Begegnung mit Meir Shalev : Meine Oma, ihr Staubsauger und ich

Der israelische Bestsellerautor Meir Shalev hat es daheim gern sauber und aufgeräumt. So kennt er es aus seiner Kindheit. Eine Begegnung

Heißer Feger. Mit so einem Gerät hat die Großmutter des Schriftstellers im Haus gewirbelt – nur anders gekleidet.Illustration: Copyright David Polonsky
Heißer Feger. Mit so einem Gerät hat die Großmutter des Schriftstellers im Haus gewirbelt – nur anders gekleidet.Illustration:...

Schöner geht’s nicht. Ein riesiges, chromglitzerndes Gehäuse, ein langes, biegsames Saugrohr – wie einen Cadillac im Hollywood der 30er Jahre hat man ihn sich wohl vorzustellen, diesen Staubsauger, der ein echter Feger ist: „Sweeper“ hat ihn die Großmutter stolz genannt. Wie ein Wesen von einem anderen Stern kam er in einer gigantischen Kiste auf dem Pferdewagen in das kleine, staubige palästinensische Dorf, geradewegs aus Amerika, diesem, wie der Großvater findet, verfluchten kapitalistischen Land. Dessen Bruder hatte ihn geschickt, um den Zionisten und Sozialisten zu ärgern. Denn das Gerät von General Electrics war zu pompös, um es, wie alle anderen Geschenke, zurück nach Kalifornien zu schicken.

Meir Shalev hat ihn nie gesehen, den „Sweeper“. Und doch kennt er ihn ganz genau: aus den Erzählungen der Mutter, der ganzen großen Familie. Jetzt hat der Schriftsteller ihn zum Helden seines neuen Buchs „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ (Diogenes Verlag) gemacht. Dessen Heldin natürlich die Großmutter ist, auch wenn sie eigentlich so wenig dazu taugt wie ein Staubsauger. Ein Putzteufel ist diese Tonia, ihre armen Kinder schmeißt sie morgens um fünf aus dem Bett, damit sie den längst sauberen Boden wischen, statt in die Schule zu gehen. Und sind die Zimmer blitzblank, werden sie zugesperrt. Damit sie nicht wieder schmutzig werden. Zum Duschen wird die Familie nach draußen geschickt, unter die „vorzügliche Dusche“, wie Tonia den Schlauch an der Wand des Kuhstalls nennt. „Kompletter Irrsinn“, sagt Shalev und lacht. „Zum Glück hatten alle einen guten Sinn für Humor.“

Er habe, sagt der Enkel, der inzwischen selbst im besten Großelternalter ist, durchaus Ähnlichkeiten mit seiner Großmutter. Glauben mag man es nicht, am Abend vorher hat der populäre israelische Schriftsteller sein Berliner Publikum bestens amüsiert, jetzt am Morgen, beim Gespräch vor dem Hotel Savoy, gibt der 63-Jährige freundlich Auskunft. Zum Beispiel, dass er während des Schreibens an seiner humorvollen Hommage an die starke, störrische, gleichwohl liberale Großmutter eine Theorie entwickelt hat, warum sie so fanatisch geputzt hat. Nicht, weil sie wirklich so sauber war, glaubt Shalev. Normalerweise sind Reinlichkeitsfanatiker ja ordentliche Leute. Sie nicht, habe auch keinen Wert auf ihr Äußeres gelegt. „Sie war anders.“ Anstrengend. Als Außenseiterin, unbeliebt im Dorf wie in der Familie, hat sie mit dem Putzen ihr Terrain abgesteckt, dessen Grenzen sie vehement verteidigte, das sie nie verlassen hätte. „Dort war sie die Königin“, erinnert sich der Enkel.

Die Besessenheit, die hat Shalev von der Oma geerbt. Sagt er. Seine Obsession ist das Schreiben. Er glaubt nicht, dass man einen Roman überhaupt schreiben kann, ohne besessen zu sein, „das ist harte, langwierige Arbeit“. Eine Wahl hatte er nicht: Shalev schreibt, weil er schreiben muss. Die Geschichten wollen erzählt sein. Da nehme man nicht immer Rücksicht auf die Bedürfnisse von anderen. „Das ist nicht nett, aber man muss egozentrisch sein. Nicht unbedingt egoistisch, aber egozentrisch.“

Der Individualist arbeitet gern allein, schafft sich sein eigenes Königreich durch das Schreiben. Das dem Putzen, wie er findet, gar nicht so unähnlich ist: Auch er schleift und poliert seine Sätze, seine Bilder, den Erzählfluss, bis alles glänzt. Oder er schmeißt es raus. Da ist er Perfektionist. Genau wie seine Großmutter, die das Putzwasser so lange gegen das Licht prüfte, bis es ganz und gar durchsichtig war.

Das Gute ist: Shalev, der Bestsellerautor von „Judiths Liebe“, kann überall schreiben, könnte es auch hier, auf der belebten Fasanenstraße in Berlin, weder Lärm noch Musik stören ihn. Er muss nur seinen Laptop aufklappen und los geht’s. Jeden Morgen steht er um fünf auf und fängt an zu arbeiten. Mit seinem Lieblingsonkel, der Bauer in Nahalal ist, dem Dorf der Großeltern, scherzt er gern: „Ihr steht so früh auf, um eure Kühe zu melken, und ich, um mich selbst zu melken.“

Die Kunst des Erzählens, glaubt Shalev, hat er bei der Großmutter gelernt. Während die anderen Jungs alle draußen auf den Feldern waren, auf dem Pferd oder dem Traktor saßen, „all diese männlichen Sachen“, blieb er als Kind lieber bei den Frauen zu Hause. Saß mit Mutter, Oma, Tante auf der Veranda, wo sie Kartoffeln schälten, Obst für die Marmelade schnippelten und das Fleisch vorbereiteten.

