BEFREIUNGSTHEOLOGIE : Priester im Widerstand

Die Befreiungstheologie entstand in den siebziger Jahren in Lateinamerika, der Begriff geht zurück auf ein Buch des peruanischen Theologen Gustavo Gutierrez von 1971. Vom Vatikan wurde diese neue Richtung unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. und seinem damaligen Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., von Anfang an kompromisslos

bekämpft
. Heute, vier Jahrzehnte später, haben praktisch alle prominenten Theologen resigniert, wurden als Professoren von den kirchlichen Hochschulen entfernt oder sind wie Leonardo Boff aus dem Priesteramt ausgeschieden. Die brasilianischen Diözesen von Sao Paolo und Recife der beiden Vorreiterbischöfe Paulo Evaristo Arns und Don Helder Camara wurden mit erzkonservativen Nachfolgern besetzt. Die Befreiungstheologie versteht sich als „Stimme der Armen“ und will zu deren Befreiung aus Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung beitragen. Sie vertritt das Konzept der „sozialen Sünde“ und damit dezidiert den Standpunkt, dass es für die Kirche bei schweren Missständen nicht reicht, an das individuelle moralische Gewissen der Mächtigen und Reichen zu appellieren. Zudem stellten sich die Befreiungstheologen offen gegen die damals in Südamerika verbreiteten diktatorischen Regime, was zahlreiche Geistliche das Leben kostete. Bekanntestes Opfer war Oscar Romero, der 1980 ermordete Erzbischof von El Salvador.

Der neue Papst Jorge Mario Bergoglio verstand sich zwar als „Bischof der Armen“, zur Befreiungstheologie aber hielt er Distanz. Trotzdem forderte er mehr soziale Gerechtigkeit, legte sich mit den neoliberalen Eliten in Wirtschaft und Politik an und geißelte deren Korruption und Verschwendung. An Wochenenden sah man ihn oft zu Besuch bei Gemeinden in den Elendssiedlungen von Buenos Aires. Eine

politische Rolle für Priester lehnte er ab
. Die Befreiungstheologie dagegen versteht Erlösung als Zentralbegriff der christlichen Botschaft nicht allein spirituell, sondern als sozialpolitisch-revolutionäre Umwälzung. Das Heil, das die Bibel verkündet, wurde nicht allein auf das Jenseits bezogen, sondern auch auf die konkrete soziale

Realität im Diesseits
. Konkret schwebte vielen Anhängern eine sozialistische Wirtschaftsordnung vor, durchwirkt mit zahlreichen basisdemokratischen Elementen. M.G.

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