Zeitung Heute : Bauverzögerung und Mängel: Ein Unglück kommt selten allein

Ralf Schönball

Wie sie so da sitzen, wirken die Müllers (Name geändert) wie ganz verständige Menschen. Wenn aber ihr Reihenhaus in Teltow zur Sprache kommt, dann scheint sich die Wirbelsäule von Uwe Müller zu versteifen und Tatjana Müller treibt die Bändigung ihres feurigen Temperaments die Tränen in die Augen. Doch sie beherrscht sich, zieht die zwei Leitz-Ordner mit den Worten "Krieg" aus der knallroten Tragetasche heraus und wühlt nach Schriftsätzen. Dass die Eltern von drei Kindern angespannt sind, ist nicht verwunderlich: Das Eigenheim stellte der Bauträger ohne Dach und zudem ein viertel Jahr nach dem versprochenen Termin auf. Doch auch da war das Einfamilienhaus unvollendet und voller Baumängel. Zu allem Überfluss überwies die Bank der Müllers dem säumigen Unternehmen eine Rate, ohne dafür eine unterschriebene Anweisung der Bauherren in Händen zu halten. Nun ist die Familie überschuldet.

"Die Baufirmen sind derart ignorant, da fasst man sich nur noch an den Kopf", sagt Uwe Müller. In der Neubau-Siedlung Teltow-Rühlsdorf, wo die Müllers ein mangelhaftes und unfertiges Eigenheim übernehmen mussten, werbe im benachbarten Musterhaus ein Makler neue Käufer für dasselbe "Abenteuer Eigenheim". Und wenn der Verkäufer aus seinem Jaguar heraus gütig grüße, dann fragt sich Müller, wie weit die Unverfrorenheit gehen könne. Denn nachdem er selbst bei dem Mann einen Kaufvertrag unterschrieben hatte, sei das Interesse an der Vertragserfüllung spürbar abgeebt. Als ein viertel Jahr nach versprochener Fertigstellung kaum mehr als ein Rohbau mit halbfertigen Ausbauten für die Familie bereit stand, schalteten die Müllers eine Rechtsanwältin ein. Doch da reagierte das Unternehmen schon gar nicht mehr. "Sogar auf ein Angebot zur Feststellung der Mängel und zur Abwicklung des Vertrags vor Ort hat der Geschäftsführer nur durch die Delegierung eines Vertreters ohne Vollmacht geantwortet", sagt Rechtsanwältin Ruth Nowak.

Inzwischen ist das Tischtuch zwischen den Geschäftspartnern ganz zerrissen. Man sieht sich dereinst vor Gericht wieder. Wo Emotionen im Spiel sind, ist ein Ausgleich nicht leicht zu erzielen. Für die Müllers liegt ein Schaden von 122 000 Mark vor. Sie belegen ihre Forderung mit zwei Gutachten von Bausachverständigen. Die größten Mängel in der langen Liste von Schäden waren die Heizungsanlage - sie funktionierte nicht -, die Elektro-Installation - es gab keinen Stromanschluss, keine Schalter und keine Stecker -, das Badezimmer - die Wasserleitungen waren zu knapp bemessen, und die Fliesen musste der Bauherr wieder herausreißen. Der Geschäftsführer des Bauträgers Polygon, Gustav Grauer, räumt ein: "Die Fliesenarbeiten waren nicht schön, die waren aber auch noch nicht abgenommen." Zudem seien die Arbeiten "nach Baufortschritt" abgerechnet worden und zu diesem Zeitpunkt hätten die Müllers laut Zahlungsplan nur einen Anspruch auf "Fertigstellung Sanitär und Elektro roh" gehabt. Erst mit der Zahlung der nächsten Rate wären die Ausbauarbeiten zu Ende geführt worden.

