Zeitung Heute : Bauaufsicht hält den Riss in der Wand für Bau-Alltag - Kritik an der Behörde

Annette Kögel

In Mitte werden offenbar häufig Gebäude durch Bauarbeiten auf Nachbargrundstücken beschädigt. Bei dem jüngsten Vorkommnis in der Mulackstraße 37 - das Haus riss infolge der nebenan ausgeführten Tiefbauarbeiten vom Fundament bis unters Dach ein - handelt es sich nach Auskunft des Bauaufsichtsamts-Leiters "eigentlich um einen ganz normalen Fall". Unterdessen teilten der Hausverwalter und eine Mieterin dem Tagesspiegel mit, die Risse seien bereits im Juli bemerkt worden, Bauaufsichtsamt und die ausführende Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) schriftlich unterrichtet worden. Wie berichtet, war das Haus am Sonnabend zwischenzeitlich wegen Verdachts auf Einsturzgefahr gesperrt worden.

Bei den sieben betroffenen Mietsparteien ist der Ärger groß. Eine Mieterin aus einer Maisonette-Wohnung im 3. und 4. Stock des Seitenflügels sagte, ihr sei der Riss im Treppenhaus schon im Juli aufgefallen, sie habe ihn erst "der Bauleitung im Container hinter dem Haus gemeldet", dann aber auch besorgt an das Bauaufsichtsamt Mitte und die WBM geschrieben. Das Bezirksamt habe "extrem lax darauf reagiert und am Telefon irgendetwas von eiszeitlichen Erdschichten erzählt", erinnert sich die Frau. Möglicherweise, so die Amtsauskunft, könne auch eine ganz andere Baustelle die Schäden verursacht haben. Offenbar auf Initiative der Spezialtiefbaufirma Preussag und der WBM wurden sogenannte Gipsmonitore in den Rissen angebracht.

Nach Auskunft von Karl-Friedrich Metz, Leiter des Bau- und Wohnungsaufsichtsamtes Mitte, haben nicht Eingeweihte den Riss entdeckt und ihn für eine Folge der zudem durch defekte Grundwasserpumpen enstandenen Unterspülung der Mulackstraße 37 gehalten. Nach Einschätzung der von Firma und Bezirk beauftragten Statiker besteht keine Einsturzgefahr. Die Hausgemeinschaft, die das Haus 1991/92 mit Landeszuschüssen sanierte, will die Schäden indes nicht hinnehmen. "Der Riss ist größer geworden", sagt die Mieterin, "man kann sogar durch bis auf die Baustelle gucken". Hausverwalter Volker Herger, zur Zeit im Italienurlaub, äußerte dem Tagesspiegel gegenüber seine Befürchtungen, "dass im Winter die Kälte reinzieht". Nach seiner Rückkehr am Wochenende werde er sich "wohl einen Rechtsanwalt nehmen" müssen. Offenbar haben die Firmen - beide waren gestern nicht zu erreichen - Gefahren durch den Untergrund unterschätzt. Herger zufolge war sowohl unter sein Haus als auch unter Nachbargrundstücke eine Flüssigbetonmischung geleitet worden, um die Gebäude zu stabilisieren. Für den Leiter des Bauaufsichtsamtes dennoch eher ein Normalfall. Risse in Häusern neben Baustellen seinen "nicht vermeidbar und mal mehr, mal weniger stark". Stets würden Gefährdungen geprüft, der Verursacher müsse für die Beseitigung der Schäden aufkommen. Ein Extremfall ist noch heute als Bauruine in der Münz / Gipsstraße zu sehen: Dort hatte ein 60-Tonnen-Baufahrzeug die Grundmauern des - von der WBM verwalteten - Gebäude erschüttert: Die Sozialabteilung des Bezirksamt musste ausziehen.

Unterdessen ärgern sich die Mieter darüber, dass sie jetzt auch noch die Rechnung von der Polizei für deren "sehr provisorischen" Verschluss der von der Feuerwehr eingebrochenen Wohnungstüren zugestellt bekamen. Die Polizeipressestelle hält einen Trost bereit: Weil die Mieter nicht Verursacher der Schäden sind, könnten sie die Kosten von den Bauherren einfordern.

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