruck der Hoffnung auf den Ausgleich zwischen Land und Stadt. Die starke Farbigkeit der jüngst gut restaurierten Siedlung weist zudem auf die expressionistischen Aquarell-Utopien Tauts hin.

Auch in der Gartenstadtbewegung trafen unterschiedliche ideologische Konzepte aufeinander. Hier Falkenberg, dort die Gartenstadt Staaken. Sie wurde von Paul Schmitthenner für die Arbeiter der Rüstungsbetriebe in Spandau errichtet. Die Siedlung war "kriegswichtig" und konnte trotz des allgemeinen Baustopps bis 1917 vollendet werden. Schmitthenner plante eine ideale deutsche Kleinstadt mit Gassen und Plätzen. Der Stil der Häuser orientiert sich an den Bauten des preußischen späten 18. Jahrhunderts: Man baute, noch einmal, "fritzisch".

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben