Bayern-Training : Servus, FC Hollywood

Zum öffentlichen Training des FC Bayern reisen die Fans in Massen an. Damit könnte in der nächsten Saison Schluss sein. Der vielleicht letzte Besuch einer der größten Münchner Sehenswürdigkeiten.

Marc Baumann

Das Mädchen hat tapfer gekämpft, und es hätte nicht mehr lange durchhalten müssen, aber dann war sein Kreislauf doch nicht so stark wie die Liebe zum FC Bayern. Die heiße Frühlingssonne, das Geschubse von hinten, vorne ein Absperrgitter im Bauch, da ist es einfach umgekippt. Eine Trage und zwei Rotkreuzhelfer – das Ende eines Teenagertraums.

Es gibt nicht viele Münchner Sehenswürdigkeiten, vor denen Besucher bis zur Ohnmacht ausharren, eigentlich nur eine: die Säbener Straße 51.

Das blonde Mädchen hat durchaus etwas verpasst, darum hier die Ereignisse vom Mittwochvormittagtraining des neuen, des ewigen Deutschen Meisters FC Bayern München in Kurzform: Spielmacher Franck Ribéry spritzte drei Journalisten, Mitspieler Oliver Kahn und Luca Tonis Übersetzer mit Wassereimern nass; Oliver Kahn gab noch mehr Abschiedsinterviews, sprach sich aber gegen ein Oliver-Kahn-Denkmal in München aus; Miroslav Klose musste seltsame Konditionsübungen mit einem Gummiseil absolvieren und konnte seine Unlust nicht verbergen; Bastian Schweinsteiger hat ausgiebig Autogramme geschrieben und wäre von hunderten begeisterten Schülern (Pfingstferien) beinahe taub gekreischt („Schweiniiiii!“) worden; Lukas Podolski ist lieber gleich heimgefahren.

An einem schönen Tag kommen genauso viele Besucher in die Säbener Straße wie in die Residenz oder die Pinakothek der Moderne. „Ein Training in den Ferien vor 4000 Leuten ist wie ein Tollhaus“, sagte Oliver Kahn neulich. „Im Sommer ist der Geräuschpegel hoch“, klagte Trainer Ottmar Hitzfeld. Beide verbindet keine große Freundschaft mit Jürgen Klinsmann, aber mit diesen Aussagen haben sie ihm den Rücken gestärkt. Klinsmann, der künftige Trainer des FC Bayern, würde gerne unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren. Das ist bei Spitzenvereinen keine Seltenheit. Bei Real Madrid dürfen Fans nur die ersten 15 Minuten des Warmlaufens beobachten, beim FC Chelsea London verhindern Wachleute gleich jeden Blick aufs Übungsgelände. Der AC Mailand trainiert in einem mit Überwachungskameras und hohen Zäunen gesicherten Waldstück 50 Kilometer entfernt von Mailand, beim FC Valencia ließ man kürzlich eine Betonmauer als Blickschutz bauen. Werder Bremen und der Hamburger SV überlegen, die Fans draußen zu lassen. Bremens Coach Thomas Schaaf fand dafür eine überraschende Begründung: Spieler hätten vor vielen Zuschauern Hemmungen, Neues auszuprobieren. „Nach dem Motto: Wenn ich jetzt eine Schwäche zeige, dann lachen alle über mich“, so Schaaf.

An diesem Mittwoch beim FC Bayern war nichts Peinliches zu sehen, Blamagen muss Klinsmann bei einem Kader voller Nationalspieler nicht fürchten, er hat auch anderes im Sinn: Ruhe. Man hatte schon befürchtet in München, dass der erklärte Modernisierer des deutschen Fußballs keinen Stein auf dem anderen lassen würde. Jetzt macht Klinsmann das wortwörtlich: Das Vereinsrestaurant „Insider“, in dem die Zuschauer im Wintergarten mit Blick auf den Trainingsplatz ihre Bayern zu Weißwurst und Weißbier genießen konnten, muss weichen. „Sie reißen mir das Herz heraus. Auch die Fans verlieren ein Stück Heimat“, sagt Wirtin Erika Niemeyer. Die Räume werden zum Erholungsbereich umgebaut, samt Tischkicker, Spielkonsolen und Schlafgelegenheiten. Bislang fahren die Profis nach dem Training nach Hause, „daheim pflege ich meinen Körper“, wie Mittelfeldspieler Andreas Ottl es so schön ausdrückt, künftig sollen die Spieler einen Achtstundentag an der Säbener Straße 51 haben. Rundumbetreuung vom Frühstück bis zum Nachmittagstee, Training, Massagen, Besprechungen, alles vor Klinsmanns Augen und nicht denen der Fans.

