Zeitung Heute : Bedingt einsatzbereit

Bundeswehrsoldaten sind dicker als der Rest der Bevölkerung, treiben zu wenig Sport und achten zu wenig auf ihre Ernährung. Das geht aus dem neuen Bericht des Wehrbeauftragten hervor. Wie ist es um Deutschlands Soldaten bestellt?

Reinhold Robbe hält sich was zugute auf seine vornehme norddeutsche Zurückhaltung, aber an einem Punkt verlässt den Wehrbeauftragten des Bundestages an diesem Dienstag dann doch der Gleichmut: dass die „Vermoppelung“ der Bundeswehr drohe – nein, so hat er das nun wirklich nicht gemeint! Dabei kann man leicht auf den Gedanken kommen. Denn Robbe hat in seinem Jahresbericht 2007 mehrere Studien aufgegriffen, die einen bedenklichen Trend aufzeigen: Junge Soldaten sind im Schnitt nicht nur zu dick und zu unsportlich – sie sind obendrein dicker und unsportlicher als in ihrer Altersklasse ohnehin üblich.

Die Zahlen, die Kölner Sportmediziner zusammen mit dem Sanitätsinstitut der Bundeswehr in Koblenz erhoben haben, sind eindeutig. In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen sind 40 Prozent der Soldaten übergewichtig – unter gleichaltrigen Zivilisten nur 35 Prozent. Stark übergewichtig sind 8,5 Prozent der Uniformierten gegenüber 7,1 Prozent der Zivilen. Mehr als ein Fünftel der jungen Soldaten treibt keinerlei Sport, über die Hälfte raucht. Robbes Fazit lautet denn auch: „Äußerst bedenklich!“

Gleichwohl reagiert er empfindlich, als ein Journalist das Phänomen aufs griffige Wort der „Vermoppelung“ bringt. Denn das klinge ja vielleicht ganz witzig, leiste aber einem Trugschluss Vorschub: dass die Soldaten selber schuld seien an ihren überschüssigen Pfunden. Sicher, der „weit verbreitete passive Lebensstil“ sei auch in den Kasernen angekommen. Doch für Robbe sitzen die Hauptschuldigen an ganz anderer Stelle, nämlich sehr viel weiter oben in der Bundeswehrhierarchie. „Der Dienstsport“, sagt der Wehrbeauftragte, „darf nicht ständig anderen Dingen zum Opfer fallen.“ Nicht aus Trägheit vernachlässigten viele Soldaten ihre körperliche Fitness – die Vorgaben von oben, der Dienstherr Bundeswehr setze die Prioritäten falsch. Überfrachtete Dienstpläne und marode oder von der Kaserne weit entfernte Sportstätten hat Robbe als Ursachen ausgemacht, vor allem aber einen Hauptfeind: „Bürokratismus“ und „Regelungswut“, die den Soldaten nicht nur oft den letzten Nerv raubten, sondern auch die ein, zwei Stunden am Tag, die eigentlich für Sport vorgesehen seien. „Meldezwang für Nichtigkeiten“, Abgasuntersuchungen und Betriebserlaubnisformularkriege, geführt mit aller deutscher Gründlichkeit noch hinterm Hindukusch – in 13 Jahren Einsatzarmee habe sich fast nichts geändert.

Dass Robbe den fetten Soldaten schlägt, aber eigentlich die Bürohengste in den oberen Etagen treffen will, gelingt ihm freilich kaum zu vermitteln. Dabei hatte ein ähnliches Flankenmanöver im vorigen Jahr ganz gut funktioniert: Damals hatte Robbe sich marode Kasernen als Schwerpunktthema seines Jahresberichts herausgepickt – mit durchschlagendem Erfolg: Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) machte das Thema zur Chefsache und außerplanmäßig 600 Millionen Euro locker.

Diesmal aber droht Robbes Schuss um die Ecke nach hinten loszugehen. Das üppige Detail im Vordergrund verdeckt den Blick auf tiefere Ursachen. Der Wehrbeauftragte hat alle Hände voll damit zu tun, nur allzu naheliegende Vermutungen abzuwehren. Ob die Dickerchen im Dienst die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr bedrohten, will ein Fragesteller wissen – nein, nein, sagt Robbe, auch wenn für einen Soldaten in kritischen Situationen körperliche Fitness natürlich ein „Riesenvorteil“ sein könne. Ob’s denn an der Verpflegung liege, fragt ein anderer. Nein, sagt Robbe – auch wenn die neuerdings verabreichte „optimierte Verpflegung“ vielen Soldaten auf den Magen schlage, weil sie die „Optimierung“ daran merkten, dass das Brot zur Suppe gestrichen ist und der Apfel zum Nachtisch auch.

Doch auch sehr viel schwerwiegendere Probleme zeigt Robbes Bericht wieder auf: Klagen im Kosovo über massenhaft marodes Gerät; Beschwerden aus Afghanistan über Soldaten, die den Fahrkurs für spezielle Panzerfahrzeuge erst mühsam im Einsatzgebiet absolvieren können, weil die finanziell knapp gehaltene Armee zu Hause schlicht keine Übungsfahrzeuge hatte; Warnungen schließlich von Hubschrauberbesatzungen, die eine neue Splitterschutzweste als regelrecht gefährlich einstufen. Und auch die Klassiker noch jedes Wehrberichts sind wieder nachzulesen – all die Beispiele brutaler, dummer Schleifer, die ihre Rekruten in der Ausbildung mit Schimpfwörtern und Schlimmerem traktieren; all die Fälle pflichtvergessener Vorgesetzter, die Kameradschaft als Kumpanei missverstehen. Rückläufig sind Meldungen über sexuelle Übergriffe gegen Soldatinnen – aber Robbe warnt vor Fehldeutung der Zahlen. Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr war in einer Studie 2007 schon zu dem Schluss gekommen, dass drei Viertel der Soldatinnen solche Übergriffe nicht meldeten. Dass die Sorge nicht unberechtigt ist, eine solche Meldung könnte sinnlos oder gar schädlich sein für die Karriere, zeigen zwei weitere Zahlen in Robbes Bericht: Gut ein Viertel solcher Beschwerden wird von den Vorgesetzten nur lässig-nachlässig verfolgt – und ein Fünftel gar nicht.

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