Zeitung Heute : Bayern und Thüringen glücklich vereint

Benedikt Voigt

Was ist nicht alles geschrieben worden über das Verhältnis zwischen Anni Friesinger und Claudia Pechstein. "Zicken-Alarm", "Busen-Neid". Dass sich die beiden Goldmedaillengewinnerinnen aus dem deutschen Eisschnelllaufteam nicht leiden können, hat Gründe. Einer ist, dass beide vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Während Pechstein in der Öffentlichkeit zurückhaltend reagiert, hat es den Anschein, dass Anni Friesinger erst redet und dann nachdenkt. Einen Grund aber hat die gegenseitige Abneigung nicht: Es ist kein Problem zwischen Ost und West.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Walther Tröger sagt: "Höchstens zwischen Bayern und Thüringen." Auch das kann es nicht sein, denn Claudia Pechstein kommt aus Berlin. Aber vielleicht meint er auch eher das gesamte deutsche Olympiateam. Zwölf Jahre nach der Vereinigung spielt die Herkunft darin keine Rolle mehr. Die zehn Goldmedaillen, die Deutschland bis zum Freitag errungen hatte, teilten sich Sportler aus dem ehemaligen Osten und Westen Deutschlands redlich auf. Vier Goldmedaillen gingen in den Westen, drei in den Osten. Und die drei Mannschaftsmedaillen lassen sich nur schwer zuordnen. Jeweils zwei Sportler stammen aus dem Osten und zwei aus dem Westen. Der Erfolg der Deutschen hat jedoch durchaus etwas mit beiden politischen Systemen zu tun. "Wir profitieren noch ein bisschen von dem Sportsystem der DDR", sagt Tröger. 33 Medaillen hatte Deutschland bereits bis zum Freitag errungen, vier mehr als in Nagano 1998.

"Wintersport ist auch eine Materialsache", sagt Tröger. Hier verließ sich die deutsche Olympiamannschaft auf neuentwickelte Sportgeräte aus dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin. Die Deutschen hatten vor allem im Skilanglauf von ihrem Material profitiert. Bei den drei Biathlon-Goldmedaillen und dem überraschenden Sieg in der Langlaufstaffel hatten die Deutschen jeweils den schnellsten Ski. "Wir hatten eine Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen wie noch nie", sagt der NOK-Präsident. Während sich der Erfolg beim Material noch erklären lässt, bleibt Tröger bei einer anderen Statistik ratlos: "Warum bei den Norwegern fast nur Männer die Goldmedaillen holen und bei uns fast nur die Frauen, weiß ich auch nicht." Von zehn deutschen Goldmedaillen gingen sieben an die Frauen.

Und noch ein anderer Trend lässt sich bei der deutschen Mannschaft erkennen. Die Siege wurden in den klassischen Wintersportarten Bobfahren, Rodeln, Skispringen, Biathlon, Langlaufen und Eisschnelllaufen geholt. In den Trendsportarten Snowboard, Freestyle, Shorttrack oder dem wieder ins Programm aufgenommenen Skeleton laufen, springen und rutschen die Deutschen hinterher. Das mag auch am System der Sportförderung liegen, das die erfolgreichen Sportarten mit mehr Geld bedenkt. Kleine und junge Sportarten haben es schwer, nach oben zu kommen.

Die nordischen Sportarten profitieren insgesamt auch vom Geld, das der Fernsehvertrag der Skispringer mit RTL in die Kassen spült. Die Alpinen hingegen, eine einstige Kernsportart der (West-) Deutschen im Winter, verlieren an Boden. Nur Martina Ertl konnte mit einer Bronzemedaille heimkehren. Hilde Gerg, die sich im Super-G und in der Abfahrt Siegchancen ausgerechnet hatte, ging leer aus. Überhaupt schafften es fast alle deutschen Favoriten auf eine Goldmedaille nicht bis nach ganz vorne. Gerg blieb ohne Medaille, der Skispringer Sven Hannawald gewann im Einzelspringen nur eine Silbermedaille, und auch Ronny Ackermann schaffte es nicht. "Es gibt eben Menschen, die mit Druck besser umgehen können", sagt Tröger.

Sven Hannawald gewann immerhin mit der Mannschaft Gold. Der Skispringer personifiziert die vereinigte deutsche Olympiamannschaft am Besten. Geboren im ostdeutschen Erlabrunn, zog er mit 17 Jahren in den Schwarzwald. Nun wohnt er in Hinterzarten und spricht Schwarzwälder Dialekt. Hannawald ist ein Kind der Wiedervereinigung, die deutsche Olympiamannschaft von Salt Lake City auch.

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