Zeitung Heute : Bayer: Mutterglück

Thomas Loy

Kam der Gestiefelte Kater nach Leverkusen. Fragte die Menschen: Sagt mir, wem gehört dieser schöne Park mit dem feinen Schloss darin? Der Zauberin, mein Herr. Und diese schöne Arena mit dem glatt rasierten Rasen? Auch die, mein Herr, gehört der Zauberin. Und dieses große Werk hinter der efeubewachsenen Mauer? Und dieses schöne Schwimmbad? Und das Erholungshaus, die Bürgerhalle, der Japanische Garten, das Kaufhaus und die Reitanlage? Da nickten die Menschen nur noch, schürzten die Lippen, um bald darauf zu lächeln. Und der Gestiefelte Kater nahm sich vor, die Zauberin zu überlisten ... Hier die Auflösung: Die Zauberin, das ist der Chemieriese Bayer. Mutter Bayer, wie man in Leverkusen sagt. Hinter dem Gestiefelten Kater stecken natürlich die Amerikaner.

"Alles Politik", fasst Achim aus Oberschlesien seine Erkenntnisse zusammen. Nach der Spätschicht sitzt er noch auf ein schnelles Kölsch in der "Trinkhalle" gegenüber von Tor 4. Für die Politik, die im Verborgenen wühlt, hat man als Deutsch-Pole ein feines Sensorium entwickelt. Die Amis, sagt er, wollen die Aktien drücken und Mutter Bayer dann billig aufkaufen. Wie kann sich ein Ami ernsthaft über Lipobay aufregen, wenn er mittags in seinen Burger beißt und abends Viagra schluckt?

Wenn Bayer hustet, liegt die Region bald im Fieber, sagen die Leute. Nun musste Bayer eine Pille schlucken, deren Nebenwirkungen noch gar nicht absehbar sind. 52 Menschen seien wegen der Einnahme des Cholesterinsenkers Lipobay gestorben, sagen amerikanische Anwälte und bereiten milliardenschwere Schadensersatzklagen vor. Die Bayer-Aktie stürzte ab, und plötzlich stand die gesamte Pharma-Sparte des Konzerns zur Disposition. Beginnt nach fast 140 Jahren Chemieproduktion im Rheinland jetzt ein langsames Siechtum? Ist Mutter Bayer bald zu schwach, um ihre Kinder zu versorgen? Die Chemiestandorte Wuppertal, Uerdingen und Dormagen?

Die Wacht am Rhein

Alimentiert wird vor allem Leverkusen mit seinen 160 000 Bewohnern. Dort liegen die Konzernzentrale und das größte Bayer-Produktionswerk mit 28 000 Mitarbeitern. Ohne Bayer hätte es Leverkusen nie gegeben. 1930 vereinten sich Werkssiedlungen und umliegende Gemeinden im Namen des Chemikers Carl Leverkus. Die "Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co" hielten da schon 40 Jahre lang die Wacht am Rhein.

Das Rathaus von Leverkusen entstand erst in den 70er Jahren. Grünes Blech außen, innen silbern-weiße Kassettendecken und orangen farbener Teppichboden - nicht am Boden, an der Wand. Oberbürgermeister Paul Hebbel zieht eine Landkarte wie ein Rollo herunter und spielt mit dem Zeigestock Erdkundelehrer. Mitten durch das Bayer-Werk und den Carl-Duisberg-Park verläuft eine Linie. Die Grenze zu Köln. Der weitaus größere Batzen der dunkelgrauen Fläche fällt zum Glück in Hebbels Zuständigkeit. Ohne Bayer wäre die Stadt ein Torso. Mit der Chemieindustrie habe man "unendlich viele gute Jahre" erleben dürfen, sagt Hebbel. Es war eine schöne Zeit, in den 70ern und 80ern, als Bayer den Gewerbesteuertopf regelmäßig bis zur Hälfte füllte.

