Zeitung Heute : Befreit lernen

Im Bachelor forschen? Studieren, ohne ein Seminar zu besuchen?  Der Bund zahlt der HU Millionen für die Lehre

Constanze Haase
Erste Schritte. Jugendliche erkunden ein Schülerlabor in Adlershof. Dort werden sie von Lehramtsstudenten betreut – der Übergang in den Beruf wird diesen erleichtert. Foto: Bernd Prusowski
Erste Schritte. Jugendliche erkunden ein Schülerlabor in Adlershof. Dort werden sie von Lehramtsstudenten betreut – der Übergang...

Ein Montagvormittag, den man mit Büchern und Laptop im Café um die Ecke verbringt, um zu studieren. Gibt’s nicht? Gibt’s doch! Q-Modul ist das Zauberwort, hinter dem sich ein neues Forschungsprojekt verbirgt, bei dem sich Studierende die Inhalte eines frei wählbaren Seminars eigenverantwortlich und ohne Präsenzpflicht im Vorlesungssaal aneignen können. Pflicht ist einzig die erfolgreiche Abschlussprüfung zum Semesterende, dann gibt’s die volle Punktzahl.

Richtig Forschen schon während des Bachelorstudiums. Geht nicht? Geht doch! In Q-Teams finden sich maximal fünf Studierende und ein Teamleiter zusammen – meist eine Juniorprofessorin oder ein Juniorprofessor –, um gemeinsam an einem Vorhaben zu forschen. So erhalten Studierende durch die enge Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern schon früh im Studium tiefere Einblicke in die Forschung und die Berufsoption Wissenschaft, während der Teamleiter wertvolle Mentoring-Erfahrungen fürs spätere wissenschaftliche Berufsleben sammelt.

Von wegen verschult! Dass das Studium an der Humboldt-Universität zunehmend forschungsorientiert und eigenverantwortlich wird, macht vor allem der vom Bund finanzierte „Qualitätspakt Lehre“ möglich. Das HU-Konzept „Übergänge“ war in dem 2010 ausgelobten Wettbewerb erfolgreich und wird nun bis 2016 mit über 13 Millionen Euro gefördert. Dabei geht es vor allem um die Bewältigung von Übergängen zwischen den Stationen Schule, Universität und Beruf. So wird der Schritt von der Schule an die Hochschule zukünftig weiter erleichtert, indem schulische Kooperationen wie die zahlreichen Partnerschulen und Schülerlabore der HU weiter ausgebaut und intensiviert werden. Ein anderes Teilprojekt nimmt den Übergang zwischen Universität und Beruf in den Fokus, indem der Praxisbezug der Studiengänge erhöht wird. Und nicht zuletzt sollen Übergänge innerhalb des Studiums individualisiert werden.

Zum ersten Mal ist die Lehre damit Gegenstand eines groß angelegten nationalen Förderprogramms. „Es ist lobenswert, dass der Bund Mittel zur Verfügung stellt, die nicht dazu dienen, die Zahl der Studierenden weiter zu erhöhen, sondern gezielt die Qualität der Lehre zu fördern. Die Proteste der Studierenden haben eben Wirkung gezeigt“, sagt Michael Kämper-van den Boogaart, Vizepräsident für Studium und Internationales, der den Antrag maßgeblich mit erarbeitet hat.

Studierende der HU können bereits in diesem Wintersemester von zahlreichen Projekten profitieren. Die anfangs beschriebenen Zusatzangebote Q-Modul und Q-Teams etwa gehören zu einem Angebot unter dem Label „HU-Q“. „Das Q steht nicht für eine eindeutige Abkürzung, sondern für eine kreative Leerstelle, die von Studierenden forschend gefüllt werden kann“, erklärt Christian Kassung, Kulturwissenschaftler und Vater der Idee. So können eigene Fragen (question) gestellt und scheinbare Selbstverständlichkeiten angezweifelt werden (query), man kann sich auf die Suche nach eigenen Lösungen begeben (quest) und erwirbt dabei neue Erfahrungen (qualification). Neben den Q-Modulen und Q-Teams gibt es ebenso Q-Tutorien und internationale Q-Kollegien.

