Zeitung Heute : Baukastenprinzip: In den Fußstapfen des Vaters

Clemens Wergin

Es gibt Möbel, die sind logisch, andere sind praktisch und manche sind einfach nur schön. Die Serie "progetto 1" der Trientiner Architektin Monica Armani vollbringt das Kunststück und vereinigt alle drei Kriterien. Mit einem verblüffend einfachen Baukastenprinzip: Ein Möbel ist immer aus vier U-förmigen Winkelelementen aus Bandeisen zusammengesetzt. Zusammengehalten werden sie durch einen Rahmen, der, unsichtbar unter der Abdeckplatte verborgen, die U-Elemente verbindet.

Der große Vorteil von Armanis System, mit dem sich Schreib-, Ess- und Couchtische genauso verwirklichen lassen wie Arbeitstische für die Küche, ist seine Vielseitigkeit. Alle nur denkbaren Längen, Höhen und Breiten sorgen dafür, dass jeder in Progetto 1 die Kombination findet, die seinen Bedürfnissen entspricht. Am innen liegenden Rahmen können noch allerlei Zusätze abgehängt werden. Unterschränke, Stereoregale oder Schubladen: Alles kann am Gestänge angebracht werden, unsichtbar und elegant.

Überhaupt ist Eleganz der vorherrschende Eindruck, den die Armani-Serie hinterlässt. Die Oberflächen aus verschiedenen Holzarten, Kunststoff oder Glas versinken so im Rahmen, dass sie bündig mit dem Gestell abschließen. Und besonders die lackierten oder verzinkten Seitenteile bestechen durch ihre perfekte, matte Oberfläche.

Die Leichtigkeit, die von Armanis Tischen ausgeht, ist vor allem dem Mut zur Lücke geschuldet. Bestehen die Tischbeine doch aus zwei Teilen, die aus je einer Seite eines Winkelelementes zusammengesetzt sind. Genau an der Ecke stoßen beide Elemente nicht direkt aufeinander, sondern es bleibt ein hauchdünner Spalt, der nicht nur das Konstruktionsprinzip verdeutlicht, sondern den Tisch geradezu zum Schweben bringt.

Was Monia Armani hier entwickelt, ist eine radikale, auf das Pure und absolut Notwendige reduzierte Moderne. So verrät "progetto 1" die Handschrift einer kompromisslosen Architektin, die in Venedig und Mailand studierte, um dann in das Büro ihres Vaters im südtiroler Trient einzusteigen. Hier zeichnete sie vor allem für eine ebenso helle wie leicht lesbare Innenarchitektur verantwortlich. Und schreibt so den Stil ihres Vaters fort, der sich auch ganz dem "rationalen Stil" der klassischen Moderne verpflichtet fühlt.

Dabei sieht man den Wohnmöbeln nicht an, dass sie einmal als variables Büromöbelprogramm geplant waren. Allenfalls die große Bandbreite von Office-Lösungen lässt darauf schließen. Besonders interessant ist hier der für Rezeptionen und Boutiquen entworfene Computertisch. Für das Arbeiten im Stehen konzipiert, schwebt der Rechner unter einer Glasplatte. Der Bildschirm ruht in einer unter dem Tisch abgehängten Stahlkonstruktion und bleibt fast unbemerkt.

Geradlinige, in der Tradition der klassischen Moderne stehende Möbel haben es schwer in Italien. Obwohl viele der maßgeblichen Produzenten aus dem Bel paese kommen, gehen doch fast 80 Prozent solcher Möbel in den Export. Und so war es das "Centre Pompidou" in Paris, das sich als erstes großes Museum für Progetto 1 entschied. Hier wurden nach der Renovierung die Ruhezonen mit Armanis Kreationen bestückt. Museen in London, Barcelona und Toulouse folgten. Im November hatte Armani dann einen vielbeachteten Auftritt auf der Büromöbelmesse "Orgatec" in Köln.

Aber die 37-jährige Architektin möchte sich weiter Richtung Wohnen entwickeln. Und hat mit "progetto 2" ein Küchen- und Containerprogramm aufgelegt, dass in die Fußstapfen von "progetto 1" tritt. Denn alles wird eingehängt in die üblichen Trägerstrukturen. Die Elemente sind somit selbsttragend und müssen nirgendwo befestigt werden. Ein weiterer Vorteil liegt in den zwei aufeinander abgestimmten Breiten des Systems: eine genau die Hälfte der anderen. So können die Elemente auf beiden Seiten mit Hängeelementen bestückt werden - und eignen sich auch als Raumteiler, auf den von zwei Seiten zugegriffen werden kann.

Noch hat es Armani schwer, in Berlin Fuß zu fassen. Denn das sehr flexible Programm ist beratungsintensiv. So begann man mit einem Showroom für Sonderausstellungen im "stilwerk" in der Kantstraße. Dann wanderten die Tische in die Heckmann-Höfe. Um von dort ins "stilwerk" zurückzukehren und bei "minimum einrichten" zu landen. Sollte ja gelacht sein, wenn das Programm, das die Bauhaus-Ideen von mit Funktionalität gepaarter Eleganz in eine moderne, variable Form bringt, im neuen Berlin nicht seinen Platz findet.

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