Christdemokrat Hebbel kam leider erst 1999 ans Ruder. Da fielen die 84 Millionen, die in jedem Jahr überwiesen werden, plötzlich aus. Einmalige Pensionsrückstellungen. Das Wort Haushaltsperre wurde in den amtlichen Sprachschatz eingeführt. Bisher kannte man nur den "Leverkusener Standard": Sport-, Kultur- und Freizeitangebote zum Vorzugspreis der "Bayer-Kulturabteilung". 14 Angestellte verfügen dort über einen Etat, dessen Höhe streng vertraulich behandelt wird. Zumindest ist er höher als der vergleichbare Budgetposten der Stadt, vermutet Hebbel. Die Kulturabteilung veranstaltet Konzerte, Theateraufführungen und managt die diversen Klangkörper des Konzerns: die Bayer-Philharmoniker, das Bayer-Blasorchester, die Bayer Big Band, das Mandolinen-Orchester, das Akkordeon-Orchester und diverse Chöre. Daneben betreibt der Chemieriese Restaurants, Sportanlagen, Dutzende von Hobby-Vereinen und einen Bundesliga-Club - Bayer 04 Leverkusen ist eine 100-prozentige Tochter der Bayer AG.

In Leverkusen sind die Arbeiter und Rentner reicher als anderswo, leben in günstigen Werkshäusern mit schnuckeligen Gärten. Dass Bayer jetzt weniger Geld in die Pipeline nach Leverkusen schicken könnte, glaubt Hebbel nicht. Die paar Millionen Nachbarschaftshilfe fallen bei einem Konzernumsatz von 60 Milliarden Mark nicht weiter ins Gewicht. Der Oberbürgermeister, unken manche, ist so was wie ein Bayer-Abteilungsleiter für Soziales und Infrastruktur. Mit dem Werksleiter trifft er sich öfter, um anstehende Projekte zu besprechen. Es versteht sich von selbst, dass der eine dem anderen nur Gutes wünscht. Hebbel findet die Attacken gegen Mutter Bayer ziemlich unfair. Er nimmt selbst ein cholesterinsenkendes Mittel, "zufällig nicht Lipobay". Auf dem Beipackzettel sei alles vertreten, was die Pathologie hergibt, von Hirnbluten bis Impotenz. Da müsse man eben aufpassen beim Pillenschlucken. Wenn Firmen wie Bayer kaputtgeklagt würden, sei ganz schnell Schluss mit dem medizinischen Fortschritt.

Von Hebbels Rathaus ist es nur eine Zigarettenlänge bis zum Haus mit Garten von Monika Kumm. "Kolonie II", ein Familienparadies mitten in der Stadt, von Bayer erbaut, als der Kaiser noch regierte. Mit einer Freundin sitzt Frau Kumm in der Nachmittagssonne. Die Männer sind auf Schicht. Lipobay? "Dat kann doch jedem mal passieren." Bayer-Krise? "Längst abjehakt. Bis jetzt haben wir noch allet bekommen, wat wir wollten." Klar, so wie früher bei Bayer, von der Wiege bis zur Bahre, mit üppigen Zulagen, jährlichem "Karnevalsgeld" und Betriebskita, ganz so ist das nun nicht mehr.

Zwei Straßen weiter trödelt ein Bayer-Frührentner nach Hause. Schneller geht nicht, sagt er. "Drei Bypässe, mit Herzstillstand." Dem Kampfgeist des ehemaligen Feuerwehrmanns hat die schwere Operation nicht geschadet. Ansatzlos fällt er über den Bayer-Vorstandschef Manfred Schneider her. "Der wird alles kaputt machen." Das Werk werde langsam ausgetrocknet, Stellen würden nicht neu besetzt und Abteilungen in Tochterunternehmen oder Joint Ventures umgewandelt. Da müsse man sich über Pannen wie bei Lipobay gar nicht lange wundern. Bayer-Pillen boykottiert der Rentner strikt. Und Bayer-Aktien? "Ich möchte bekloppt sin." Sein Igelkopf ist jetzt puterrot. Fast ist er schon im Haus, da kommt er noch mal retour. "Die haben alle Schiss, wat zu sagen, im Werk, wegen der Arbeitsplätze." Die sind sicher bis 2004, sagt die Konzernleitung. Und dann? Ein bisschen Schiss hat der Frührentner jetzt auch, wegen der Betriebsrente. Seinen Namen mag er nicht verraten.

