Zeitung Heute : Begegnungen: mit Ernst Bloch im Theater

Hellmuth Karasek

Im Jahr 1961 zog der 76-jährige Philosoph Ernst Bloch aus Leipzig, wo er das geistige Zentrum der marxistischen Philosophie verkörperte, in den Westen, nach Tübingen. Freunde von Walter Jens hatten den Umzug ermöglicht. Bloch hatte wenige Jahre zuvor noch den Nationalpreis der DDR erhalten und galt doch in der SED- und Ulbricht-Republik als unbequemer Utopie- und Querdenker, der als mühsam poliertes Aushängeschild dienen sollte. Mit Bloch also zog der utopische Sozialismus aus dem Stalinismus in den Westen. Wir alle buchstabierten damals das "Prinzip Hoffnung" mit den drei berühmten Eingangssätzen Blochs: "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Also werden wir noch!" Vom freigeborenen, eher fremdbestimmten Ich zum hoffnungslosen kollektiven Wir! Welch eine Hoffnung, welch eine Chance.

1963 war ich am Stuttgarter Staatstheater (offiziell: die Württembergischen Staatstheater) Dramaturg und hatte Rudolf Noelte gewinnen können, den "Snob" von Carl Sternheim in Stuttgart zu inszenieren, mit Heinz Baumann, Immy Schell, Hans Mahnke und Mila Kopp - eine längst legendäre, hoch besetzte Aufführung, die den wilhelminischen Spießer mitsamt seiner darwinistischen Gefährlichkeit und Lächerlichkeit auf die Bühne brachte.

Ich lud Ernst Bloch und seine Frau zu einer Aufführung, der Hochgeehrte kam. Anschließend war ich mit ihm zum Essen verabredet: Dafür lohnt sich das Arbeiten, dachte ich, damals 29 Jahre alt.

Bloch, ein imponierender Patriarch mit dicken Brillengläsern und schlohweißem Haar, das ihm direkt in die Stirn wuchs, hielt sich nicht lange mit der Aufführung auf, die ihm gefallen hatte. Er war, während er Pfeife rauchte, die er immer wieder bearbeitete, ansteckte, schmauchte, ein glänzend kurzweiliger, weitschweifiger Geschichtenerzähler. Ich erinnere mich, wie er vom Prager Schneider erzählte, der in einer Fachzeitung vor 1914 Artikel gegen den Zaren veröffentlicht hatte: Die wird er sich nicht hinter den Spiegel stecken, sagte der Schneider stolz. Und wie er nach Ausbruch des Weltkriegs 1914 geschrieben habe, der Krieg würde nur noch wenige Wochen dauern. Alle Bekannten hätten ihn ausgelacht. Aber, so Bloch in einer dialektischen Volte, 1916 spätestens sei allen das Lachen vergangen: Dieser Krieg hätte in der Tat keine Jahre dauern dürfen, dann hätte er Europa nicht so endgültig zerstört.

Ich hörte fasziniert zu, während Bloch eine Parallele vom Prager Schneider zu Karl Marx zog. Auch Marx habe im "18. Brumaire" vorausgesagt, die Weltrevolution würde beginnen, wenn Frankreich sie einläuten würde. Alle hätten gelacht, als die Revolution in St. Petersburg 1917 in Rußland begonnen habe. Aber, so Bloch (und dabei sah er mich zwischen zwei Zügen an der Pfeife unwiderstehlich listig und lustig durch seine dicken Brillengläser an), habe Marx nicht Recht behalten? Sei das, was in Petersburg stattgefunden habe, nicht wirklich nur ein Aufstand in einem rückständigen Land gewesen? Und warteten wir nicht noch immer auf die "wahre Revolution"?

In der Zeit danach erinnerte sich Frau Bloch an die Tagung der "Gruppe 47" in Saulgau. Dort habe Peter Weiss seinen später weltberühmten "Marat/de Sade" vorgelesen, ja vorgetrommelt. Ich erinnerte mich auch. Und Frau Bloch schwärmte maliziös von Professor Hans Mayer, der wie Bloch in Leipzig gelehrt und wie Bloch nach Tübingen übersiedelt war. "Er ist ja so gescheit, so eloquent", schwärmte Frau Bloch boshaft. Obwohl er während der Peter-Weiss-Lesung gar nicht im Saal gewesen sei, habe er in der anschließenden Diskussion doch das Meiste und das Klügste über das Stück von Peter Weiss gesagt! Bloch sah seine Frau anerkennend und prüfend an, schmauchte an seiner Pfeife und nickte dann stumm.

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