Zeitung Heute : Begegnung: Hellmuth Karasek mit Konrad Adenauer am Gartenzaun

Hellmuth Karasek

Tübingen lag in der ehemaligen französischen Besatzungszone, es waren die fünfziger Jahre, und ich studierte dort deutsche und englische Literatur. Wir rauchten wir Gauloises und Gitanes, hörten Georges Brassens und sahen uns im Programmkino die "Kinder des Olymp" an. Es gab in Tübingen aber auch ein Amerika-Haus, aus dem damals die Bücher Dashiell Hammetts entfernt wurden: es war McCarthy-Zeit.

Ich wurde als Tutor des Asta nach Bad Godesberg geschickt, wo amerikanische Fulbright-Stipendiaten auf ihr Jahr in Deutschland vorbereitet wurden. Ich sollte sie in deutsche Sitten und Gebräuche in Tübingen instruieren. Ein Student, der später nach Tübingen kam, um bei einer deutschen Familie zu leben, hatte mich noch im Vorbereitungskurs in Bad Godesberg gefragt, ob er bei seiner Gastgeberfamilie besser Blumen oder Konfekt mitbringen solle. Ich hatte ihm zu Blumen geraten. Doch dann sagte er zu seiner Gastgeberin bei der Begrüßung (ich wäre, als Tutor und Augenzeuge, dabei am liebsten vor Scham in den Boden versunken): "Wie ick höre, rieckst du besser als du schmeckst!"

Konrad Adenauer war damals Bundeskanzler, zum zweiten Mal gewählt, ein Kanzler mit einer robusten eisernen Mehrheit. Man erzählte sich damals, mitten in der deutschen Restauration, gern einen Witz: Wie Adenauer beim Papst in Rom auf Audienz war, und wie die Putzfrau des Papstes, als sie aus Versehen die Türe öffnete, hörte, wie der Papst zu Adenauer sagte: "Aber Herr Bundeskanzler, ich bin doch schon katholisch." So beflissen waren wir Deutsche damals.

Als ich und andere deutsche Tutoren damals den amerikanischen Stipendiaten in einem Wochenkurs in Bad Godesberg deutsche Sitten und Gebräuche nahe zu bringen versuchten, kam an einem Abend in fröhlicher demokratischer Bierlaune die Idee auf: Warum sollte die Gruppe der Studenten aus New York, Texas, Berkeley und Los Angeles nicht den Kanzler der jungen Bundesrepublik von Angesicht zu Angesicht sehen? Bad Honeff war von Bad Godesberg nur einen Katzensprung entfernt. Ich sollte das doch einmal probieren.

Ich rief also, natürlich mit Hilfe der Fulbright-Organisation, im Kanzleramt an: Ob wir den Kanzler in seiner Villa, wo er bekanntlich, wenn er nicht in Bonn regierte, Rosen züchtete, besuchen dürften. Nicht im Haus bei Kaffee und Kuchen, versteht sich. Sondern am Gartenzaun. Zum Beispiel, wenn er früh morgens zur Arbeit nach Bonn abgeholt wurde. Das Bundeskanzleramt war sehr kooperativ. Immerhin handelte es sich um Amerikaner, die damals noch die wahren Herren Westdeutschlands waren und vom Petersberg aus Deutschland regierten (nachzulesen in Wolfgang Koeppens Roman "Treibhaus").

Wir durften also früh an den Gartenzaun mit den Rosenhecken. Wir wurden damals, selig unschuldige Zeiten!, weder personell erfasst noch auf Waffen gefilzt und kontrolliert. Wir standen einfach am Morgen, fröstelnd und erwartungsfroh an der Gartentür der Adenauer-Villa und warteten, dass er rauskäme und uns begrüßte, bevor er in seinen Mercedes stieg, um nach Bonn zum Regieren zu fahren.

Der Kanzler kam, er war groß, hager, hatte einen leichten hellen Mantel an und trug über seinem faltigen Indianergesicht einen steifen Hut. Ich durfte ihm kurz erklären, was er schon wusste. Und er begrüßte die amerikanischen Studentinnen und Studenten, indem er ihnen auf Rheinisch zurief: "Studieren Sie, meine Damen und Herren, gut! Lernen Sie Deutschland kennen!" Einige Studenten schossen Fotos, der Kanzler stieg ins Auto, wir winkten, es war eine zivile, private, fast beiläufige Szene. Dann wurde der Kanzler mit seinem Mercedes nach Bonn gebracht. Ich bin nicht einmal sicher, ob ein Polizeiwagen vorausfuhr.

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