Zeitung Heute : Beau Frost

Dieser Winter wird grün? Klingt komisch, stimmt aber. Eine kleine Modeliste – von Esther Kogelboom.

Die Überschriften sind Songtitel gesungen von

VENUS IN FUR

So ein Pelz mit Satinbändern hält das Genick schön warm. Und die anderen verdrehen sich den Hals. Anna Loos hat beim Deutschen Fernsehpreis in Köln vorgemacht, wie schutzbedürftig jemand aussehen kann.

GREEN, GREEN GRASS OF HOME

Grün ist das neue Gelb. Die Farbe leuchtet auf Lidern, Jacken, Taschen, Stiefeln und Schals, in den Nuancen Quietsch und Frosch. Vorsicht, Grün strahlt nur bei einigermaßen gesunder Gesichtsfarbe Optimismus aus. Auch die Kombination mit Schwarz sollte tabu bleiben – Grün hasst scharfe Kontraste. Sogar die Königin von England kam von Kopf bis Fuß in Grün nach Berlin. In sehr elegantem Minzgrün!

THE LOOP

Schleifchen und Schleifen aller Größen und Formen passen diesen Winter fast überall hin – auf Schuhe, Jacken, Taschen, sie winden sich als Gürtel um schmale Taillen oder aus Silber um schlanke Hälse. Nur ins Haar gehören sie nicht. Wirklich nicht. Oder vielleicht erst im Winter 2005/06.

BOHEMIAN LIKE YOU

Schlaghosen verfingen sich in der Fahrradkette, Flokatiwesten verursachten bei der besten Freundin asthmatische Anfälle – und die Plateaustiefel haben sie uns in der chirurgischen Notaufnahme von den Knöcheln geschnitten. Diesen Winter kommt ein weitaus sanfteres Revival: die späten Sixties und frühen Seventies. Klamotten wie aus den Filmen „The Graduate“ oder „Love Story“, mit eingebautem Weichzeichner, perfekt für güldenes Herbst- und Winterlicht. Tweed, weiße Blusen mit Lochstickerei, Schößchenblazer, grob gestrickte Cardigans, die neuerdings das Gesäß halb bedecken dürfen, lange Lederhandschuhe, bunte Mützen mit Bommeln, Dufflecoats. Dazu trägt die Dame das Haar lang, der Mann Vollbart. New Bohemian, so nennt die „Vogue“ den Trend. Funktioniert nicht nur an der UCLA, sondern auch an der FU.

IN THE ARMY NOW

Geeigent zum Downdressing. Gut ist der Parka Second Hand, aber bitte die Deutschlandflagge vom Ärmel entfernen. Die Bundeswehr schließt Standorte. Wir tragen die ausgemusterten Parkas auf.

STRUCK A NERVE

Karl Lagerfeld, mit Verlaub, Sie nerven ein bisschen! Glauben Sie wirklich, dass Sie mit dieser preisgünstigen H&M-Kollektion und den Schlagringen an Ihrer Hand die Straße zurückerobern können? Das funktioniert so nicht, lieber Herr Lagerfeld: Zopf ab, am offenen Fenster durchatmen und öfter mal Leberwurstbrote essen.

LOVE SONG FOR A VAMPIRE

Die Rückkehr der wallenden Fledermausärmel – ein sicheres Zeichen dafür, dass der Clean Chic der 90er vorbei ist.

EVERYTHING THAT GLITTERS…

Wenn die Tage kürzer werden, entwickelt der Mensch eine seltsame Sehnsucht nach Glitter. Diesen Winter lohnt es sich, heimlich in Muttis Schmuckschatulle zu kramen: So absurd es ist, die Broschen kommen zurück. Man heftet sie sich ans Revers, an den petrolfarbenen Wollpullover (nur Magnetbroschen nehmen!), den Schal, sogar an die Tasche oder abends an einen Topträger. Je größer und auffälliger die Brosche funkelt, desto besser passt sie zu groben Tweedsachen.

APHRODISIAC JACKET

Die Chanel-Jacke in pastellfarbenem Hahnentritt-Muster und mit großen, runden Knöpfen passt am besten zu einer dieser neuen Jeans aus Los Angeles. Wer Buttons draufsteckt oder sich dazu schweren Goldschmuck um die Handgelenke schnappen lässt, will mit einer demonstrativen ironischen Attitüde auf sich aufmerksam machen. Es sei denn, man ist beim Pferderennen oder arbeitet als Verkäuferin bei Escada.

MAGIC’S IN THE MAKE UP

Sicher, leicht gerötete Wangen gehören in die Vorweihnachtszeit. Man bekommt sie von freudiger Erregung. Gibt’s keinen Grund zur Freude, hilft die Kosmetikindustrie. Sie schlägt den verstärkten Gebrauch von Blush („Rouge“ hat man früher gesagt) vor. Einer der beliebtesten Farbtöne: Dada Delight von Mac.

