Zeitung Heute : Befristete Jobs zu vermitteln, wird zunehmend zur Boom-Branche

Regina-C. Henkel

Inzwischen arbeiten 575 000 Beschäftigte bei rund 3000 UnternehmenRegina-C. Henkel

Zeitarbeit? Für viele Jobbewerber ist die inzwischen 39 Jahre alte Dienstleistungsbranche nach wie vor unbekanntes Land. Dabei können sich die Branchendaten durchaus sehen lassen: Knapp 3000 Zeitarbeitsunternehmen zwischen Flensburg und Freiburg, Aachen und Zwickau beschäftigen übers Jahr verteilt mehr als 575 000 Mitarbeiter in immerhin über 250 000 Vollzeitarbeitsplätzen. Dass unter den Beschäftigten fast eine Viertelmillion Männer und Frauen sind, die zuvor ohne Arbeitsvertrag waren, macht den Bundesverband Zeitarbeit Personaldienstleistungen (BZA) besonders stolz: Zeitarbeit gilt als (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Die Bonner BZA-Lobbyisten haben noch mehr Positives über ihre Branche zu berichten. Zum Beispiel, dass Zeitarbeit auch nach einer Ausbildung in kaufmännischen oder technischen Berufen sowie für Hochschulabsolventen "gute Chancen" bietet. So jedenfalls sieht es Michael Ludwig, Personaldisponent beim weltweiten Marktführer Manpower. Auch Andreas Roepke, Managementvermittler bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Berlin, meint: "Zeitarbeit ist eine ernst zu nehmende Alternative zu dauerhaften Beschäftigungsverhältnissen für Ältere, die sich in Konkurrenz zu jungen Mitbewerbern befinden."

Alle Arbeitsmarktbeobachter anerkennen: In keiner anderen Beschäftigungsform bieten sich in so kurzer Zeit so viele Möglichkeiten, in ein Unternehmen hinein zu schnuppern, unterschiedliche Kulturen, Produktionsverfahren und Betriebsabläufe kennen zu lernen oder den Einstieg ins Berufsleben zu meistern. Und tatsächlich. Die Zahlen, die alljährlich von der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg für die Zeitarbeitsbranche ermittelt und bekannt gegeben werden, belegen: Mehr als 12 000 Auszubildende und Studenten starteten 1998 nach bestandenem Examen über einen Arbeitsvertrag bei einem Zeitarbeitsunternehmen ins Berufsleben. Zeitarbeit als (Erst-)Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Etwa 30 Prozent der Zeitarbeitnehmer, so lässt der BZA in Informationsveranstaltungen, in Broschüren und auf seiner Internet-Homepage wissen, verstehen ihren Einsatz als Chance zum sich Umschauen und als Möglichkeit der Bewährung. Die Mitarbeiter des Zeitarbeit-Arbeitgebers lassen sich so oft und so lange an andere Unternehmen ausleihen (im Jargon des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes: überlassen), bis sie ihren Traumjob gefunden haben. Das Wunschziel nämlich heißt Abwerbung. 65 Prozent der Kundenunternehmen übernehmen bei ihnen eingesetzte Zeitarbeitnehmer in ein Dauerarbeitsverhältnis. Die Berliner Filialen von OFFiS, ranstad und manpower bestätigen diese Bereitschaft. Zeitarbeit ist ein Sprungbrett in eine Wunschbeschäftigung.

Bei so vielen Vorzügen scheint Zeitarbeit die Beschäftigungsform der Wahl zu sein. Zumindest übergangsweise. Selbst Kritiker räumen ein: Zeitarbeit liefert qualitativ und quantitativ einen Beschäftigungsbeitrag auf dem Arbeitsmarkt, hat also eine arbeitsmarktentlastende Wirkung.

Außerdem hat sich die Branche zur Jobmaschine in eigener Sache entwickelt. Seit 1990 hat sich die Zahl der Zeitarbeitsbetriebe um 78 Prozent erhöht. Zum Jahreswechsel 1998 / 1999 zählte die Bundesanstalt 4 581 Niederlassungen von Zeitarbeitsbetrieben mit dem Hauptzweck Arbeitnehmerüberlassung und sogenannte Mischbetriebe (mit zusätzlichen Dienstleistungen wie Personalvermittlung, Outsourcing, Outplacement oder Interims-Management). Das Gesamtumsatzvolumen der Branche addierte sich um fast 20 Milliarden Mark. Für 1999 rechnet der Verband mit einem Wachstum um zehn Prozent.