So weit mochten die Müllers es aber nicht kommen lassen. Immer wieder neue Mängel rückten einen Fertigstellungs-Termin in immer weitere Ferne. Zumal weder gutes Zureden, Faxe und nicht einmal eine "Bürobesetzung" halfen. "Die Firma Polygon ließ alle Fristen verstreichen und hat nicht einen Brief beantwortet", sagen Müller und Anwältin Nowak. Müller, Angestellter eines international tätigen Kommunikations-Unternehmens, nahm nach der Kündigung der Polygon das "Projekt Eigenheim" selbst in die Hand. Er heuerte auf eigene Rechnung Bauunternehmen an, organisierte die Baustoffe und krempelte selber die Ärmel hoch. Seine Rechnung sah so aus: Statt der insgesamt für das Eigenheim fälligen 312 000 Mark überweist er nur 176 000 Mark. Die Differenz von rund 136 000 Mark setzt er dann ein, um die beauftragten Handwerker zu bezahlen. Doch dann geschah eine verhängnisvolle Panne.

Ohne einen unterschriebenen Auftrag dafür zu haben, überwies die Badische Beamtenbank, Müllers Kreditinstitut, eine weitere Rate über 75 000 Mark an die Firma Polygon. Diese hatte zuvor eine Rechnung über diese Summe an den Bauherrn geschickt. Pleiten, Pech und Pannen auf der Baustelle hatten die Müllers aber bereits zur Kündigung des Bauvertrages veranlasst. Die Forderung der Polygon jedenfalls halten sie für gänzlich unberechtigt. Warum die Bank aus Sicht der Müllers eigenmächtig eine Überweisung ausführte, ist unklar. Zur Stellungnahme aufgefordert, lautet die Antwort des Revisions-Bereichs lapidar: "dass der Fall von Herrn Müller (Name geändert) Ihnen gegenüber völlig falsch dargestellt wurde. Die Schlussfolgerungen von Herrn Müller gehen somit ins Leere."

Auf die konkreten Fragen der Redaktion gibt das Geldhaus keine Antwort. Ebensowenig will sie Stellung nehmen dazu, warum sie den Betrag von 75 000 Mark nicht zurückbuchte, als ihre Kreditnehmer 48 Stunden nach Benachrichtigung über die "fehlerhafte Überweisung" sie dazu drängten. "Derzeit ist der tatsächliche Sachverhalt in einem Zivilverfahren vor dem Landgericht Karlsruhe anhängig", schreibt die Badische Beamtenbank nur. Im Kampf David gegen Goliath stehen die Chancen der Müllers so schlecht nicht: Der Bundesgerichtshof entschied in einem Urteil vom 6. Juni 2000 (AZ XI ZR 258/99), dass Bankkunden unberechtigte und zu spät entdeckte Belastungen des Kontos rückgäng machen können - und zwar ohne zeitliche Begrenzung.

Dass die Bank alle Schuld von sich weist, liegt auf der Hand. Das Geld dürfte kaum von dem Bauträger Polygon zurückzubekommen sein. Denn für Geschäftsführer Gustav Grauer erfolgte die Zahlung pünktlich und ordnungsgemäß, vierzehn Tage nachdem er seine Rechnung abgeschickt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Müllers ihren Vertrag auch noch nicht gekündigt. Dies geschah erst fünf Tage nach Rechnungslegung. Aus Sicht der Müllers war "die Rechnung eine Frechheit". Aus Sicht von Grauer dagegen war es eine Entlohnung für die Rohinstallation: "Die Fertigstellung der Fußbodenarbeiten und die Endinstallation von Sanitär und Elektrik, also der Einbau von Schaltern und Wasserhähnen wäre erst mit der nächsten Rate fällig gewesen." So sieht Grauer auch keinen Anlass, den erhaltenen Betrag zu erstatten.

Inzwischen ist das Girokonto der Müllers um mehrere zehntausend Mark im Minus. Die Zinsen für Überziehungskredite betragen über 12 Prozent. Die Bank war zynisch genug, ihrem Kreditnehmer in einem Brief einen Bärendienst anzubieten: "ein neues Darlehen von der BBBank eG zu günstigen Konditionen (aber) nur dann, wenn auf die Klageerhebung verzichtet wird." Doch kampflos mag Uwe Müller das Feld nun auch nicht mehrräumen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!