Zeitung Heute : Becks Börse

Kalte Nächte, stundenlanges Warten, Spekulieren darauf, dass es Arbeit gibt. Vier Winterwochen eines Tagelöhners in Berlin

Marc Neller

Der dichte Schneefall hat die vorlaute Stadt zum Verstummen gebracht. Beck mag diese Stimmung. Es ist kurz vor Mitternacht, der Januar war kein guter Monat für ihn, kaum Arbeit, die Temperaturen sind auf zwölf Grad unter Null gefallen, er hat seit Tagen wenig geschlafen, und vor ihm liegen endlose Stunden des Wartens, bis endlich die Börse öffnet. Und noch ein paar Stunden mehr, bis er vielleicht etwas Glück haben wird.

Die Börse ist ein 60er-Jahre-Flachbau vor dem Berliner Großmarkt im Stadtteil Moabit. Dort wird mit Arbeit gehandelt. Arbeit für einige Stunden, für einen Tag, vielleicht für mehrere Tage, auch wenn das selten ist derzeit. Die Arbeitsagenturen nennen den Flachbau Schnellvermittlung. Beck und die anderen Tagelöhner nennen ihn Börse, weil sie darauf spekulieren, dass es dort Arbeit gibt, und hoffen, dass die eigenen Aktien gut stehen. Die Firmen, die anrufen, suchen billige Hilfsarbeiter, die Bauschutt wegräumen, Zementsäcke schleppen, maurern oder verputzen; denen sie 50 oder 60 Euro am Tag zahlen und die sie dann wieder fortschicken.

Alexander Beck, den alle auf der Börse nur Beck nennen, ist 40, er sagt das in einem Ton, als ob er sich selbst darüber wunderte. Seit acht Jahren überlässt er sein Leben diesem ewiggleichen Rhythmus aus Arbeit, Schlaf, Anstellen, und der Schlaf kommt dabei meistens zu kurz. Drei Stunden, vier Stunden, je nachdem.

Es liegt daran, dass die Tagelöhner wenig tun können, um ihren Kurswert zu steigern. Wie überall im Land ist Arbeit rar, die Kälte in diesem Winter schmälert die Chancen. Die Männer können zusehen, dass sie möglichst früh dran sind. Wer zuerst kommt, hat den ersten Zugriff, so sind die Regeln.

Beck steht seit elf Uhr abends vor der Tür. An diesem Tag ist er der Erste, wie so oft in den vier Wochen, in denen er sich begleiten ließ. Ein Mann, zwei Meter groß fast, schlurfender Gang, den Rücken beim Gehen leicht gekrümmt, die Hände in die Taschen seiner Jacke gegraben, die Kapuze über den Kopf gestülpt. Nur ein paar Lastwagen sind auf der Beusselstraße zu sehen, sie fahren auf das Gelände des nahen Großmarktes. Beck hängt seine blaue Plastiktüte mit der Limonadenflasche und den Arbeitshandschuhen an die Türklinke, wartet einen Moment. Dann geht er in eine der Kneipen in der Straße, Kaffee trinken, weil die Arbeitsvermittlung erst um halb vier morgens aufmacht und weil es kalt ist seit Tagen.

Beck hat beide Hände fest um die Kaffeetasse gelegt, die vor ihm auf dem Tresen steht. Aus den Lautsprechern des „Café Multi-Kulti“ dröhnt Musik. Er kann anschreiben lassen, er hat sich hier ungezählte Nachtstunden vertrieben. Im Winter vor allem. Wenn es etwas wärmer ist, übernachtet er öfter mal im Schlafsack vor der Arbeitsvermittlung. Manchmal geht er direkt nach der Arbeit hin, um der Erste zu sein. Er lebt von Hartz IV, hat eine Wohnung in Charlottenburg, eineinhalb Zimmer. Er will arbeiten, so oft es geht. Auch wenn ihm nach allen Abzügen manchmal nur 200 Euro mehr bleiben als die 345 Euro Arbeitslosengeld II und das Wohngeld. „Es fühlt sich besser an“, sagt Beck. Und dass 200 Euro schließlich auch Geld seien.

Beck bläst vorsichtig Luft durch die Lippen, um den Kaffee zu kühlen. In den ersten Wochen dieses Jahres hat er häufiger auf einer Baustelle in der Nähe des Potsdamer Platzes gearbeitet, die Baufirma dort ist die einzige, die fast jeden Tag Leute sucht. Säcke schleppen, Schubkarren schieben, hinterher haben seine Muskeln gebrannt. Die Firma ist bei den Tagelöhnern nicht sonderlich beliebt, die Vorarbeiter treiben mächtig zur Eile, sagen sie. Die Tagelöhner stehen am unteren Ende der Hierarchie. Man kann es an den Blicken der anderen Arbeiter ablesen und am Ton ihrer Befehle hören. Auch deshalb kam Beck der Job auf dem Wochenmarkt neulich sehr gelegen. Auf einem Gemüsemarkt im Wedding hat er Schnee geschippt und Gemüsereste zusammengekehrt, zweimal die Woche drei Stunden, für sieben Euro fünfzig die Stunde. Er wurde gut behandelt. Und der Mann, der die Anweisungen gab, empfing ihn mit Handschlag.