Zumindest einen kleinen Teil der Stadt würde die Abschottung freuen: Die Bewohner der Säbener Straße müssten ihre Parkplätze nicht mehr gegen Fans verteidigen. Die Vereinszentrale liegt im unscheinbaren Stadtteil Giesing, gegenüber von Häuschen mit gepflegten Vorgärten, bestes Gartenzwergrevier, die nächste Kneipe heißt „Der zünftige Wirt“, das Lokal „Poseidon“ lockt mit preiswerten Fleischplatten. Hier thront der FC Bayern auf 70 000 Quadratmetern, mit vier Sportplätzen, Mehrzweckhalle und Verwaltungsgebäuden, allesamt rot-weiß in Vereinsfarben gehalten. Hinter verspiegelten Fenstern ist vom Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge im ersten Stock über die Umkleiden im Erdgeschoss bis zum Schuhputzer namens Lawrence im Waschkeller der gesamte Klub zu Hause. Und die Fans: Selbst wenn die Stars frei haben, kommen sie. Und fotografieren den leeren Fußballplatz.

Auf die Idee, dass ihre Anwesenheit nicht nur für die Nachbarn, sondern auch für die Mannschaft eine Belastung ist, wären die meisten Fans nicht von alleine gekommen. „Wen störe ich denn hier?“, fragt Andreas Fischer, der im „Insider“ Schnitzel zu Pommes zu Weißbier isst und zweieinhalb Stunden Zugfahrt vom Bodensee bis nach München-Giesing auf sich genommen hat. Dabei fährt er schon jedes zweite Wochenende mit seiner Dauerkarte zu den Heimspielen.

Beleidigte Fans kann sich nicht mal der FC Bayern leisten, darum hat Manager Uli Hoeneß, der noch am ehesten im Verein den Mann von der Straße versteht, schwammig erklärt: „Es gibt noch keine Entscheidung, wie oft öffentliches Training ist und wie oft nicht.“ Weniger schwammig sagte Rummenigge: „Der Trainingsplatz ist für die Mannschaft und den Trainer da, das Stadion für die Fans.“ Es wird überlegt, öffentliche Übungseinheiten in die Allianz-Arena zu verlegen. Damit wäre der Verein für seine Fans endgültig aus dem Stadtleben verschwunden. Früher spielten die Bayern im Olympiastadion, dann zog man in die Arena an den Stadtrand, nach Fröttmaning, zuvor vornehmlich bekannt für einen großen Müllberg neben der Autobahn A 9.

Die Säbener Straße mag etwas trist wirken, aber hier hat der Verein sein letztes Stück Bodenhaftung. Links von der Vereinszentrale lädt der Turnerbund München zum Aerobic-Kurs, rechts, Zaun an Zaun mit den Profis, kicken die Amateure von „Weißblau Sechzgerstadion“, Anhänger des Stadtrivalen TSV 1860 München. In der Pfarrei „Heilige Familie“ sucht der Chor Mitglieder, im Gemeindehaus am Wettersteinplatz treffen sich die Anonymen Alkoholiker, es gibt hübsche Spazierwege und im Winter einen Schlittenberg.

Der Kleinbürgercharme der Säbener Straße konnte die Fußballmillionäre nie anziehen, die Spieler wohnen traditionell im Nobel-Stadtteil Grünwald. Doch die Fundamente des FC Bayern sind hier: Nicht weit entfernt ist der TSV 1860 München zu finden, Franz Beckenbauer wuchs gleich um die Ecke auf, als Straßenfußballer aus einfachen Verhältnissen. Dass der FC Bayern im Arbeiterviertel Giesing zu Hause ist, liegt an der Geschichte des Vereins. Früher spielten beide Vereine im „Stadion an der Grünwalder Straße“, zehn Gehminuten vom jetzigen Trainingsgelände des FC Bayern. Bis heute spielen hier die Regionalligamannschaften beider Vereine, hier lebt der Charme des 60er-Jahre-Fußballs, die Toranzeige wird per Hand bedient – das Gegenstück zur Allianz- Arena, auch „Kommerz-Arena“ genannt.

Im Vorstand des FC Bayern sieht man die VIP-Gäste gerne als Zukunft des Vereins und wundert sich zugleich über die immer leiser werdenden Fangesänge. Die Arena kann der FC Bayern mit Zuschauern aus dem Umland leicht füllen, anders als der Stadtverein TSV 1860. Aber das Münchnerische am FC Bayern München ist kaum mehr auszumachen.

