Zeitung Heute : Begegnungen: Hellmuth Karasek über den Wolken mit Jacqueline Bisset

Hellmuth Karasek erzählt jeden Sonntag von ei

Das war damals, 1974, einer meiner liebsten Filme: Francois Truffauts "Amerikanische Nacht", mit dem der französische Nouvelle-Vague-Regisseur gleichzeitig Hollywood huldigte und das Star-Kino milde belächelte - eine melancholische Komödie über die Kinder des Kino-Olymp. Blaue Filter vor den Kameralinsen verwandelten die tagsüber gedrehten Bilder in Nachtaufnahmen, in Szenen einer amerikanischen Nacht.

Jacqueline Bisset spielte den weiblichen Star. Sie war schön, eine unnachahmliche Mischung aus europäischer und amerikanischer Schauspielerei, zum Träumen und Verlieben mit der Illusion der Desillusion. Und Truffaut träumte die Vorahnungen seines Todes...

1993, also 19 Jahre später, bekam ich vor der deutschen Premiere von "Schindlers Liste" einen Interview-Termin mit Steven Spielberg in einem im mexikanischen Stil gehaltenen, an einem riesigen Golfplatz gelegenen Studio, das am Rande des Universal-Geländes lag. Dazu musste ich in drei Tagen zwei Mal sechzehn Stunden fliegen, nach Los Angeles und zurück, und damit ich keine Flugthrombose bekäme, bezahlte mir mein damaliger Arbeitgeber "Der Spiegel" einen Flug Erster Klasse. Ich schwebte also liegend über den Atlantik und den nordamerikanischen Kontinent, der Rückflug war so etwas wie meine amerikanische Nacht.

In der Wartelobby des Flughafens sah ich, dass auch Jacqueline Bisset den gleichen Flug gebucht hatte und als wir eingestiegen waren, bekam ich den Sitz neben ihr, nur durch den Gang im Obergeschoss des Jumbos getrennt, und wenn ich die Augen schloss, konnte ich mich an Bisset erinnern, Bilder, wie sie in "The Deep" mit ihren Sommersprossen und den wunderbar klaren blauen Augen aus der Karibik-Tiefe an die glitzernde Wasseroberfläche schoss, eine meergeborene sportgestählte Venus, ein Kinotraum von Ferien und Abenteuer. Öffnete ich die Augen, dann war sie wirklich da, in eine graue Decke gewickelt.

Später kam die Stewardess und fragte, ob ich denn rauchen wolle (offenbar ging das 1993 in der Ersten Klasse der Lufthansa noch), und als ich verneinte, nein, nein, ich sei Nichtraucher, bot sie mir an, ich könne mich weiter nach hinten setzen. Denn meine Nachbarin, sie deutete diskret auf Jacqueline Bisset, wolle rauchen und mich dabei nicht stören. Ich ließ meiner Nachbarin bestellen, dass mich ihr Rauchen keineswegs stören würde. Vielleicht habe ich ihr sogar sagen lassen "Ganz im Gegenteil", weil man als Fan ja immer übertreibt... Jedenfalls schenkte sie mir in der Folgezeit während der Züge an ihrer Zigarette ein freundliches, ja dankbares Lächeln und fächerte gleichzeitig den Rauch aus meiner Richtung.

Natürlich wollte ich sie nicht fragen, ob sie Jacqueline Bisset sei und sagen, dass ich sie gleich erkannt hätte und das nach fast 20 Jahren, und dass sie sich nicht verändert habe, ganz im Gegenteil. Aber ich hatte in meinem Handgepäck den herrlichen Prachtband über die Universal Studios von Uwe Hirschkorn dabei, der mir in meiner Sammlung noch gefehlt hatte, und den ich am Nachmittag in einem Antiquariat am Hollywood Boulevard gefunden und gekauft hatte. Ich hatte diesen kostbaren Fund natürlich nicht aufgegeben, sondern bewachte ihn die Reise über lieber selbst.

Mir fiel ein, dass Bisset für Universal 1978 mit Anthony Quinn "The Greek Tycoon", "Der große Grieche", gedreht hatte: Sie spielte Jacqueline Kennedy, Quinn Onassis. Ich blätterte, suchte das entsprechende Bild, fand es, und als sie mich wieder anlächelte, zeigte ich ihr den Band und das Bild.

Was ich in meinem Eifer vergessen hatte: "Der große Grieche" ist einer der miserabelsten Filme, die je das Licht der Leinwand erblickten. Meine subtil gedachte Wiedererkennungsgeste war in Wahrheit eine Taktlosigkeit. Jacqueline Bisset lächelte von da an nur noch etwas angestrengt zu mir herüber.

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