Während fast alle anderen in der Familie genervt waren von den Geschichten der Oma, die sie schon auswendig kannten, konnte Meir sie nicht oft genug hören. Für ihn hatten die mit rollendem R und starkem russischen Akzent vorgetragenen Geschichten aus der Kindheit in der Ukraine, „von Schnee und Eis und Wölfen und den Zigeunern und dem Fluss mit den Schwänen drauf“, etwas Märchenhaftes. Nostalgisch waren die Geschichten nie, Sehnsucht nach der alten Heimat hatte Tonia keine. Ihr Großvater war während der Pogrome vor dem Ersten Weltkrieg umgebracht worden, die Familie wanderte nach Palästina aus.

Über die tiefe Sehnsucht nach einem Zuhause, über das Verhältnis, das man hat zu dem Haus, in dem man lebt, geht es in Meir Shalevs vorigem Roman „Der Junge und die Taube“. Wohnhäuser waren ihm selbst eigentlich immer herzlich egal. „Ich kann Beziehungen zu einer Stadt, zu einem Dorf haben, aber nicht zu einem Gebäude.“ Die Wohnung in Jerusalem ist das Terrain seiner Frau, der er einen guten Geschmack bescheinigt. Solange sie seinen Schreibtisch nicht anfasst, kann sie machen, was sie will. Und plötzlich, sagt er, „kam die Revolution“. Vor elf Jahren guckte er sich ein unscheinbares altes Häuschen an, fünf Kilometer weg von Nahalal, dem Dorf, in dem er auch geboren wurde, wo heute noch Tanten und Onkel leben. Da war es um ihn geschehen. „So was hatte ich noch nie gefühlt. Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Er kaufte es gegen den Willen seiner Frau.

Nachdem das Häuschen fertig renoviert, aber noch unmöbliert war, fuhren sie an einem Abend spontan die zweieinhalb Stunden gen Norden. Es war eine Vollmondnacht, „sehr romantisch. Wir kamen uns vor wie ein junges Paar.“ Auf dem Weg erklärte er ihr: Ich glaube, ich werde ein Buch über das Haus schreiben. Und wirklich, am nächsten Morgen – geschlafen hatten sie auf ihrer Jerusalemer Matratze, die er einfach auf seinen Pick-up-Truck geschmissen hatte – hockte er sich auf den nackten Boden, klappte den Laptop auf und fing an: „Der Junge und die Taube.“

Wann immer seine Frau, eine Stewardess, unterwegs ist, flieht Shalev jetzt in sein Häuschen.

Auch, um sich von Jerusalem zu erholen, der Stadt, zu der er ein ambivalentes Verhältnis hat. Und nicht nur, weil sie für seinen Geschmack zu dreckig ist. Als er auf sie zu sprechen kommt, wird Shalev das erste und einzige Mal wütend. „Es gibt drei große Städte von einst im Mittelmeerraum: Rom, Athen und Jerusalem. Rom und Athen leben in Frieden mit ihrer Vergangenheit. In Jerusalem ist sie wie ein Atomkraftwerk, das außer Kontrolle geraten ist. Es tötet alle drumherum.“

Über sein Häuschen wacht Shalev fast eifersüchtig. Gäste sind immer willkommen, aber Bilder aufhängen oder neue Möbel anschaffen ist strengstens verboten. Er hat es gern japanisch, wie er sagt: „sauber und leer“. Innendrin auf jeden Fall. Draußen im Vorgarten dürfen die wilden Blumen wuchern, deren Samen er aus den Bergen und Feldern mitbringt, Anemonen und Narzissen und Mohn. „Ich bin ein halber Profi geworden.“

Schon wenn Shalev in die Jesreel-Ebene kommt, hat er das Gefühl, wie eine Hand in den Handschuh zu gleiten. Er passt perfekt. „Die Landschaft, der Geruch, die Natur, das ist mir alles sehr nah.“

Einen Staubsauger hat er nicht in seinem Häuschen. Nur in Jerusalem steht einer, ein starker, moderner. Aber den bedient er nie, das ist nicht sein Job. Er ist zuständig für die Wäsche, bügelt auch, gut, wie er sagt, und gerne. „Ich denke beim Bügeln.“ Was aus dem Sweeper der Großmutter wurde, darf man nicht verraten, um die Pointe nicht preiszugeben. Nur so viel: Er nimmt kein gutes Ende.

Seine Onkel waren übrigens gar nicht begeistert von der Buchidee, sie machten sich Sorgen, wie er ihre Mutter porträtieren würde. Der Schriftsteller hat sie beruhigt: „Ihr werdet staunen, diese Dame, die zu Lebzeiten niemand leiden mochte, wird zu einer beliebten literarischen Figur.“ Und in der Tat: Die Bustouren zu den Schauplätzen seiner Bücher, von denen viele im Tal spielen, halten jetzt auch vor dem Häuschen der Oma, in dem heute die Tante wohnt. Obwohl es im vergangenen Jahr umgebaut wurde: „Man kann noch immer ihren Geist darin spüren.“

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