Gleichwohl haftet der Arbeitnehmerüberlassung nach wie vor ein zweifelhafter Ruf an: Lohndumping, unseriöse Arbeitsverträge oder ungeklärte Arbeitsbedingungen lauten die Hauptvorwürfe. Der BZA gelingt es, allen Kritikpunkten schlagkräftige Gegenargumente entgegenzusetzen. Immerhin können die Bonner auf einige Pluspunkte verweisen

Büro- und Verwaltungsberufe machen heute 13 Prozent der Vermittlungen aus.

Der Frauen-Anteil ist auf 22 Prozent gestiegen.

Technische Berufe werden mehr und mehr nachgefragt und machen inzwischen vier Prozent der Vermittlungen aus.

Fast zwei Drittel der Zeitarbeitnehmer benutzen die Branche als Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit.

Auch Ungelernte bekommen in dieser Branche noch eine Chance. Ihr Anteil an den Beschäftigten liegt bei 26,6 Prozent.

Möglicherweise wäre die Liste der Pluspunkte sehr viel länger, wenn das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) nicht so rigide wäre. So jedenfalls stellt es der Bonner Verband dar und kritisiert unter anderem: "Legale Zeitarbeit auf dem Bau ist besser als illegale Beschäftigung und Schwarzarbeit." Der Vorwurf zielt auf das Überlassungsverbot in das Bauhauptgewerbe (§ 1b AÜG). Ferner fordert er die Zulassung befristeter Arbeitsverträge (§ 3 Abs.1 Nr. 3 AÜG) und vor allem die Streichung des Synchronisationsverbotes, wonach die Laufzeit des Arbeitsvertrages mit der Dauer des ersten Einsatzes des Zeitarbeitnehmers beim Entleihbetrieb nicht identisch sein soll (§ 3 Abs. 1 Nr. 5 AÜG). Auch die höchstzulässige Überlassungsdauer von zwölf Monaten (§ 3 Abs. 1 Nr. 6 AÜG) steht ganz oben auf der Wunschliste für Streichungen im Gesetz. BZA-Hauptgeschäftsführer Gert Denkhaus: "Der Entleihbetrieb möchte gut eingearbeitete Mitarbeiter meist länger beschäftigen, zum Beispiel Ingenieure und Programmierer. Erziehungszeiten müssen in Betrieben personell überbrückt und Hochschulabsolventen besser ins Arbeitsleben eingeführt werden können."

Das sind Argumente, die vom Büro Führungskräfte der Wirtschaft (BFW) durchaus unterstrichen werden. Karl-Jürgen Rajar, Büroleiter der zur Bundesanstalt für Arbeit gehörenden Frankfurter Einrichtung mit Dependence in Berlin: "Da hat der Staat Hemmnisse aufgebaut." Im übrigen weist Rajar darauf hin, dass Zeitarbeit nicht mit "Management auf Zeit" verwechselt werden darf. Sogenannte Interims-Manager gehen vornehmlich als "Trouble-Shooter" in Unternehmen, um dort befristet auszuhelfen. Sie haben eher das Scheinselbstständigengesetz zum Problem. Zunehmend jedoch auch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, wie ZAV-Mitarbeiter Andreas Roepke aus Erfahrung weiß.

Unterschreiben hochdotierte Manager einen Arbeitnehmervertrag mit einem Zeitarbeitsunternehmen, stehen sie in einer Reihe mit allen anderen Zeitarbeitnehmern, die sich vor allem eins wünschen: mehr Gehalt. Die Zeitarbeit-Arbeitgeber zahlen nämlich im Schnitt zehn Prozent unter den branchen- und marktüblichen Gehältern. "Solange das so bleibt", sagt ein Student der Humboldt-Universität, der sich in den Semesterferien schon mehrfach als Zeitarbeiter verdingte, "wird es wohl bei der Sprungbrett-Funktion bleiben."Nähere Informationen: Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA)
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