Nicht repräsentativ, diese Kritik, da ist sich Bayer-Werksleiter Ludwig Schmidt absolut sicher. Es gebe genügend Umfragen, die das belegen. Schmidt residiert in Gebäude Q 26, einem von 600 auf dem 3,4 Quadratkilometer großen Werksgelände, einem der größten Chemiestandorte in der Welt. Q 26 ist ein Herrenhaus mit marmorgetäfelter Freitreppe, Bronzebüsten berühmter Chemiker und einem Porträt Carl Duisbergs, dem Urvater der deutschen chemischen Industrie. Gemalt von Max Liebermann. Mit Lipobay habe der Standort gar nichts zu tun, erklärt der Werksleiter. Betroffen vom allgemeinen Imageschaden ist er natürlich trotzdem. Die Berichterstattung sei "teilweise unfair", sagt Schmidt. Dabei investiert gerade Bayer so viel Geld in den fairen Wettbewerb auf den Sportplätzen. In den fairen Wettbewerb auf den Medienplätzen darf man ja leider nicht investieren. Zumindest nicht so direkt.

Auf den Wirtschaftsplätzen gibt es schon lange keine Fairness mehr. Dennoch: Wegen dieser bitteren Lipobay-Pille müsse die Sportstadt Leverkusen nicht gleich um ihren großen Mäzen fürchten. Gerade entsteht eine neue Halle für die Leichtathleten. Darum hatte der TSV Bayer 04 gebeten, einer der größten Sportvereine der Bundesrepublik. Bayer gab dann 16 Millionen Mark, Bund und Land 15. So musste die Stadt nur noch drei Millionen drauflegen. So geht das hier schon seit Jahrzehnten. Wenn Bayer kein Geld gibt, halten die Kämmerer ihre Schatullen auch verschlossen. "Im Fazit versteht man sich schon noch als Mutter Bayer", sagt Schmidt, auch wenn die Mutter von ihren Kindern heute mehr Selbstständigkeit verlangt.

Das Licht im Fenster

Dass Bayer mal geschluckt wird, Werke geschlossen werden, auf dem uralten Industriegelände in Leverkusen mit seinen Backsteinbauten und kilometerlangen Rohrbrücken irgendwann mal keine Chemie mehr stattfinden könnte, sprengt die Vorstellungskraft des Werksleiters. "Das hier ist auf Dauer."

Der Himmel wird dunkel. Zeit für Mutter Bayer, ein Licht ins Fenster zu stellen. Es ist groß und rund, bestehend aus eintausendsiebenhundertundzwölf 40-Watt-Glühbirnen, aufgereiht in einem unsichtbaren Spinnennetz: das Bayer-Kreuz - ein Firmenlogo, das gleichzeitig als Wahrzeichen der Stadt dient, solange es Nacht ist. Stark und kräftig leuchtet das "Kreuz des Westens" seit fast 70 Jahren über Werk und Stadt. Über Bayer-City.

Man hat sich in der Werkstadt Leverkusen häuslich eingerichtet, lebt ohne schwere Sorgen, treibt Sport und trinkt Bier. Wer mehr möchte, fährt in eine richtige Großstadt wie Köln. Da ist man Mutter Bayer mal für einen Tag los, ärgert sich aber bald über hohe Eintrittspreise und schlechte Straßen. In der Trinkhalle spendiert Achims Kumpel Holger noch eine Runde Früh-Kölsch, die Flasche für Zweifuffzich. Er würde sofort abhauen aus Leverkusen, zu seiner "Perle" nach Berlin. In Dahlewitz hat er mal angefragt, in einer kleinen Chemie-Klitsche. Nur leider verdient er in Leverkusen netto mehr als in der Klitsche brutto: 3500 Mark. Dann bleibt er eben bei Mutter Bayer, die so gut für ihre Kinder sorgt. Trotz alledem. Die Spätschicht beginnt morgen wieder um zwei.

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