Zeitung Heute : Bauen und Macht: Bruno Flierl stellte sein Buch zu hundert Jahren Hochhausbau vor

Thomas Monien

Der Gendarmenmarkt wird an diesem Sommerabend auch von jenen Touristen gerne besucht, die sich in Architekturgeschichte nicht auskennen, sondern schlicht "den schönsten Platz Berlins" in seiner Beschaulichkeit genießen. In die "Edelplatten" der DDR-Ära am Platz hat die Akademische Buchhandlung zur Buchpremiere geladen: Bruno Flierl stellt seinen Band "Hundert Jahre Hochhäuser" vor. In dichten Stuhlreihen sitzen Architekten, Denkmalschützer und Stadtplaner um den prominenten Architekturtheoretiker und kritischen Begleiter der Stadtentwicklung versammelt. Die Luft unter der flachen Decke ist stickig; allenfalls die "traditionelle Querlüftung" des "Fenster auf!" sorgt für etwas Kühlung.

Doch wenn Bruno Flierl den Bogen "zur zweckorientierten vertikalen Raumaneignung" über ein Saeculum spannt, also über den Hochhausbau der letzten einhundert Jahre auf drei Kontinenten redet, dann ist die Hitze vergessen. Sprachlich brillant lässt er den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Sein und architektonischem Bewusstsein fühlbar werden, in dem er nachzeichnet, wie politische und wirtschaftliche Macht sich baulich ausdrückte: "Konkurrenz, Potenz und Konflikte gesellschaftlicher Kräfte" seien die Triebfedern. Hier dringt das Bekenntnis zur DDR-Biographie programmatisch durch, bevor es auch für die wenigen Laien im Raum plastisch wird: "Block-Scheibe-Turm" nennt Flierl als Grundelemente der Wolkenkratzer, die "kubanische Zigarre" eines Sir Norman Foster in London erinnere an eine "erotische Gurke". Später betont Flierl mit aufgeregtem Unterarm den Phalluscharakter so manchen Gebäudes und seine Auswahl eigener Dias zeigt, wie sich Hochhäuser zum Wohl oder Wehe einer Stadt auswirken.

Flierl vollführt den Spagat zwischen Fachkenntnis und mitgeteilter Praxis so souverän, dass am Ende alle klatschen. Die angekündigte Kontroverse bleibt aus, kauft stattdessen für 148 Mark ein gelungenes Buch, dessen Weisheit sich auf dem Heimweg offenbart: Auf dem Gendarmenmarkt sitzt man noch beim Wein, an der Leipziger Straße rasen die Autos.

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