„Die Nähe zu den Fans ist eine Philosophie unseres Klubs, wie sie kaum anderswo in Deutschland und Europa so gelebt wird. Daran wird sich nichts ändern“, sagt Rummenigge, dabei gilt gerade er vielen als Antreiber der Entfremdung vom einfachen Fan.

Zaungäste wie Andreas Fischer nehmen anderes war, etwa den nahezu fertigen dreistöckigen Anbau des FC Bayern ans Vereinsgelände: 95 Meter lang, zehn Meter hoch, von der „Süddeutschen Zeitung“ als „ostrumänisches Teppichlager“ verspottet. Darunter verbirgt sich eine Tiefgarage mit über 270 Stellplätzen. Neben einer Arztpraxis wird es Mitarbeiterbüros, einen größeren Fanshop und ein Servicecenter geben, alles „im Sinne der Fans“, wie man beim Verein betont. Die befürchten jedoch, dass ihre Stars künftig direkt aus dem Kabinentrakt in die Tiefgarage zum Auto gelangen, was jeglichen Autogramm- oder Fotowunsch zunichtemachen würde.

Dabei war der oberirdische Parkplatz der Stars stets eine Hauptattraktion. Wie parkt man elf breite Sportwagen auf einem Parkplatz, der mit sechs Kleinwagen schon voll besetzt wäre? Die Frage stellte sich auf dem Vereinsgelände jeden Tag, und die Antwort lautet immerzu: Es geht nicht, aber Spieler und Trainer machen es trotzdem. Nacheinander fahren an diesem Vormittag vor: Oliver Kahn, Lukas Podolski, Luca Toni, Mark van Bommel, Daniel van Buyten, Franck Ribéry, Martin Demichelis, Ottmar Hitzfeld, Michael Henke, Zé Roberto, Bastian Schweinsteiger. Am Ende stehen die Autos kreuz und quer, wer hinten parkt, lässt sich beim Duschen nach dem Training besser sehr, sehr viel Zeit. Auf dem Gelände gibt es natürlich genug Stellplätze für alle. Aber nur wenige vor der Umkleidekabine, direkt neben dem Trainingsplatz. Darum bildet dieser Ort so schön die Hackordnung in der Mannschaft ab: Weil ein Oliver Kahn ganz vorne sein Auto abstellt und ein Martin Demichelis vier Ordner ignoriert, die mehrsprachig auf den längst überfüllten Stellplatz hinweisen, aber ein Jan Schlaudraff, der gerade verkauft wurde, muss um die Ecke parken. Das kann eine Strafe sein, wenn hunderte Fans hinter Absperrgittern auf Autogramme warten. An ihnen muss jeder Bayern-Spieler vorbei. Am besten geht das mit dem Auto mit getönten Scheiben. Wenn man zu Fuß zur Umkleidekabine geht, mitten durch die Fans, dann wird gekreischt und gebettelt, bis es Unterschriften gibt, auf Schals, Mützen, Trikots, Poster, Schreibblöcke, Fotos, Zeitungsartikel, Anziehsachen, auf die Hand oder gleich auf den Bauch. Fast zwei Stunden dauert es, bis Training und Duschen beendet sind und sich das Spektakel dem Ende neigt. Ein Teil der Profis schreitet gnädig eine Runde vorbei an den Fans, gleich dahinter ein dicker, übellauniger Ordner, der selbst Kinder anbrüllt, „gefälligst zurück mit euch, Platz da!“. So nah wie an der Säbener Straße 51 kann man Fußballstars anderswo kaum kommen. Das macht den Reiz aus, und das macht es so anstrengend.

Zwei, die den täglichen Rummel irgendwann nicht mehr ertragen haben, findet man nur 50 Meter entfernt, an der Säbener Straße 49, im Keller eines unscheinbaren Hauses, der Kegelabteilung des FC Bayern. Dort sitzt Gerd Müller, der WM-Held von 1974, und spielt mit alten Männern Karten, auf der Kegelbahn wirft Mehmet Scholl, Publikumsliebling bis zu seinem Abschied letztes Jahr, Kugel um Kugel. Beide, Müller und Scholl, reden nicht mehr mit Journalisten und meiden jegliche Fanansammlungen. Inmitten bierbäuchiger Hobbysportler erholen sie sich von einem gemeinsamen Trauma: dem FC Bayern München.

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