Zeitung Heute : Be Berlin – be klimafreundlich

Die Hauptstadt hat einen Geheimplan – die Ziele des „Energiekonzeptes 2020“

Gut gedacht, gut gemacht. Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD, rechts) mit dem Bürgermeister von Toronto, David Miller, während der Inbetriebnahme einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Roten Rathauses im Juni. Insgesamt 160 Module mit einer Leistung von 38 KWp erzeugen hier zukünftig rund 36 Megawattstunden pro Jahr und sparen so 23 Tonnen Kohlendioxid. Die größte zusammenhängende Solaranlage in Berlin betreiben die Berliner Wasserbetriebe am Wasserwerk Tegel. Foto: dpa
Gut gedacht, gut gemacht. Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD, rechts) mit dem Bürgermeister von Toronto, David...Foto: picture alliance / dpa

Wenn es nur immer so einfach wäre wie in Berlin-Weißensee, Pistoriusstraße, Ecke Jacobsohnstraße: Auf den sanierten Blockrandbauten aus den 1920er Jahren glitzern Solarpaneele in der Sonne. Wer genauer hinschaut, entdeckt die sechs Blockheizkraftwerke, die in Kraft- Wärme-Kopplung (KWK) gleichzeitig Strom und Heizwärme für den Kiez produzieren. So wird das Erdgas optimal genutzt. Und dank der Solarmodule produziert die Siedlung sogar mehr Strom, als ihre Bewohner verbrauchen. Die Bewohner und die Wohnungsgenossenschaft Gewo Süd freuen sich über geringe Heizkosten sowie über einen günstigen Stromtarif. Den überschüssigen Strom verkauft die Berliner Energieagentur (BEA), die die Technik finanziert und betreibt. Laut ihrer Berechnung vermeiden die KWK-Anlagen etwa 318 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, die Fotovoltaik-Anlage bringt weitere 265 Tonnen CO2. Mit grundsolider Technik werden damit rechnerisch rund 100 Durchschnittsberliner „klimaneutralisiert“.

In Weißensee hat die BEA das getan, was sie auch dem Berliner Senat empfiehlt. Die zu je einem Viertel vom Land, der KfW-Bankengruppe sowie den Energieversorgern Vattenfall und Gasag gehaltene Agentur hat im Auftrag der Wirtschaftsverwaltung das „Energiekonzept 2020“ erstellt. Das bisher geheim gehaltene Papier liegt dem Tagesspiegel im Entwurf vor. Es zeigt, wie Berlin sein von Klaus Wowereit verkündetes Klimaziel erreichen kann, das lautet: 40 Prozent weniger Kohlendioxid-Ausstoß im Jahr 2020 gegenüber 1990. Gut 25 Prozent sind schon vollbracht – durch den industriellen Niedergang nach der Wende sowie dank effizienterer Kraftwerke und besser gedämmter Gebäude. Die weiteren Prozente werden immer schwieriger. Die größte Mühe sollen sich laut dem BEA-Konzept die privaten Haushalte geben, indem sie 2,6 von jährlich 4,7 Millionen Tonnen beitragen, die Berlins Klimabilanz noch abspecken muss. So soll der Heizbedarf – der größte Einzelposten beim Energieverbrauch – um etwa sieben Prozent sinken. Dafür müssen jährlich rund 10 000 Wohngebäude saniert werden statt bisher nur 2200. Gute Dämmungen rein, Kohle- und Ölheizungen raus, lautet die Faustregel. Zugleich soll der Anteil der Gasheizungen von 38 auf 44 Prozent steigen. Wobei dem fossilen Erdgas klimaneutrales Biogas beigemischt werden soll, das dann in hocheffizienten KWK-Anlagen wie jener in Weißensee zu Strom und Wärme gleichzeitig verbrennt. Die Technik eignet sich auch für Schulen und Unternehmen: Die leistungsstärkste Mikrogasturbine Berlins wärmt in der BVG-Werkstatt Seestraße das Wasser für die U-Bahn-Waschanlage.

Der Anteil der Fernwärme soll von 30 auf 33 Prozent wachsen und die Energieform dank der schrittweisen Umstellung der Kohlekraftwerke auf Gas und Biomasse ebenfalls klimafreundlicher werden. Parallel sucht Vattenfall zurzeit Lieferanten für die Biomasse – argwöhnisch beobachtet von den Grünen. Denn mit Holzschnitzeln aus Tropenwäldern wäre weder dem Klima noch dem Herkunftsland gedient.

Das größte Problem aber sind die Kosten. Alles in allem dürfte ein Milliardenbetrag zusammenkommen, den Hauseigentümer und Mieter schultern müssten. Vieles rentiert sich durch die Energieersparnis, aber eben nicht alles. Umweltsenatorin Katrin Lompscher will die Eigentümer über ihr Klimaschutzgesetz zum Handeln zwingen, indem sie Mindestanforderungen für den Energiebedarf der Gebäude und anteilige Nutzungspflichten für erneuerbare Energieträger wie Solarthermie vorschreibt. Doch der Gesetzentwurf ist selbst in der rot-roten Koalition umstritten, weil viele Abgeordnete steigende Mieten aufgrund der Modernisierungsumlage fürchten. Dass die schwarz-gelbe Koalition im Bund auch noch die einschlägigen Förderprogramme eingefroren hat, schreckt die Eigentümer zusätzlich ab.

Laut dem Energiekonzept sollen die Erneuerbaren 2020 knapp acht Prozent zum Heizenergiebedarf beisteuern. Aktuell liegt ihr Anteil bei nur 0,2 Prozent. Weil Sparsamkeit dem Klima immer noch am meisten hilft, soll auch der Stromverbrauch der Berliner um 15 Prozent auf 850 Kilowattstunden pro Jahr und Person sinken. Moderne Haushaltsgeräte, Beratung der Bürger und die Abschaffung von Standby-Stromfressern wie DVD-Playern oder Fernsehern ohne Ausschalter sollen’s bringen. Die öffentliche Verwaltung soll mit 20 Prozent weniger Energie auskommen, und der dann noch benötigte Strom soll mit 18 statt bisher zwei Prozent Öko-Anteil deutlich grüner werden.

Die meisten Bauchschmerzen bereitete den Studienautoren der Verkehr: Zum einen wächst dessen CO2-Ausstoß entgegen dem sonstigen Trend weiter, zum anderen lässt er sich besonders schwer beeinflussen. Ökostrom für die Bahn und eine Verkehrspolitik, die die Menschen von unnötigen Autofahrten abhält, gelten als Mittel der Wahl. Letzteres geht an die Adresse der Stadtentwicklungsverwaltung, die im Herbst den „Stadtentwicklungsplan Verkehr 2025“ vorlegen will. Dann wird sich zeigen, wie ernst der Senat das Energiekonzept nimmt, das er bestellt hat und nun unter Verschluss hält.

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