Zeitung Heute : Bayerischer Wald: Mächtiges, dunkles Wäldermeer

Ilse Tubbesing

Verfechter eines so genannten sanften Tourismus glauben, dem Reisen so seinen Zauber zurück geben zu können. Eine Landschaft, die sich für solcherart Urlaub bestens eignet, ist der Bayerische Wald, gen Osten, jenseits der Grenze, schon übergehend in den Böhmerwald. Ein mächtiges, dunkles Wäldermeer, immer noch das größte des ganzen Abendlandes, nur unterbrochen von einzelnen Siedlungen, die wie helle Inseln im Wiesengrün, zwischen Seen und Hochmooren lagern. Georg Britting schrieb: "Dies ist nicht ein Wald wie sonst einer, es hat ihn in seiner schwarzen Gestalt noch keiner gemalt wie er ist." Schiller siedelte seine "Räuber" in diesem düsteren Zauberreich an, und Adalbert Stifter schrieb seine herzzerreißende Erzählung "Der Hochwald".

Zugegeben, heute gibt es Urlaubsorte im Bayerischen Wald, die ausgemacht touristischen Charakter haben. Man denke nur an Bodenmais. Doch der Gast hat ja die Wahl. Mancher wird die heimeligen Ortschaften im Wald- und Wiesengrün vorziehen. Behagliche, kleine Städtchen wie Hauzenberg im südöstlichen Teil des Waldes. Die Kirche stammt aus spätgotischer Zeit, der große Badesee, der "Lido" der Region, ist jüngeren Datums. Angelscheine gibt es an Ort und Stelle. Und Wanderwege sonder Zahl.

Der besondere Reiz dieses südöstlichen Teils des Waldes? Von hier geht ein weiter Blick über Wiesen und Berge, über Dörfer und Seen ... mit leichter Übertreibung könnte man sagen: bis hinauf nach Waldkirchen, Freyung und Grafenau - hundert Meilen weit in der Runde. Für den Großstädter, der hier zu Gast ist, fast eine Offenbarung. Aussichtstürme, da und dort, sind der beste Schlüssel zu diesem Erlebnis.

Von Freyung aus führt ein einsames Sträßchen durch den Weiler Mauth und weiter, geradewegs ans Ende der Welt (möchte man glauben) nach Finsterau, im Winter schneereichster Ort der ganzen Region. In der Nähe ist auf einem Hochplateau auf großem Gelände ein Freilichtmuseum entstanden, an schönen Sommer- und Herbsttagen des Volkes wahrer Himmel. Nicht nur, weil es Kinderspielplätze gibt am Rande der wieder aufgebauten, geraniengeschmückten Bauernhäuser, auch weil man unter Bäumen in einem urigen Straußenwirtshaus sitzt, bei deftiger Brotzeit und fröhlicher Kommunikation. Eintrittskarten gelten mehrere Tage.

Dann aber steht einer der großartigen Aussichtsberge auf dem Programm. Der Urlauber könnte sich für den Dreisesselberg entscheiden (1312 m) nicht zuletzt, weil er Stifters Lieblingsberg war, zum anderen vielleicht aber auch, weil man mit dem Auto ziemlich weit hinaufgelangen kann. Von Waldkirchen oder von Freyung nach Frauenberg, bis hinauf zum Parkplatz. Das letzte Stück gilt es, zu Fuß zu bewältigen, teilweise unmittelbar an der Grenze gen Osten entlang. Hoch droben dräuen die eigenwilligen Türme des Dreisessels aus grobkörnigem Granit. Der höchste Turm ist problemlos zu erklimmen. Hier oben - so nahm Adalbert Stifter an - sei in uralter "Heidenzeit" die Grenzlegung erfolgt. Von hier geht es ein Stück nordwärts bis zum Hochstein (1332 m) zum acht Meter hohen Gipfelkreuz, das über ein schier endloses Meer von Wäldern hinüber nach Böhmen grüßt.

Schließlich aber erwartet den Urlauber am Rande des Waldes noch ein "Paukenschlag", den er nicht versäumen sollte. Ein Glanzlicht sondergleichen: Das ist die Stadt Passau, von der Alexander von Humboldt versicherte, sie sei eine der sieben schönsten Städte der Welt. Und er musste es wissen, denn er war ein weitgereister Mann.

Passau - das deutsche Venedig. An den Flüssen Donau, Inn und Ilz gelegen. Eine Stadt mit wechselvoller Geschichte. An der Landspitze zwischen den Flüssen spielte sich immer Geschichte ab. Die Kelten kamen, später die Römer. 739 begann von hier aus die Missionierung des Ostens. Der Klerus bestimmte das Leben der Stadt. Weitgehend auch noch heute. Im berühmten Dom steht die größte Kirchenorgel der Welt. Diese Stadt, Humboldt hatte Recht, ist traumhaft schön. Das wissen auch die vielen Touristen, die aus aller Welt hierher kommen. Mit den großen, noblen Ausflugsschiffen über Donau und Inn zu gleiten, das gehört auch bei den Besuchern aus Japan, Großbritannien und den USA ins Programm. Die Kreuzer auf dem Fluss gehören nicht nur deutschen Reedern, vielmehr auch Holländern, Schweizern, Österreichern, Bulgaren und Ukrainern. Das Geschäft ist rentabel.

Zum Schönsten gehört es, abends, wenn man viele Gassen und Stege hinaufgestiegen und die alte Stadt erkundet hat, unter dem Blätterdach der Bäume, auf einer Terrasse, hoch über dem Fluss an der Donaulände zu sitzen, beim abendlichen Mahl, und seinen Gedanken nachzuhängen. Drunten gleiten die Schiffe vorbei, Leben und Treiben am großen Strom. Hoch über dem jenseitigen Ufer die Feste Ober- und Niederhaus, Baubeginn um 1219. Ganz drunten am jenseitigen Donauufer die Spielzeuggalerie der Häuser über dem Fluss. Keines gleicht dem anderen, himmelblau und blassrosa, gelb und hellgrün - alle mit dem Gesicht zum Wasser, schmalbrüstig, viergeschossig. Den Architekten unterlief kein Schönheitsfehler!

Da sitzt man unter dem Blätterdach auf der Gasthausterrasse, hoch über dem Fluss und denkt ergeben: Deutschland! Humboldt und Stifter, beide hatten Recht.

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