Zeitung Heute : Begegnungen: Wie ich einmal auf Erich Mielkes Toilette landete

Erich Mielke wurde 1907 in Berlin geboren[trat mi]

Erich Mielke wurde 1907 in Berlin geboren, trat mit 18 der KPD bei. 1931 wurde er des Mordes an zwei Polizisten auf dem Bülowplatz beschuldigt, Mielke floh nach Moskau. Von 1950 bis zum Ende der DDR stand er an der Spitze der Stasi, für die Morde vom Bülowplatz wurde er 1993 verurteilt, alle anderen Ermittlungen wurden wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Im Mai 2000 starb Mielke im Alter von 92 Jahren.

"Ich liebe euch doch alle", hatte Erich Mielke vor der Volkskammer vorwurfsvoll gesagt, als man seiner aufdringlichen fürsorglichen Zuneigung überdrüssig war. Die Mauer war gefallen und mit ihr stürzte der Geheimdienst-Minister und oberste Spitzel-Bewacher der DDR.

"Ich liebe euch doch alle!" Und wir hatten ihm nicht geglaubt. Wir - die Kampfpresse des Klassenfeindes, wir vom "Spiegel" - waren auch gar nicht gemeint.

Im September und Oktober 1990 suchten wir ein Interview mit Wolf Biermann, der nach seiner erzwungenen Emigration aus der DDR im November 1976, nach 14 Jahren also, in die DDR zurück durfte. Es war eine seltsame, eine schwebende Zeit. Die alte Staatsmacht, mit dem Mauersturz vom November 1989 zerschellt, existierte nicht mehr. Aber es gab sie noch.

Zum Beispiel in der Normannenstraße, in Mielkes Ministerium für Staatssicherheit. Zwar war Mielke als Minister gestürzt, aber sein Ministerium bestand noch. Es zerschredderte gerade Unmengen von Stasi-Akten. DDR-Bürgerrechtler hatten Teile des Ministeriums besetzt, um die Aktenvernichtung aufzuhalten. Wolf Biermann war unter den Besetzern. Als wir ihn um ein Interview baten, mein Kollege Ulrich Schwarz und ich, sagte uns Biermann: Kommt doch in die Normannenstraße. Wir machen da gerade einen Sitzstreik.

Wir kamen. Um elf Uhr vomittags. Es war leicht, am Pförtnerhäuschen vorbei zu kommen und eingelassen zu werden. Wir brauchten nur zu sagen, dass wir eine Verabredung mit Wolf Biermann hätten, der wachhabende Offizier telefonierte, ein anderer Offizier kam, holte uns ab, führte uns in ein Gebäude, in eine Art Kantine, und schon trafen wir Biermann, der irgendwie gemütlich aussah, aber auch irgendwie wie im Bürgerkrieg, wo man eben in einer Schule, in einer Kaserne, einem Ministerium oder einer Kantine biwakiert.

Wo wir denn das Interview führen könnten? Biermann zuckte die Achseln. Durch die Räume wuselten Hausbesetzer, Stasi-Offiziere, Angestellte. Ach, irgendeinen Raum werden wir schon finden, meinte Biermann. Und dann blitzten seine runden Augen übermütig. "Wollen wir das Interview nicht im verwaisten Zimmer des Ministers führen? Im Allerheiligsten"! Wir waren von der Idee sofort begeistert.

Der Polizei-Offizier, dem wir sie vortrugen, zögerte. Da müsse er, selbstverständlich, einen Vorgesetzten fragen. Das ginge über seine Kompetenz.

Selbstverständlich, sagten wir. Und ob er nicht telefonisch einen Vorgesetzten fragen könnte. Er ging zum Telefon, wählte, erreichte einen Vorgesetzten und trug ihm unser Anliegen vor. Lange Pause. Schließlich wollte der höhere Offizier am anderen Ende der Leitung erst Biermann und dann mich, "den Herrn vom Spiegel" sprechen. Er sei in einem Dilemma, erklärte er, denn einerseits sei Biermann ein Feind des Staates und des Ministeriums, das er vertrete. Immer noch. Andererseits sei er immer ein begeisteter Bewunderer von Biermanns Kunst gewesen. Er habe alle Platten, obwohl die verboten waren.

Seine Bewunderung besiegte seine Skrupel. Wir durften das Interview in Mielkes holzgetäfelten, piefigen Büro mit Wandschränken und einem klobigen altmodischen Telefon (das war also das Zentrum der Macht!) führen.

Stolz ließen wir uns von dem Fotografen bei dem Gespräch ablichten. Fast wie Jäger, die den Fuß auf den erlegten Zwölfender setzen. Und dann, am Schluss, am Ende des Interviews, sind wir ins Allerheiligste gegangen, in Mielkes Privattoilette und haben, wie Knaben in einem Indianerspiel, in Mielkes Becken gepinkelt. Sieger. Sieger der Geschichte!

Mit Überheblichkeit habe ich registriert, dass der Klodeckel aus Plastik war und ebenso die Rohre und die Armaturen der Waschbecken. Plaste und Elaste im Herzen der Macht! Dieser Sozialismus hatte nicht siegen können. Keinesfalls!

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