Früher, sagt Beck, habe er sich das überhaupt nicht vorstellen können, „jeden Tag neu nach einer Arbeit zu suchen. Diese Unsicherheit.“ Dann haben die Baufirmen entlassen, jedesmal gehörte er zu denen, die noch neu waren auf den Baustellen und als Erste gehen mussten.

Vielleicht sind Männer wie Beck Relikte des Industriezeitalters, vielleicht sind sie die Avantgarde der Arbeitswelt von morgen. Von den 39 Millionen berufstätigen Deutschen sind höchstens 80 000 Tagelöhner. Andererseits haben immer weniger einen sicheren Arbeitsplatz, und das, was die Gewerkschaften „unsichere Beschäftigung“ nennen, nimmt stark zu: Rund acht Millionen leben von Mini-Jobs, fast eine halbe Million sind Leiharbeiter, die Hälfte aller neu geschlossenen Arbeitsverträge ist befristet.

Als Beck seine letzte feste Stelle verlor, erzählte ihm ein Freund von der Börse und riet ihm, er solle doch dort mal sein Glück versuchen. Glück, ein großes Wort. Was ist Glück? Eine Beziehung mit einer tollen Frau zu haben und vielleicht mal eine richtige Familie, sagt Beck. Eine Familie hatte er nie. Er kannte seine Eltern nicht, sagt er, in Berlin ist er geboren, in Westdeutschland in einem Heim aufgewachsen. Er hat ein Kind, aber die Beziehung mit der Mutter ging in die Brüche. Seit kurzem hat er eine neue Beziehung. Wie es ist? Beck wiegt den Kopf hin und her. Schön, sagt er, und schwierig. Sie sehen sich kaum, die Freundin arbeitet nachts in einem Café. Sie sagt, dass sie ihn liebt, dass es ihr aber manchmal schwer fällt, sich eine gemeinsame Zukunft vorzustellen. Sie fragt sich, wie einer das durchhalten soll, ein Leben lang zur Börse zu gehen.

An seine Zukunft hat er nie gedacht, und einen Lebenstraum kann er sich nicht leisten. Noch ein bisschen was vom Leben haben, sagt er, gesund bleiben, das wäre schon was. Und vielleicht mal auf einem Schiff eine Kreuzfahrt in die Karibik machen. Vorerst aber verbringt er seine Urlaube in der Türkei; mit einem Freund, dessen Eltern ein Haus am Meer haben. Sie reisen in der Vorsaison, wenn die Flüge billig sind. Aber im Moment erscheint ihm der Schlaf als das fernste aller Länder.

Beck macht niemanden für seine Situation verantwortlich. Nur wenn Firmen versuchen, ihn abzuzocken, ihn nicht zu bezahlen oder den Preis unter den Regelsatz von sechs Euro 65 die Stunde drücken, dann packt ihn die Wut. Aber gegen Billiglöhne und Arbeitslosigkeit zu protestieren käme ihm nicht in den Sinn. Wann auch? Er muss warten. Nur an den Wochenenden geht er selten arbeiten. Er gönnt sich öfter mal den Luxus, ins Olympiastadion zu gehen, wenn Hertha spielt.

Gegen halb drei in der Nacht werden Becks Sätze kürzer, und er sieht immer häufiger auf die Uhr. Halb drei heißt, er muss zurück zur Börse. Könnte sein, dass die Vermittlerinnen ein paar Minuten früher aufmachen. Oder dass er seinen Platz verteidigen muss, zum Beispiel weil mal wieder ein Neuer gekommen ist, der die Regeln noch nicht kennt. Und der glaubt, nur weil gerade niemand vor der Tür steht, sei er der Erste.

In den ersten Wochen dieses Jahres sind sie mal zu viert oder zu fünft, in einigen Nächten sind es acht Männer, mehr als zehn nie. Niemand steht die ganze Zeit an. Die Männer stellen ihre Taschen und Rucksäcke vor der Tür der Vermittlung ab. An den Taschen kann man ablesen, wer als Erster gekommen ist und wer als Letzter. Stress wegen der Reihenfolge gibt es selten. So etwas wie Freundschaften, sagt Beck, gebe es auf der Börse nicht, aber ein Mindestmaß an Anstand, das schon. Jedenfalls unter denen, die zur Stammkundschaft zählen. Im Sommer muss man früher kommen, wenn man eine Chance haben will. Aber wenn man nicht von seinem Platz weicht, kann man sicher sein, ihn zu behalten, auch wenn wie im Sommer 50 Mann oder mehr anstehen. „Der Winter“, sagt Beck, „zeigt, wer unter allen Umständen arbeiten will, und wer nur kommt, wenn er sein Arbeitslosengeld verpulvert hat.“

Die Vermittlerinnen sagen, dass am Monatsanfang wenig los sei, wenn es gerade Geld gegeben hat. Und dass ab Mitte des Monats die Bereitschaft zunehme, auch die Knochenjobs auf manchen Baustellen anzunehmen, auf denen die Männer auch bei Minusgraden acht, neun oder zehn Stunden im Freien schufteten.