Die Q-Tutorien sind Nachfolger der sogenannten Projekttutorien: Lehrveranstaltungen, in denen die Inhalte in eigener Verantwortung, wissenschaftlich und praxisorientiert von Studierenden erarbeitet und organisiert werden. Bis zu 760 Studierende, mehr als doppelt so viele wie bisher, sollen künftig an Tutorien teilnehmen können und von ihren Kommilitonen lernen. Die Tutoren selbst verdienen sich durch ihre Lehrtätigkeit etwas Geld dazu. Sonja Dolinsek und ihr Kommilitone Johannes Stiegler haben mit ihrem Projekttutorium bereits Erfahrungen gesammelt. Bis zu 30 Studierende besuchen regelmäßig ihre zweisemestrige Veranstaltung „Sklaverei, Zwangsprostitution und irreguläre Migration: Interdisziplinäre Perspektiven auf den Menschenhandel“. Auf das Thema ist Sonja während eines Auslandssemesters in den USA gestoßen. In ihrem Projekttutorium, das Studierende verschiedenster Fächer besuchen, wird das Phänomen Menschenhandel und der Diskurs darüber daher auch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven – historisch, rechtlich, soziologisch, politisch, ökonomisch, ethnologisch – diskutiert.

Referate besprechen, Mails beantworten, Texte lesen, bearbeiten und strukturieren, Teilnehmer motivieren, Lehrperspektive einnehmen: Der Aufwand ist enorm. „Es ist sehr anspruchsvoll, eine Lehrveranstaltung zu einem so komplexen Thema zu konzipieren, planen und durchzuführen“, sagt Sonja Dolinsek. Aber dadurch hätten sie und ihr Mitstreiter den Schritt vom Studieren in die Lehre und Forschung geschafft. „Niemand sagt uns, was wichtig ist und welche Theorie die beste ist. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und uns eine eigene Position kreativ und reflektiert erarbeiten“, sagt die 28-jährige Geschichts- und Philosophiestudentin.

Neben dem Vorteil, das Lehren gelernt und schon einmal als Dozentin vor einem Seminar gestanden zu haben, werden viele Inhalte des Tutoriums auch nach Ende der Veranstaltung zugänglich sein. Dolinsek und Stiegler wollten das, was sie in der Lehrveranstaltung mit den Studierenden erarbeitet haben, für ein breiteres Publikum zur Verfügung stellen. Die Teilnehmer werden ihre Texte zu den verschiedensten Aspekten des Themas im tutoriumsbegleitenden Blog veröffentlichen. Sie habe oft mehr Zeit investiert, als vergütet wurde, sagt die Magisteranwärterin. „Aber es hat sich gelohnt und ich würde es sofort wieder machen.“

Die Projekte im Übergänge-Konzept wurden mit den kürzlich eingereichten Anträgen im Rahmen der Exzellenzinitiative „zusammengedacht“. In der neuen Runde sollen auch „verstärkt Elemente forschungsbezogener Lehre berücksichtigt werden“. Martin Nagelschmidt, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Berlin Graduate School of Social Sciences, war bei der Ausarbeitung im Arbeitskreis Nachwuchsförderung aktiv und weiß aus Erfahrung: „Motivierte Studierende sind in der Wissenschaft oft die wertvollsten Mitarbeiter. Wer während des Studiums schon an einem Lehrbereich oder in einem Forschungsprojekt gearbeitet hat, findet später seine Berufung auch häufig in der Wissenschaft.“

Dafür bieten vor allem die Q-Kollegs Gelegenheit. Für dieses Forschungsformat werden parallel ausgewählte Studiengangsgruppen an der HU und an Partneruniversitäten ausgeschrieben. Ein Q-Kolleg besteht aus bis zu sechs Studierenden beider Partner. Über Onlinenetzwerke wie Moodle und Facebook oder Videokonferenzen kommunizieren die Kollegpartner im Forscheralltag, tauschen sich über Ergebnisse aus und besprechen das weitere Vorgehen. Eine jährliche studentische Konferenz beider Partneruniversitäten steht dann allen Studierenden offen.

Das erste Q-Kolleg der Humboldt-Universität gründen Studierende des Instituts für Archäologie. Sie kooperieren mit der Universität Nottingham und forschen zum Thema „Bildwissenschaftliche Methoden in der Klassischen Archäologie“. „Das Format bietet die besten Möglichkeiten, den wissenschaftlichen Austausch in Fremdsprachen zu fördern und andere Wissenschaftskulturen kennen zu lernen, um langlebige Netzwerke aufzubauen“, sagt Kämper-van den Boogaart.

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