BBI : Seit 100 Jahren heißt es in Berlin „Up, up and away“

In den Pionierjahren wurde die Fliegerei gelegentlich als grober Unfug geahndet. Doch schon bald entstand in Johannisthal der erste Flughafen Berlins.

Rainer W. During
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Berlin Johannisthal, die Geburtsstätte der deutschen Fliegerei, war seit 1919 Heimathafen der Deutschen Luft-Reederei. Bereits...Keystone Pressedienst

Die Berliner Flughäfen feiern in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Am 26. September 1909 wurde der Flugplatz Johannisthal mit einer internationalen Flugwoche eröffnet. Während in Schönefeld der neue Airport Berlin Brandenburg International seiner Vollendung in zwei Jahren entgegen geht, zeugt in Adlershof noch der historische Windkanal der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) von der großen Tradition.

Vor 100 Jahren sorgte die aufstrebende Fliegerei auch in Berlin für Aufsehen. Diverse Pioniere führten hier ihre fliegenden Kisten vor, selbst Orville Wright startete vom Tempelhofer Feld aus zu Rundflügen. Für den sich abzeichnenden Bedarf nach einem festen Hauptstadt-Flugplatz wollten die Militärs ihr dortiges Exerziergelände allerdings nicht hergeben. Vorausschauend pachtete der Bauunternehmer Arthur Müller von der preußischen Forstverwaltung ein rund drei Quadratkilometer großes Waldgebiet zwischen Johannisthal und Adlershof. Wie groß das Interesse auf höchster Ebene war, bewies die Tatsache, dass vom Kriegsministerium Soldaten zur Rodung des Areals abgestellt wurden.

Einen Tag nach der Eröffnung des Flugplatzes gab es bereits eine Sensation und einen Eklat zugleich. Der Franzose Hubert Latham, der auf dem Tempelhofer Feld Schauflüge für das Kaufhaus Wertheim veranstaltete, startete zum ersten deutschen Überlandflug, der in 14 Minuten über Britz nach Johannisthal führte. Weil es für ein solches Unterfangen noch keine gesetzliche Grundlage gab, erhielt er von der Polizei ein Strafmandat wegen „groben Unfugs“.

Ab 1910 siedelten sich unter der neuen Leitung des Luftschiffers Georg von Tschudi nahezu alle großen Flugzeugkonstrukteure in Johannisthal an. Bei den zahlreichen Schauveranstaltungen kam es immer wieder zu tödlichen Abstürzen, weshalb der junge Bund Deutscher Flugzeugführer bereits 1912 mit einem Pilotenstreik die ständige Anwesenheit medizinischen Personals durchsetzte.

1919 schließlich war Johannisthal die Wiege des Luftverkehrs. Die Deutsche Luftreederei nahm als Vorgänger der Lufthansa erste Post- und Passagierflüge nach Weimar auf, bald betrieb man mit Wettbewerbern wie dem Deutschen Luft-Lloyd. Luftverkehr Sablatnik und Rumpler-Luftverkehr ein umfangreiches Streckennetz.

Doch Johannisthal lag damals, wie der Berlin sagt, „jwd“, also „janz weit draußen“. Das erweis sich als Nachteil, als beispielsweise der Haushaltsausschuss abends von einem Besuch aus Leipzig zurückkehren wollten, hatte es von dort keinen Anschluss mehr in die Stadt gegeben. Also ließ der damalige Stadtbaurat Leonard Adler auf dem inzwischen vom Militär geräumten Tempelhofer Feld Laternen aufstellen und die fünf Flugzeuge dort landen.

Damit war der Nachweis für den Bedarf eines stadtnahen Flughafens erbracht. Am 8. Oktober 1923 wurde der neue Zentralflughafen auf einem Gelände eröffnet, das ursprünglich als Standort für die Berliner Messehallen vorgesehen war. Das Ausstellungsgelände samt Funkturm entstand daraufhin an der Masurenallee. Der neue Airport nahm einen rasanten Aufschwung und so erfolgte bereits 1924 mit einem Startkapital von 500 000 Goldmark die Gründung der Berliner Flughafen-Gesellschaft (BFG). Johannisthal blieb Standort von Flugzeugfabriken und Sitz der DVL, die hier mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigte.

Wurden im ersten vollen Betriebsjahr, 1924, gerade einmal 1706 Passagiere gezählt, waren es 1925 schon 20 428. Zehn Jahre später galt der Flughafen als völlig veraltet und der Architekt Professor Ernst Sagebiel wurde mit dem Entwurf einer neuen, zukunftsträchtigen Anlage betraut. Am 4. Dezember 1937 wurde das Richtfest für den seinerzeit modernsten Flughafen der Welt gefeiert, während die alten Anlagen 1938 bereits exakt 247 453 Fluggäste bewältigen mussten.

Durch den Krieg kam es nicht mehr zu der für den 1. April 1939 vorgesehen Inbetriebnahme des „Kleiderbügels“, wie der Airport im Volksmund wegen seines halbrunden, 1230 Meter langen Hallentraktes genannt wird. Flughafendirektor Rudolf Böttger widersetzte sich 1945 dem Befehl der Nazis, den Gebäudekomplex angesichts der vorrückenden Roten Armee zu sprengen und beging Selbstmord. Mit der Teilung der Stadt durch die Siegermächte gelangte Tempelhof unter US-Hoheit, während die Briten den ehemaligen Wehrmachtsplatz in Gatow übernahmen und die Sowjets Johannisthal nur noch kurzzeitig bis zum Umzug nach Schönefeld nutzten, wo sich ein Werksflugplatz der Henschel-Flugzeugfabriken befand.

Während der alte Flughafen Tempelhof bei Bombenangriffen zerstört wurde, begann 1946 mit der Landung einer ersten Maschine der American Overseas Airlines im Neubau die Ära des alliierten Luftverkehrs in West-Berlin. Während der Luftbrücke entstand 1948 nunmehr auch im französischen Sektor der Stadt ein Airport, der Flugplatz Tegel. Während Tempelhof 1971 mit 5,5 Millionen Passagiere aus allen Nähten platzte, begann in Tegel-Süd der Bau neuer Abfertigungsanlagen. Weil die Passagierzahlen nach dem Abschluss des Transitabkommens stark zurückgingen und nur noch den Betrieb eines Airports rechtfertigten, wurde 1975 der gesamte Zivilluftverkehr nach Tegel verlagert. Am Zentralflughafen begannen erst 1982 die amerikanischen Tempelhof Airways wieder einen bescheidenen Regionalverkehr.

Erst nach dem Mauerfall sorgte der Verkehrsboom auch am Zentralflughafen wieder für Hochbetrieb. 1991 kamen Tegel und Tempelhof zusammen mit dem bisherigen DDR-Hauptstadtflughafen Schönefeld unter ein gemeinsames Dach.

1996 fiel der Beschluss zum Ausbau Schönefelds als neuem Single-Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) für die Hauptstadtregion. Gemäß der Planungen wurde Tempelhof am 30. Oktober 2008 trotz aller Proteste geschlossen. Bis zur BBI-Eröffnung trägt Tegel die Hauptlast des Verkehrs, im vergangenen Jahr 14,4 von 21,4 Millionen Passagieren, dann wird auch „TXL“ geschlossen.

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