Ein Donnerstagmorgen, Ende Januar, es ist halb fünf. Vor einer Stunde haben die beiden Vermittlerinnen eine der beiden Schalterluken im Warteraum geöffnet, um die Lohnsteuerkarten, Personal- und Versicherungsausweise der Männer entgegenzunehmen. Seitdem sind die Fenster geschlossen. Das sind die schlimmsten Stunden auf der Börse, sagt Beck. Diese Stunden sind flach und aussichtslos. Der Warteraum könnte eine für eine Kleinstadt bestimmte Bahnhofswartehalle sein. Die Wände schimmern gelblich, an den Längswänden und in der Mitte des Raums sind blaue Lochmetallsitze in vier Reihen montiert. Die Geschichten über die Jobs der letzten Tage sind erzählt: Wie schwer die Arbeit war, was für ein Typ der Chef – Sklaventreiber oder Kumpeltyp. Die Lüftungsanlage surrt. Ein Raum, darin fünf Männer. Einer, Mitte 40 und früher mal Maschinenbauer, hat eine Zeitung in der Hand und starrt seit einer halben Stunde mit trübem Blick auf dieselbe Seite. Zwei haben sich auf den Sitzen schlafen gelegt. Einer von ihnen ist der „Doktor“, eine schillernde Gestalt, seine blau getönte Sonnenbrille trägt er noch im Schlaf. Er soll promovierter Mathematiker sein, so genau weiß das keiner. „Der hat echt was im Kopf“, sagt Beck. Ein bisschen, findet er, sei der „Doktor“ wie er selbst, jedenfalls säuft er nicht.

Nein, im Januar lief es nicht besonders. Wenn man Beck darauf anspricht, macht er eine Handbewegung, als wollte er die Frage verscheuchen wie eine lästige Fliege. Vor ein paar Tagen kamen vier Neue, sie waren etwas früher dran – und ausgerechnet an diesem Tag hat eine Entrümpelungsfirma in Spandau vier Leute gleich für einen ganzen Monat gesucht. Ein paar Tage später hat Beck sich verspekuliert. Er war der Erste in der Reihe. Als das Fenster aufging und die Vermittlerinnen ihm die Firma mit der Baustelle in der Nähe des Potsdamer Platzes anboten, winkte er ab. Er fühlte sich ausgelaugt, wollte abwarten, was noch an Angeboten kommt. Es kam nichts mehr, um acht Uhr fuhr er mit dem Bus nach Hause.

Montagnacht, Anfang Februar. Hubert Klüsener poltert durch den Raum, er redet ohne Punkt und Komma, es scheint ihn nicht zu stören, dass niemand zuhört. Er hat sein weißes Haar zu einem Zopf zusammengebunden und trägt eine Baseball-Kappe. Er war mal Fernfahrer. In seinem Ausweis steht, dass er in der Charlottenburger Straße wohnt, aber das stimmt längst nicht mehr. Er lebt auf der Straße, schlägt sich mit Betteln durch. „Da springt mehr bei raus“, sagt er. Hubert Klüsener ist einer von denen, die die 70er und 80er Jahre auf der Börse erlebt haben: „Damals konnte man erst um sieben Uhr früh kommen, und trotzdem gab es Arbeit für 200 Mann“, sagt er. In anderen Großstädten reicht es immer noch, wenn man sich um sechs oder sieben anstellt. Wahrscheinlich ist es gut, dass die Männer das nicht wissen. Die Luke geht auf, und die Vermittlerin nennt Beck eine Adresse. Um sieben soll er auf einer Baustelle anfangen, die nur einen Steinwurf von seiner Wohnung entfernt ist.

Freitagnacht. Seit Dienstag hat niemand in der Arbeitsvermittlung Beck gesehen. Die Männer deuten das als gutes Zeichen. Sie sind sicher, dass er in den nächsten Tagen wiederkommen wird. Er ist noch immer wiedergekommen.

Später ist er am Telefon: Die Firma, für die er in Charlottenburg eine Altbauwohnung renoviert hat, war sehr zufrieden. Der Chef hat ihn gleich für eine andere Baustelle angeheuert. „Regelarbeitszeit“, sagt Beck, „sieben bis 16 Uhr“. Er klingt müde. Aber zufrieden.

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