Zeitung Heute : Bedingt startklar

Der Iran und die USA verstehen sich nicht: keine diplomatischen Beziehungen, Wirtschaftssanktionen, Drohgebärden. Und doch reichen die Amerikaner die helfende Hand. Bis die beiden Staaten aber wieder zusammenfinden, ist es noch ein weiter Weg.

Malte Lehming[Washington]

ERDBEBEN IM IRAN – KOMMT DAS LAND JETZT AUS DER ISOLATION?

Die Hilfe kommt vom „großen Satan“. Das Pentagon hat sechs Militärfrachtflugzeuge zur Verfügung gestellt, 75 Tonnen Lebensmittel, Blutkonserven und andere humanitäre Güter sind unterwegs. Mehrere Rettungs- und Ärzteteams aus der amerikanischen Hauptstadt, aus Boston und dem kalifornischen Los Angeles sind bereits vor Ort. Viele Privatorganisationen rufen zu Spenden auf. Allein im Großraum Washington leben 23 200 iranischstämmige Amerikaner, darunter der Sohn des ehemaligen Schahs, Reza Pahlewi. Die meisten sind nach der Islamischen Revolution 1979 eingewandert.

Dass die US-Regierung einem Land hilft, das sie zur „Achse des Bösen“ zählt, ist an sich nicht ungewöhnlich. Vor einem halben Jahr tat sie es schon einmal. Auch damals war der Iran von einem Erdbeben heimgesucht worden, 235 Menschen starben. Amerikaner indes durften nicht an Bord der Maschine sein, die die Hilfsgüter einflog. Damit wurde das UN-Kinderhilfswerk Unicef betreut. Zu groß waren die Empfindlichkeiten. Alle diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Teheran sind seit der Geiselaffäre 1979 abgebrochen. Überdies haben die USA eine Reihe von Wirtschaftssanktionen gegen das Land verhängt.

Wie extrem, auch auf iranischer Seite, die Animositäten sind, zeigt das Jahr 1990. Damals kostete ein Erdbeben 36 000 Menschen das Leben, 100 000 wurden verletzt. Doch alles, was Amerika an Hilfe anbot – Ärzte, Spürhunde, Blutkonserven, Kleidung –, wurde abgelehnt. So viel falschen Stolz erlauben sich die Mullahs heute nur noch im Falle Israels. Trotz der schlimmsten Naturkatastrophe in der iranischen Geschichte hat Teheran alle Hilfsangebote aus Jerusalem kategorisch zurückgewiesen. Die Hilfe aus den USA dagegen ist diesmal willkommen. Sie wurde sogar hochoffiziell koordiniert. Der geschäftsführende US-Außenminister Richard Armitage – Colin Powell erholt sich von einer Operation – besprach die Lage telefonisch mit Irans Ständigem Vertreter bei der UN, Mohammed Jawad Zarif.

Man betont vor allem das, was nicht selbstverständlich ist. Insofern fällt auf, wie rasch die US-Regierung alle Spekulationen zurückwies, aus dem Geist der Hilfe könne ein anderes politisches Klima entstehen. Demonstrativ wurde die diplomatische Bedeutung der Kontakte heruntergespielt. „Im Iran gibt es eine humanitäre Katastrophe, und unsere einzige Mission ist es, das Leiden der Menschen zu lindern“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. „Diese Bemühungen ändern nicht den Ton oder die Intensität unseres Dialoges mit der iranischen Seite über Themen, die uns zutiefst besorgen.“

Dennoch: Hinter den Kulissen tut sich mehr, als das Publikum sehen soll. Im Iran gehört der Kampf gegen den „großen Satan“ zur Staatsdoktrin. Das allerdings hinderte die Mullahs nicht daran, die mit den Amerikanern verbündete Nordallianz im Afghanistankrieg zu unterstützen. Teherans Einfluss beim Wiederaufbau Afghanistans wird von Washington ebenfalls positiv bewertet. Während des Irakkrieges wiederum durften die Amerikaner ein ums andere Mal iranischen Luftraum verletzen und iranische Hoheitsgewässer benutzen. Auch im Nachkriegs-Irak – die Bevölkerungsmehrheit des Landes sind Schiiten – verhält sich der Iran politisch konstruktiv.

Die Übereinstimmung der Interessen freilich ist begrenzt. Washington macht aus seiner Sympathie für die inneriranische Opposition zum Mullah-Regime kein Hehl. Unter allen islamischen Völkern sind die Iraner heute das amerikafreundlichste. Im Juni war es zu Massenprotesten gekommen. Das Gefühl der Unzufriedenheit ist weit verbreitet.

Einige Vordenker der US-Regierung werten solche und andere Zeichen des Wandels als unmittelbare Folge der Bush-Doktrin. Die Anwendung militärischer Gewalt, schreibt etwa Charles Krauthammer am vergangenen Freitag in der „Washington Post“, entwaffne nicht nur den unmittelbaren Feind, sondern schrecke auch andere, potenzielle Gegner ab. Plötzlich lenke Libyens Muammar al Gaddafi ein, der Iran stimme der Inspektion seiner Atomanlagen zu, Syrien mache Israel wieder Friedensofferten. „Das alles sind keine Triumphe der Diplomatie. Das sind die Nachwirkungen des Krieges.“

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