DOWN TO HER SOCKS

Das Comeback der Knickerbocker ist wahrscheinlich von der Strumpfindustrie lanciert worden. Wie sollte man sonst die neuen pinkfarbenen Strümpfe zeigen, wenn nicht zu unterhalb der Knie endenden Anzughosen? Kombiniert mit abgerundeten Pumps oder Peeptoes, sehen Knickerbocker richtig elegant aus. Dazu eine Adventsknickebein-Praline, Scones mit Konfitüre und ein Tässchen Earl Grey – zum High Tea muss man nicht unbedingt ins Grunewalder Schlosshotel.

THIRSTY DOG

Im Zuge des Punkrevivals gab es 2002 und 2003 viele Karos und Rauten in schrillen Farben auf bundesdeutschen Einkaufsstraßen zu besichtigen. Der Trend hält an, mit einer Korrektur: Die Rauten und Karos sind jetzt nicht mehr schrill, sondern fast nur noch in Braun und Beige zu haben. Vor allem Männer mit Rauten auf der Brust haben – je nach Typ – eine gewisse Ähnlichkeit mit Rauhaardackeln oder Golden Retrievern. Erst recht, wenn es sich nicht um einen „Pulli“, sondern einen Pullunder handelt.

DIE WITH YOUR BOOTS ON

Man weiß nicht mehr genau, wer damit angefangen hat. War es Kate Moss, die ihre Röhrenjeans als Erste in beigefarbene Ugg Boots steckte? Es muss jedenfalls im Sommer gewesen sein. Moss trug dicke, flache Stiefel – bei Hitze. Jetzt, in der Kälte, hat die Sache wenigstens einen Sinn. Obwohl: Schöner werden die australischen Dinger durch die sinkenden Temperaturen auch nicht. Ugg Boots machen jede, die keine Beine hat wie Kate, zu Schlumpffrauen. Und seit Britney Spears ihre winzig kleine Juicy-Couture-Hose mit rosa Boots kombiniert hat, wenden sich sowieso alle klugen Frauen mit Grausen von diesen Figurverstümmlern ab. Den Wintersportort St. Moritz sowie die deutsche Ferieninsel Sylt sollte in den Wintermonaten jeder meiden, der auf diesen Anblick verzichten will. Eine Alternative für den Spaziergang im Schnee? Klassische Moonboots.

JERSEY GIRL

Jersey ist ein unterschätzter Stoff, besonders in der Farbe Hellgrau. Schön, dass es jetzt wieder bequeme Kleider aus dem klassischen Hausanzug-Material gibt. Schön weich, anschmiegsam und gar nicht altbacken. Der Verkäufer im Herrenausstatter würde sagen: Macht eine sportliche Figur.

EL CONDOR PASA

Wer aussehen möchte wie ein peruanischer Fliegenpilz, muss sich diesen Winter unbedingt einen Poncho stricken lassen. Ein Problem ist die verminderte Armfreiheit. Hat schon mal jemand versucht, gleichzeitig eine Handtasche und einen Poncho zu tragen? Das nächste Problem: Ponchos wirken an westeuropäischen Frauen, als hätten sie etwas zu verbergen. Auch, wenn sie von Missoni sind. Nur an kleinen Mädchen können solche Umghänge wirklich süß aussehen, in Ausnahmenfällen auch an jungen Ethnologie-Studentinnen. Übrigens: Es ist nicht kaltherzig, die Panflöten auf dem Weihnachtsmarkt zu lassen.

IRON LION ZION

Mode hat ja immer etwas mit Regression zu tun. Fühlen wie früher, und zwar wie ganz früher, kann man sich in den neuen Gummistiefeln mit Herzen, Karos oder figürlichen Motiven. Dazu passen dicke Burlington-Socken und der unvermeidliche Trenchcoat, am besten imprägniert und – wer es klassisch mag – von Burberry. Anarchisten kaufen ihren Trench diese Saison bei dem französischen Label A.P.C. – den Marken-Einnäher wird man vergeblich suchen, weil A.P.C. understatementmäßig darauf verzichtet. Oben herum empfiehlt sich dazu ein metallisch glänzendes Seidenhemd mit Spitzeneinsatz oder eine Schluppenbluse à la Maggie Thatcher. Wer hätte gedacht, dass die Eiserne Lady jemals ein stilistisches Vorbild sein könnte? Wer sich eher New Labour und damit Oasis, Wayne Rooney und Cherie Blair verwandt fühlt sowie über 25 Jahre alt ist, sollte diesen neokonservativen Komplettlook noch einmal überdenken. Er macht alt. Das muss gesagt werden.

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